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Teuer und total daneben

Kampkötter sympathisiert mit der zapatistischen Erhebung in Chiapas und versucht, einen historischen Bogen zu spannen, der von der Spanischen Eroberung Mexikos über die Mexikanische Revolution bis in die heutige Zeit reicht. Damit stellt er sich eine Aufgabe, die auf 172 Seiten kaum zu bewältigen ist. Doch nicht nur daran scheitert das Vorhaben: Dem Autoren unterlaufen zahlreiche Irrtümer und historische Fehldeutungen, wobei diese erheblichen Schwächen durch stilistische Mängel und unglückliche Formulierungen zum literarischen Ärgernis werden.
Das Dilemma beginnt schon im Vorwort, in dem Kampkötter die Beweggründe für die Erstellung seiner Arbeit nennt. Angetreten sei er, um “den Kampf der Zapatistas in México zu unterstützen” und den Zugang zur historischen Person Zapata zu erleichtern. Daher habe er sich “herausgenommen, dieses Buch zu schreiben, ein bißchen vom Süden zu träumen”. Welchen Anlaß das von Guerilla-Krieg, Aufstandsbekämpfung, Repression und täglichen Menschenrechtsverletzungen geprägte Mexiko zum Träumen bietet, verschweigt der Autor allerdings.
Mit der “Entdeckung der Neuen Welt” beginnt die Reise durch die Jahrhunderte und Kampkötter erleidet sogleich Schiffbruch: “Vollbracht hat sie ein Idealist, der selbstlose und edle Christoph Columbus, keine Gefahren fürchtend, die Augen fest auf Indien gerichtet. Dabei weiß wirklich jedes Kind, daß im Westen, jenseits des großen Teiches, eben nicht Indien, sondern Amerika liegt”. Oh je, da sträuben sich einem die Haare. Doch die “Analyse” wird mit der Beschreibung der Conquista, die der Autor als “Beginn des Imperialismus” outet, noch besser: “Solange das so ist, beißen halt die Menschen (zum Beispiel in México) ins Gras, seit Generationen geht das schon so. Nur manchmal kommt es ihnen hoch, und sie versuchen, der Fratze wenigstens einen Zahn auszuschlagen”.
Doch sind es nicht derartige verquaste Formulierungen allein, die auf eine profunde Ahnungslosigkeit des Verfassers schließen lassen. Aus Azteken werden “Atzteken”, die Herrschaft des Diktators Porfirio Díaz wird mal als “porfiristianisches Regime”, mal als “porfirianische Ära” bezeichnet und die staatliche mexikanische Erdölgesellschaft Pemex wird in “Pimex” umgetauft. Allerdings muß hier vor allem dem Lektorat der Vorwurf schlampiger Arbeit gemacht werden.
Aber auch mit historischen Fakten nimmt es Markus Kampkötter nicht so genau: “1883 wurden die Gesetze von Baldíos verabschiedet, in denen die Erschließung und Kultivierung von unbebautem Land geregelt wurden”. Diese Aussage ist schlicht und ergreifend falsch. Richtig ist, daß die Gesetze über die tierras baldías erlassen wurden, denn tierras baldías bedeutet übersetzt nichts anderes als brachliegendes Land. Die spanische Sprache erweist sich auch später als häufiges Hindernis für den Autoren.
Bei dem Versuch, die Verbindung zwischen Mexikanischer Revolution und Zapatistischem Aufstand 1994 herzustellen, begibt sich Markus Kampkötter schließlich vollends aufs Glatteis. Die von Präsident Carlos Salinas de Gortari 1992 vorgenommene Änderung des Artikels 27 der Mexikanischen Verfassung war nämlich nicht, wie der Autor resümiert, “einer der Gründe für die Entstehung des Neozapatismo”. Die Streichung des Artikels 27, führte vielmehr zum Beschluß der Gemeinschaften, den bewaffneten Aufstand vorzubereiten. Die politische Organisierung unter dem Namen Emiliano Zapatas hatte, ebenso wie die Aufstellung von Selbstverteidigungsmilizen, schon Jahre vorher eingesetzt.
Schöne Fotos können nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Buch jegliche Tiefe vermissen läßt und der Preis von 29,80 DM für 172 Seiten in keinster Weise gerechtfertigt ist.

Markus Kampkötter: Emiliano Zapata, Unrast-Verlag, 29,80 DM (ca. 15 Euro).

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