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Tertulia mit Carlos Fuentes

Als Lauras Großmutter in den 1870er Jahren während einer Fahrt nach Mexiko-Stadt von einem Banditen überfallen wurde, ließ sie sich lieber ihre Finger abhauen, als vor diesem Schurken klein beizugeben und ihm ihren Schmuck freiwillig zu überlassen. Doch von dieser Kraft ist weder bei ihren drei Töchtern noch bei ihrer Enkelin viel zu spüren. Lauras Tanten verkümmern im Haus der Eltern, während ihre Mutter als einzige heiratet und fortan die meiste Zeit in der Küche verbringt.
Auch Laura vermählt sich jung und zieht mit ihrem Gatten, dem Arbeiterführer Juan Francisco in die Hauptstadt, wo sie sich um Haus, Mann und bald auch um zwei Kinder kümmert. Während die Helden der Revolution im Esszimmer über Politik diskutieren, sitzt sie in der Wohnstube, lauscht den Gesprächen und strickt. Nach mehreren Enttäuschungen verlässt Laura endlich ihren Mann. Sie lebt für eine Weile bei einer alten Schulfreundin, lernt über sie die Schickeria von Mexiko-Stadt kennen und beginnt eine Affäre mit dem geheimnisvollen Orlando.
Ihre folgenden Jahre sind geprägt von dem Konflikt, einerseits eine gute Ehefrau sein zu wollen und mit ihrem Mann zusammenzuleben, andererseits mehr vom Leben – und der Liebe – zu erwarten. Als ihr Geliebter sie verlässt, weil er auch weiterhin ein Mysterium für sie bleiben möchte, begleitet sie das Künstlerpaar Kahlo-Rivera auf eine Fahrt in die USA. Doch nachdem sie die innige, geradezu symbiotische Liebe zwischen dem so ungleichen Paar miterlebt, begreift sie, dass sie dort nicht gebraucht wird und kehrt zu ihrem Mann zurück. Dort bleibt sie, nicht aus Liebe, sondern aus Pflichtgefühl, bis sie den Spanier Jorge Maura kennenlernt und ein weiteres Mal aus der ihr zugeteilten Bahn ausschert. Mit ihm möchte sie nun endlich die Liebe erleben, in der sich beide ohne Worte verstehen.
Jorge führt sie ein in die Welt der Cafés, wo sich Künstler und Intellektuelle zu den Tertulias, den hitzigen Diskussionen am Stammtisch, treffen. So auch die Exilanten des Spanischen Bürgerkriegs, die im Café de Paris über Franco und den Faschismus in Europa diskutieren. Aber auch Jorge verläßt sie nach einer Weile, woraufhin Laura sich wieder mit Juan Francisco arrangiert und sich ansonsten ganz ihrem Malersohn Santiago widmet, der an Typhus erkrankt und stirbt. Einige Jahre später, kurz nach dem Tod ihres Mannes, lernt Laura den US-amerikanischen Fotografen Harry Jaffe kennen, der wie andere Künstler und Intellektuelle vor McCarthys Kommunistenjagd nach Cuernavaca geflüchtet war, und lebt mit ihm einige Jahre zusammen, bis er stirbt.
Nachdem nun alle Männer ihres Lebens gestorben oder in der Versenkung verschwunden sind und auch ihre Mutter und Tanten nicht mehr leben, es also für Laura keine Aufgabe mehr gibt, beginnt sie, ihre Welt mit Harrys Kamera festzuhalten. Sie fotografiert die Menschen in den Elendsvierteln der Hauptstadt, den brennenden Leichnam Frida Kahlos, Mexiko-Stadt nach dem großen Erdbeben 1957 und das Massaker in Tlatelolco 1968. Ihre späte Karriere zur berühmten Fotokünstlerin markiert gleichzeitig den Beginn eines eigenständigen Lebens.
Fuentes erzählt das alles sehr gekonnt – wie nicht anders zu erwarten war. „Die Jahre mit Laura Díaz“ ist wesentlich leichter zugängig als seine früheren Romane. Die Einsprengsel von mythischen Elementen (der Magische Realismus lässt grüßen) und die Akzentsetzung auf Frauengeschichte lassen auch den Schluss zu, dass Fuentes mit diesem Roman ein breiteres Publikum erreichen möchte. Ob einen das freut oder enttäuscht, muss jeder für sich entscheiden.
Beliebt sind zur Zeit auch autobiographische Bezüge, wie sie Fuentes in seinem Nachwort betont: „Die besten Romanautoren der Welt sind unsere Großmütter, und ihnen vor allem habe ich die Erinnerungen zu verdanken, auf denen mein Roman beruht.“ Doch bei Fuentes wird die Biographie zum Spiel; er greift Geschichten aus den Familien beider Großmütter auf und vermischt sie so ineinander, dass man das Entwirren dieser Herkunftsfäden schnell aufgibt.

