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Stimmen aus Guatemala

Unsere Lage ist schlimm. Die Fincabesitzer wollen nicht bezahlen. Sie sagen, der Kaffeepreis sei zu niedrig. Auf dieser Finca schulden sie uns seit drei Wochen Geld. Viele Leute haben fünf, sechs, sieben, acht Kinder. Die müssen Hunger leiden,“ berichtet die 17-jährige Kaffeepflückerin Saturana Cho in der Reportage Keine Bohne wert – Abgesang auf die goldene Ära des Kaffees.
Mit ihr und vielen anderen Menschen, Angehörigen von Verschwundenen des Bürgerkriegs, Mitgliedern von Jugendbanden, traditionellen Hebammen und MenschenrechtsaktivistInnen, sprach Andreas Boueke im Laufe von fünf Jahren journalistischer Streifzüge. Hunderte von Gesprächen des in Guatemala lebenden Journalisten bilden nun die Grundlage für 16 packende Reportagen, zusammengefasst in dieser 2006 erschienenen Sammlung. Boueke beleuchtet Schauplätze und Nebenschauplätze der aktuellen guatemaltekischen Realität. Einige seiner Recherchen, deren Ergebnisse Boueke auch in Guatemala veröffentlichen konnte, führten dort zu Konflikten mit mächtigen Konzernen und korrupten Staatsangestellten.
Andreas Boueke schaut genau auf die Arbeitsbedingungen in den Sektoren der Hauptexportprodukte Kaffee, Zucker, Erdöl und neuerdings auch Garnelen. Die aufgegriffenen Themen reichen von der Aufarbeitung der Vergangenheit durch Exhumierungen in den Hochlanddörfern über die Situation von Behinderten in Guatemala bis zur Garnelenmafia in Champerico. Boueke beleuchtet aber auch den Zustand des Gesundheitssystems, den Stellenwert traditioneller Maya-Medizin. Außerdem thematisiert der Journalist die Situation von TagelöhnerInnen auf Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen und Ölbohrungen in Alta Verapaz sowie das Erstarken der Bewegung von Homosexuellen, Lesben und Transvestiten. Seine Reportagensammlung fesselt von Anfang an; man mag sie bis zur letzten Seite gar nicht wieder aus der Hand legen.
Zwischen den einzelnen Reportagen erzählen in Stimmen aus Guatemala beispielsweise ehemalige Mara-Mitglieder oder Bürgerkriegsvertriebene von ihrem Leben. Oder María Ixcoy aus einem kleinen Dorf in der Region Kiché. In kurzen Passagen berichten sie sowie ihre Verwandten sowie Freunde undFreundinnen von Marías Lebenssituation und ihrem Werdegang zu einer engagierten wissenschaftlichen Mitarbeiterin in einer der bekanntesten Einrichtungen sozialwissenschaftlicher Forschung, FLACSO.
Mehrere Jahre hat Boueke auch in dem Ölförderstädtchen Rubelsanto in Alta Verapaz recherchiert. Seit 2000 machte er auf die Ölverschmutzung in der Umgebung des Ortes aufmerksam. Er erreichte, dass die guatemaltekische Tageszeitung El Periodico mehrfach seine Enthüllungen publizierte und seine Fotos abdruckte. Direkte Auswirkung dieser Veröffentlichung war, dass die unter Druck gesetzten Ölkonzerne, zunächst BASIC RESOURCES, dann der spätere Betreiber, die französische Ölfirma PERENCO, begannen, die verseuchten Stellen aufwändig zu reinigen. Aber auch, dass die BewohnerInnen des Städtchens starke Repressionen des Konzerns zu spüren bekamen, bis hin zu einem Mord an einem Dorfbewohner. Verdächtigt wurden Sicherheitsleute des Ölunternehmens, doch zu einer ordentlichen Beweisaufnahme kam es nie.
An die Reportage anschließend berichtet der erste und entscheidende Informant Bouekes, wie er kontinuierlich unter Druck gesetzt und sein Leben sowie das seines Sohnes bedroht wurde, nachdem der Ölfirma bekannt geworden war, dass er Informationen über die Öllachen an Boueke weitergegeben hatte. Er musste schließlich aus Rubelsanto flüchten und lebt heute in Mexiko.
An anderer Stelle führt Boueke ein Gespräch mit Doña Marcela, einer traditionellen Hebamme im Kiché, die ihre Tätigkeit mehr als Berufung im Dienst der Gemeinschaft denn als Beruf sieht oder mit Don Apolinario, einem bekannten Heiler der Maya-Medizin. Er führt auf Anfrage Zeremonien durch, deren Ziel es ist, das spirituelle Gleichgewicht im Umfeld des Kranken wieder herzustellen. Ein Heilungskonzept, das eine wichtige Bedeutung neben der westlichen Konzeption von Gesundheit und Krankheit hat, die vom staatlichen Gesundheitssystem vertreten wird. Dessen maroden Zustand lernen die LeserInnen in einer anderen Reportage kennen.

Andreas Boueke: Guatemala. Journalistische Streifzüge. Horlemann Verlag 2006, 238 Seiten, 12,90 Euro

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