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Schweigende Blicke und schwere Entscheidungen

Juan Desouza ist ein 38-jähriger Anwalt aus Buenos Aires. Er scheint ein sorgenfreies Leben in den besten Jahren zu führen. Seine Frau Claudia ist Ärztin. Wenn sein Vater sich wieder einmal weigert, vom Pflegepersonal gewaschen zu werden, erledigt das sein Sohn. Mit diesem Vater scheint Juan mehr zu teilen, als mit anderen Menschen. Trotz der geistigen und physischen Beeinträchtigung des Vaters spinnt sich in diesem Verhältnis ein intimes Band, eine Nähe, die selbst in der Beziehung zu Claudia zu fehlen scheint. Irgendetwas scheint diese homogene Oberfläche des angeblich glücklichen Ehepartners und erfolgreichen Geschäftsmannes zu durchbrechen.
Als er zu einem Geschäfstermin in die Provinz beordert wird, stirbt sein Sitznachbar während der Busfahrt. Leise und unbemerkt schleicht sich Juan hinaus. Der Verstorbene dient Juan mit seinem Namen nun als eine andere Identität: So wird aus dem verstorbenen Manuel Salazar die Gestalt des Doktor Salazar, alias Juan Desouza, welcher sich in einem Zwei-Sterne Hotel einquartiert. Aus der eintägigen Geschäftsreise wird unerwartet ein längerer Aufenthalt.
Die Motive bleiben allerdings unausgesprochen. Kein Hinweis zur Erklärung seines Verhaltens steht den BetrachterInnen zur Verfügung. Nur schweigende Blicke, die eine Form von Unverständnis seiner Umwelt gegenüber zur Schau stellen. Sein Gebaren bietet vielmehr eine Projektionsfläche für das Ungesagte. Es sind Leerstellen, die diese Motivlosigkeit unterlaufen und den Raum bieten, das Handeln dieses Charakters nachzuvollziehen. Die Dialoge, die beispielsweise zwischen Juan und dem Zimmermädchen stattfinden, lassen eine Sehnsucht nach anderen Verhältnissen aufscheinen. Wenn sie sich Juans Hemd, das sie waschen soll, fest ins Gesicht presst, während sie das Zimmer verlässt, wird eine unerwartete erotische Brücke zwischen diesen sich vollkommen fremd bleibenden Menschen geschlagen.
Schließlich kommt es zu einer nächtlichen Begegnung mit einer schönen Unbekannten. Aus diesem Zusammentreffen entwickelt sich eine Art Verfolgungsjagd, die sich zu einem absehbaren Moment verdichtet.

Der Klang von Absätzen auf dem Gehsteig

Desouza scheint auf der Suche nach etwas zu sein, das nicht greifbar, nicht in Worte zu fassen ist. Vorerst will er sich mittels der geborgten Identität in einer neuen Scheinwelt aufhalten. Es ist ein Spiel, eine Möglichkeit, etwas anderes zu tun. Er gibt sämtliche Verbindungen auf, um an Neue anzuknüpfen. Durch die Identitätsflucht erreicht er den möglichen Abstand von dem alltäglichen Leben, das sich aus den Beziehungen und Verhältnissen der einen Realität speist. Die multiplen Möglichkeiten dieser einen Realität zu erkennen und frei auszuwählen, welcher er den Vorzug geben soll, sind Gedanken die sich in diesen schwermütigen Blicken manifestieren.
Das was im Gedächtnis der ZuschauerInnen bleibt, ist der Klang von Absätzen auf dem nächtlichen Trottoir, ein in Apathie versunkener Hauptdarsteller und ein melancholischer Tropfen Realität. Wahrscheinlich ist es diese realitätsnahe Darstellung die sowohl einen indifferenten Beigeschmack, als auch einen Hauch von Wahrheit hinterläßt. Ariel Rotter hat mit El otro, seinem zweiten Film nach Buenos Aires – Sólo por hoy, einen Film gemacht, der an der Existenz selber und dessen möglichen Formen zweifelt. Mitunter verlaufen gewisse Parallelen zum Kino Carlos Soríns, dem Rotter zumindest die Anfangssequenz schuldet.

El otro, Argentinien 2007,
83 Minuten, Regie: Ariel Rotter.

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