Gescheiterte Ideologien

Spannender als die Frage, wem Lauras Sohn Santiago mehr ähnelt – Fuentes’ Schriftstelleronkel, der an Typhus gestorben ist, oder Fuentes’ Malersohn, der letztes Jahr den Folgen seiner Bluterkrankheit erlag –, sind die geschichtlichen Figuren und Ereignisse, die sich um Lauras Leben spinnen. Denn eigentlich ist Laura Díaz nur der Anlegeplatz, von dem aus Carlos Fuentes auf die ersten 70 Jahre des 20. Jahrhunderts zurückblickt. Ihr Leben setzt sich zusammen aus dem Leben vieler anderer Menschen, hauptsächlich Männern, die eine bestimmte Zeit oder Gesellschaftsgruppe Mexikos verkörpern. Lauras Biographie bildet dabei den roten Faden, der für die mexikanische Geschichte wichtige Ereignisse zusammenhält. So werden die mexikanische Revolution und die folgenden Machtkämpfe zwischen den Generälen, der Cristero-Aufstand, das große Erdbeben in Mexiko-Stadt, die Studentenbewegung und ihr blutiges Ende in Tlatelolco, aber auch der Spanische Bürgerkrieg, der Holocaust und die Kommunistenhetze in den USA aufgerollt.
Solche Jahrhundertrückblicke haben zur Zeit Konjunktur, und Fuentes leistet mit seinem neuen Roman – neben Günter Grass, Eduardo Galeano und anderen – pünktlich seinen Beitrag dazu. „Die Jahre mit Laura Díaz“ laden ein zu einer Reise in die Vergangenheit, auch wenn sie nicht gerade vergnüglich ist, diese Fahrt in ein Jahrhundert, „das zum Paradies des Fortschritts hatte werden sollen und das die entwürdigende Hölle war. Nicht nur das Jahrhundert des faschistischen und stalinistischen Terrors, ein Jahrhundert des allgemeinen Terrors, vor dem sich auch diejenigen nicht bewahrten, die gegen das Böse kämpften.“
Wichtiger noch als die Ereignisse an sich sind die Exkurse in die Mentalitätsgeschichte, die Debatten, Gedanken, Befürchtungen und Visionen, die die Ereignisse begleiten. Fragen nach Moral und Verantwortung innerhalb der Linken, nach der Rolle des Einzelnen und der Gruppe werden aufgerollt. Im Mittelpunkt steht dabei das Scheitern der Ideologien. „Wir haben uns in der Geschichte geirrt, ich will nichts anerkennen, was unseren Glauben zerstört, wie gern sähe ich, daß wir alle Helden wären, wie gern möchte ich den Glauben bewahren.“

