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Meisterhafte Verschleierung

Wer die Vergangenheit nicht ruhen lässt, lebt gefährlich in einem Land wie Guatemala. Vor allem, wenn er den Opfern von einst eine Stimme gibt und die Täter beim Namen nennt. Im Rahmen des Projekts zur „Wiedererlangung der historischen Erinnerung“ (REMHI) hat die katholische Kirche eine Geschichte von 36 Jahren Bürgerkrieg aus Sicht der Opfer geschrieben. Der im April 1998 veröffentlichte Abschlussbericht „Guatemala: Nie wieder!“ nennt die Namen vieler, die gefoltert, gemordet, vergewaltigt und Massaker begangen oder die Befehle dafür gegeben haben. Verantwortlich für mindestens 200.000 Tote, hunderte von ausgelöschten Gemeinden und ganze entvölkerte Landstriche war in über 80 Prozent der Fälle das Militär. Das wusste jeder im Land, doch niemand wagte, es auszusprechen. REMHI brach mit diesem Tabu. Bischof Juan Gerardi bezahlte diesen Angriff auf die Allmacht des Militärs mit dem Leben: Nur zwei Tage, nachdem er „Guatemala: Nie wieder!“ der Öffentlichkeit präsentiert hatte, wurde er brutal ermordet.
In seinem Buch Die Kunst des politischen Mordes zeichnet der Journalist und Autor Francisco Goldman den Mord an dem mutigen Bischof nach. Über Jahre hinweg begleitet er die Ermittlungen, befragt Zeug_innen, spricht mit Staatsanwält_innen und Richter_innen, trifft sich mit Journalist_innen. Seine Recherchen lesen sich spannend wie ein Krimi und zeigen, wie wenig das Friedensabkommen von 1996 an der Macht des Militärs rütteln konnte, und wie skrupellos dieses vorgeht, um seine Macht zu erhalten.
Die Kunst des politischen Mordes gliedert sich in drei Phasen. Zunächst wird das Opfer überwacht, sein Umfeld ausgekundschaftet und der Mord vorbereitet. Darauf folgt die eigentliche Tat. Ausführlich beschreibt Goldman die dritte Phase: Über Jahre hinweg werden die Ermittlungen immer wieder in die falsche Richtung gelenkt und die juristische Aufarbeitung des Falls behindert. Auch wenn die Indizien schon bald auf das Militär als Täter hinweisen, entzieht es sich mit immer neuen Intrigen. Mal wird die Bluttat als Mord aus Leidenschaft präsentiert. Dann wird behauptet, Gerardi sei einer Diebesbande von Kirchengütern auf die Spur gekommen und musste deshalb sterben. Zeug_innen werden ermordet, Staatsanwält_innen und Richter_innen mit dem Tode bedroht. Das Erzbischöfliche Menschenrechtsbüro ODHA, das den REMHI-Bericht erarbeitet hat und als Nebenkläger auftritt, wird mit dem Drogenhandel in Verbindung gebracht, die Mitarbeiter und ihre Familien werden verfolgt. Es ist ein wahres „Meisterstück“ der Verschleierungen, der Drohungen und der Gewalt, das die Mörder von Juan Gerardi da abliefern. Und doch müssen sie schließlich eine Niederlage hinnehmen: Drei Jahre nach dem Bischofsmord werden drei Militärs und ein Pfarrer für die Tat verurteilt.Sechs weitere Jahre später werden die Urteile, nachdem sie zwischenzeitlich aufgehoben und dann abgemildert wurden, vom Verfassungsgericht endgültig bestätigt. Ohne die mutigen Staatsanwält_innen, Richter_innen und vor allem die Mitarbeiter_innen des kirchlichen Menschenrechtsbüros ODHA hätte es dieses Urteil nicht gegeben. Für Goldman sind sie Held_innen, die auf der Suche nach Wahrheit ihr eigenes Leben riskieren. Und doch hatten sie nur begrenzten Erfolg: Gegen die Auftraggeber des Mordes wird bis heute nicht ernsthaft ermittelt. Einer, der immer wieder mit dem Mord in Verbindung gebracht und der auch im REMHI-Bericht genannt wird, ist der frühere Geheimdienstchef Otto Pérez Molina. Doch statt für den Mord oder andere Menschenrechtsverbrechen vor Gericht zu belangt zu werden, ist er bei der Stichwahl am 7. November mit einer klaren Mehrheit zum Präsidenten gewählt worden. Im Januar 2012 tritt der General a. D. und Chef der Patriotischen Partei (PP) das Präsidentschaftsamt an.

Francisco Goldman // Die Kunst des politischen Mordes // Aus dem Englischen von Roberto de Hallanda // Rowohlt Verlag // Reinbeck, 2011 // 24,95 Euro

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