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Schicke dein Feuer bis zum Schluss!

Wie für so viele meiner Generation begann die Beschäftigung mit Lateinamerika zur Zeit der Regierung der Unidad Popular in Chile. Die Bilder der Bomben auf die Moneda, die den Versuch, durch demokratische Wahlen die Gesellschaft zu verändern, brutal zunichtemachten, löste kalte Wut aus. Fortan trat das Engagement in der Hochschulpolitik zurück gegenüber dem in der Solidaritätsbewegung mit den kämpfenden Völkern Lateinamerikas im Jahrzehnt der Militärdiktaturen.
Das wichtigste Buch überhaupt, um nicht „Bibel“ zu sagen, war Eduardo Galeanos Die offenen Adern Lateinamerikas: kein wissenschaftliches Werk, sondern das engagierte Sachbuch eines Journalisten, das es schon durch die Fülle der historischen, sozialen und politischen Fakten schaffte, ein klares Bild von der gnadenlosen Ausbeutung des Subkontinents zu zeichnen. Ein journalistisches Meisterstück, das die Tatsachen für sich sprechen lässt und allein dadurch die Lesenden dazu bringt, Schlüsse zu ziehen und Partei zu ergreifen. Damals hätte ich nie gedacht, dass Galeano einmal ein Freund werden würde, dessen Bücher ich in ihren deutschen Ausgaben betreuen und dann auch übersetzen sollte.
Als ich nach dem Studium das Lektorat im Wuppertaler Peter Hammer Verlag übernahm, hatte Galeano im katalanischen Exil gerade den ersten Band der Erinnerung an das Feuer – Geburten fertig gestellt, ein Monumentalwerk, in dem er die Geschichte Lateinamerikas in Quellen und Dokumenten nacherzählt. Hermann Schulz hatte als junger Verleger Galeano Ende der 1960er Jahre in San José getroffen und die offenen Adern in den Peter Hammer Verlag geholt. Monika López hatte den ersten Band der als Trilogie angelegten Erinnerung übersetzt; mir fiel es zu, daraus ein Buch zu machen. Was mich sofort beeindruckte und sich gegenüber den Offenen Adern entwickelt hatte, war Galeanos Fähigkeit, einen Sachverhalt, eine Situation, Begebenheit oder Geschichte so auf den Punkt zu bringen, dass eine extreme Verdichtung zustande kommt: Was für die Leser*innen mit großer Leichtigkeit aufs Papier geworfen erscheint, ist in Wahrheit Ergebnis harter Arbeit des Feilens und Polierens, bis alles Überflüssige aus dem Text verschwunden ist, alles Wesentliche aber erhalten bleibt. Galeano, der so sprachgewaltig war, konnte Geschwätzigkeit nicht ausstehen. Hohle Phrasen, falsches Pathos waren ihm immer ein Gräuel. So gelang es ihm meisterhaft, eine perfekte Balance zu schaffen, in der die Dinge von allein zum Klingen kommen: Die Lesenden ziehen ihre Schlüsse selbst. Natürlich bedarf es dazu einer unglaublichen Präzision im Ausdruck, die den Übersetzer vor Herausforderungen stellt: Galeano liebte es, Neologismen zu kreieren, den Wörtern einen neuen, ungewöhnlichen Sinn zu geben – oder einen anderen, besseren als den bekannten aus ihnen herauszuholen. Sätze wie der folgende waren keine Seltenheit bei ihm:

„Me gusta la gente sentipensante, que no separa la razón del corazón. Que siente y piensa a la vez. Sin divorciar la cabeza del cuerpo, ni la emoción de la razón.“

Also auf Deutsch ungefähr: „Ich mag denkend-fühlende Menschen, die die Vernunft nicht vom Herzen trennen. Die gleichzeitig fühlen und denken. Ohne den Kopf vom Körper zu trennen, das Gefühl vom Verstand.“
Aber natürlich ist „Vernunft-Herz“ nicht das Gleiche wie razón-corazón, und für die deutschen Leser*innen gehen solche Konnotationen, Andeutungen und Subtilitäten unweigerlich verloren – man mag das dem Übersetzer verzeihen.
Ich habe dieses Zitat nicht zufällig gewählt, denn tatsächlich war die Verbindung von Herz und Verstand kennzeichnend für Galeanos Werk und seine Art, die Welt zu sehen, sei es, wenn er über die Geschichte seines Kontinents oder der Welt schrieb, wahrhafte „Geschichte von unten“, sei es, wenn er einfach Geschichten aus dem Leben der Menschen, der „kleinen Leute“ erzählte, wie die folgende aus Zeit, die spricht, anrührend in ihrer ganzen Schlichtheit:

Der Jakaranda-Baum
Nachts schleppte Norberto Säcke im Hafen von Buenos Aires.
Am Tag baute er, fern des Hafens, dieses Haus. Blanca reichte ihm die Ziegel und die Eimer mit dem Mörtel an, und so wuchsen die Wände um den ungepflasterten Innenhof.
Dieses Haus war halb fertig, als Blanca vom Markt einen Jakaranda-Baum mitbrachte. Es war ein kleiner Baum, sie hatte ein Heidengeld dafür bezahlt, Norberto fasste sich an den Kopf:
„Du bist verrückt“, sagte er. Und half ihr, ihn zu pflanzen.
Als das Haus fertig war, starb Blanca.
Die Jahre sind vergangen, und Norberto geht nur noch wenig aus dem Haus. Einmal in der Woche fährt er ins Stadtzentrum und trifft sich mit anderen Alten, die demonstrieren, weil die Rente ein Fliegendreck ist, der nicht mal reicht, den Strick zu kaufen, um sich damit aufzuhängen.
Wenn Norberto spät am Abend heimkommt, wartet der Jakaranda-Baum auf ihn.

So hat Galeano ja viele Geschichten geschrieben, von berühmten, weniger berühmten und, wie hier zitiert, ganz unbekannten Leuten. Er war ein wahrhaftiger „Geschichtensammler“, der einen unfehlbaren Blick für das Tragische und das Komische dieser Welt besaß und immer auf der Seite der Schwachen und Unterdrückten stand, der Verlierer.
In einem Nachruf für Eduardo muss ein Wort gesagt werden über sein Verhältnis zu Nicaragua und zur Sandinistischen Revolution: Er hat diese Revolution begleitet, gefeiert und verteidigt, unbeschwerter, rückhaltloser als die kubanische, weil er sie für undogmatischer hielt. In jenen Jahren war er viele Male in Nicaragua, wir haben uns oft dort gesehen, waren zusammen im Land unterwegs. Die derrota electoral, das Ende der Revolution durch die Wahlniederlage im Februar 1990, hat ihn genauso schockiert und frustriert wie uns alle damals, aber es hat ihn nicht an dieser Revolution zweifeln lassen. Was ihn zweifeln, fast verzweifeln ließ, war die anschließende hemmungslose Bereicherung einiger Leute aus der Führungsschicht der FSLN, die so genannte Piñata. Die konnte er nicht akzeptieren, und er ist danach nie wieder nach Nicaragua zurückgekehrt.
Das letzte Buch von Eduardo, das ich übersetzte, war Kinder der Tage. Es endet mit einem Satz, dem letzten Satz des letzten Textes des Buches, der exemplarisch für Eduardos Leben und Werk stehen kann, weshalb ich ihn noch einmal wiedergebe:

Die Reise des Wortes
Im Jahre 208 schrieb in Rom Serenus Sammonicus ein Buch, Geheime Dinge, in dem er seine Entdeckungen in der Heilkunst weitergab.
Dieser Arzt zweier Kaiser, Dichter, Besitzer der besten Bibliothek seiner Zeit, schlug unter anderen Heilmitteln eine unfehlbare Methode vor, um das Tertiärfieber zu vermeiden und den Tod zu verjagen: Man musste sich ein Wort um den Hals hängen und sich damit Tag und Nacht schützen.
Es war das Wort „Abrakadabra“, das im alten Hebräisch so viel bedeutete und immer noch bedeutet wie: „Schicke dein Feuer bis zum Schluss.“

Genau das hat Eduardo Galeano getan. Sein Herz und sein Verstand werden uns fehlen.

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