Der Wahnsinn, auf Erden zu sein

Dieses Scheitern verkörpern die Männer in Lauras Leben, allesamt Vetreter linker Strömungen. Laura würde sie so gerne als Helden lieben und bewundern, muss jedoch statt dessen miterleben, wie die Männer an ihren Überzeugungen zerbrechen. So war bereits ihr Großvater, der Rheinländer Felipe, zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Mexiko ausgewandert, weil ihn die Bismarckfreundliche Politik seines großen Vorbildes, des Sozialisten Lassalle, zutiefst enttäuscht hatte. Ihr Ehemann Juan Francisco vermodert im postrevolutionären Funktionärssumpf; ihr Geliebter Harry verzweifelt an der Frage, ob er bei den Verhören vor dem Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe Freunde verraten hat. Und Jorge Maura zieht sich zerstört in ein Kloster auf Lanzarote zurück: Er hatte erlebt, wie seine Freundin Raquel, eine deutsche Jüdin, die aus überzeugtem Glauben heraus zum Katholizismus konvertiert war, sich von ihm nicht vor der Deportation retten ließ, weil sie das Leid ihres Volkes miterleben, keine Privilegierte sein wollte. Auf der kanarischen Insel sinnt er nun über die Frage nach, „ob der Glaube dem Wahnsinn, auf Erden zu sein, einen Sinn geben kann“.
Diesen Sinn sucht Laura bei ihren Männern. Sie will in deren Leben eintauchen und durch sie am politischen und intellektuellem Leben teilhaben. Doch diese Männer, die schwächer sind, als sie anfangs glaubt, bewahren eine gewisse Macht, indem sie ihr diesen Zugang zu sich verweigern. Sie lüften die Geheimnisse nicht, reden nicht über ihre Vergangenheit, bleiben ein Rätsel. Vor allem beantwortet keiner Lauras dringendste Frage: „Warst du ein Held? Oder war dein Heldentum eine Lüge?“

Kein Held nirgends

Warum Laura so sehr nach einem Helden sucht, wird nicht ganz klar; mir scheint das Denken in einer Kategorie wie Heldentum ein eher männliches Phänomen zu sein. Der Versuch, die „Geheimnisse ihres Gedächtnisses zu entdecken, sich wie sie selbst an ihr Leben zu erinnern“, scheitert. Fuentes gesteht Laura ärgerlich wenig Eigenleben zu, dreht sich doch ihr ganzer Sinn um die Männer und deren Verhältnis zu ihr und der Welt. Lauras Rebellion überzeugt nicht, weil sie nur in ihren Worten frei ist, nicht in ihren Handlungen. Sie predigt in einem Atemzug die Emanzipation: „Was man verändern muß, das sind die Spielregeln, sie wurden von Männern aufgestellt, für Männer und Frauen, die Männer erlassen Gesetze für beide Geschlechter, die Regeln des Mannes gelten gleichermaßen für das treue und häusliche Leben einer Frau wie für ihre untreue, ruhelose Seite“, und macht in den restlichen Atemzügen ihr Leben von denen der anderen abhängig. Sie will geliebt werden, aber bitte nicht allzusehr, denn dann verliert sie den Respekt. Sie selbst ist es ja, die bedingungslos und bis zur Selbstaufgabe lieben soll. „Mein Leben hat nur einen Sinn, wenn ich es für das Leben eines anderen einsetze, der mich braucht, mich um den Bedürftigen zu kümmern, meinem Liebsten meine Liebe zu schenken, vollständig, ohne Bedingungen.“
Doch bei aller Kritik an Fuentes Frauenbild: „Die Jahre mit Laura Díaz“ ist meisterlich geschrieben, höchst unterhaltsam und anregend. Was den Roman ausmacht, ist die realistische, mimetische Darstellung der mexikanischen Mittelschicht, der Welt der Intellektuellen. Es bereitet ein geradezu voyeuristisches Vergnügen, Frida Kahlo und Diego Rivera in die USA zu begleiten, an den Festen der Schickeria teilzuhaben oder den Tertulias der Intellektuellen zu lauschen. In jedem Kapitel werden einem so viele Gedankenanregungen geboten, dass man das Lesen Lesen sein lassen und selbst in die Diskussionen einsteigen möchte. Wer also Lust hat auf eine Tertulia, der sollte ein paar Exemplare dieses Buches im Freundeskreis verteilen und in ein Café einladen.

Carlos Fuentes: Die Jahre mit Laura Díaz. Aus dem mexikanischen Spanisch von Ulrich Kunzmann. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart / München 2000, 560 S., 49,80 DM (ca. 25 Euro).

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