Guyana | Nummer 274 - April 1997

“Time for change”

Marxist, Zahnarzt, Unabhängigkeitsheld: Cheddi Jagan ist tot

Eine lange und wechselvolle politische Karriere ist zu Ende. 1953 wurde Cheddi Ja­gan zum ersten Mal Ministerpräsident. 1992 wurde er zum Staatspräsidenten gekürt. Vor­angegangen waren jeweils freie Wahlen in Guyana. Keine Selbstverständlichkeit in dem Karibikstaat. In der Zeit von 1964 bis 1992 hielt sich der People’s National Con­gress (PNC) an der Macht – mittels von der Kolonialmacht Großbritannien und den USA gebilligten Wahlfälschungen. Denn Jagan war Marxist und somit als Mini­ster­präsident in den Zeiten des Kalten Krieges untragbar. Nach seiner Rückkehr 1992 war an Sozialismus nicht mehr zu denken. Mit einer alternativen Strukturan­pas­sung sollte jedoch dem Kapitalismus ein menschliches Antlitz verliehen werden. Das Vorhaben müssen nun andere in die Tat umsetzen. Jagan starb am 6. März an den Folgen eines Herzinfarkts in Washington.

Martin Ling

Die moderne Geschichte Gu­ya­nas wird vor allem mit zwei Na­men verknüpft: dem langjäh­ri­gen Diktator Forbes Burnham (1964-85) und seinem Kontra­hen­ten Cheddi Jagan. Der am 22. März 1918 geborene Indoguya­ner Cheddi Jagan trat schon früh auf der politischen Bühne in Er­schei­nung. Die USA waren prä­gend für seinen Werdegang. Wäh­rend seines dortigen Zahn­medizinstudiums wurde er mit dem rassistischen Alltag und mit marxistischer Theorie kon­fron­tiert. Zurück in Guyana grün­dete er 1946 mit Gleich­ge­sinn­ten das Politic Af­fairs Committee (PAC). Auf der Grund­lage des wissen­schaft­li­chen Sozialismus sollte eine Ka­der­partei der Arbeiter­klasse ent­wickelt werden. Zudem war das PAC die erste multiethnisch ori­en­tierte Organi­sation. Eine be­deu­tende Tatsache in einem Land, dessen Siedlungs- und Or­ga­nisations­struk­tur anhand eth­ni­scher Tren­nungs­linien verläuft: 51 Prozent der Bevölkerung be­steht aus Nach­fahren indischer Kon­trakt­arbeiterInnen und lebt zu 94 Prozent auf dem Lande, 42 Pro­zent der Bevölkerung besteht aus Schwarzen und Mulatten, die über­wiegend in den Städten le­ben.
Im Jahre 1947 gründete Jagan dann die Guyana Industrial Wor­kers’ Union (GIWU). Mit ihr sollte für den Überbau PAC die Ba­sis hergestellt werden. Mit Er­folg: die GIWU avancierte zur be­deutendsten Gewerkschaft des länd­lichen Raums. Der Grün­dun­gen war damit allerdings noch nicht genug: Im Januar 1950 wur­de aus dem PAC die People’s Pro­gressive Party (PPP). Das Ziel der Partei war wahrlich pro­gres­siv: Guyana sollte in eine so­zia­listische Ge­sellschaft über­führt werden. Die­ses Vorhaben stieß bei der briti­schen Ko­lo­nial­ver­waltung und der kon­ser­va­ti­ven Mittelschicht naturgemäß auf wenig Gegen­liebe. Von er­ste­ren bei der politi­schen Arbeit be­hindert, von den zweiteren als sub­versive Kom­munisten ge­brand­markt, focht die Partei um so­ziale Reformen und die po­li­ti­sche Autonomie. Dabei ging sie tak­tisch klug vor. Die Ideologie stand im Hinter­grund, die kon­kre­ten Reform- und Auto­no­mie­be­strebungen im Vordergrund. Zu­dem wurde die ethnische Spal­tung des Landes innerhalb der Partei überbrückt. Jagan als Par­teiführer, der afro­guyanische An­walt Forbes Burnham als ge­schäfts­führender Partei­vor­sit­zen­der und Jagans Frau Janet als Ge­neralsekretärin bildeten die Füh­rungstroika.

Jagan als Ministerpräsident

Bei den ersten freien Wahlen der Kolonie im Jahre 1953 fruchtete diese Stra­tegie. Die PPP heimste 18 der 24 Sitze ein. Indes gerieten sich Jagan und Burnham schon un­mittelbar nach dem Wahl­kampf in die Haare, ging es doch um das historische Amt des er­sten Minister­prä­sidenten Guya­nas. Jagan setzte sich durch. Seine da­rauf folgenden ambi­tiösen Ver­suche, die Ar­beits­gesetzgebung des Landes zu revolutionieren, stie­ßen der Ko­lonialmacht bitter auf. Nur 133 Tage nach dem Amts­antritt Ja­gans intervenierte sie. Der briti­sche Gouverneur setz­te die Ver­fassung aus und re­gier­te nun selbst auf der Basis der Not­standsgesetzgebung mit Hil­fe britischer Truppen. Zu die­sem äußeren Druck gesellten sich zuneh­mend innerparteiliche Aus­ein­an­der­setzungen. Die ideolo­gischen Dif­ferenzen zwischen dem Mar­xi­sten Jagan und dem gemäßig­ten Sozialisten Burnham wurden im­mer offensichtlicher und kul­mi­nierten 1955 in der Ab­spal­tung der überwiegend afroguyanischen Fraktion um Burnham. Diese Fraktion gründete vor den Wah­len 1957 den People’s Na­tio­nal Congress (PNC). Die Spal­tung der Parteienlandschaft in den indo­guyanischen PPP und den afro­guyanischen PNC war da­mit voll­zogen. Die Briten sym­pathisierten mit Burnham, konn­ten aber zu­nächst nicht ver­hindern, daß Jagans PPP 1957 und 1961 aufgrund der indisch­stämmigen Be­völ­kerungs­mehr­heit die Wahlen ge­wann. Ob­wohl Jagan als Mini­ster­präsident einer Kolonie nicht all­zuviel be­wegen konnte, wur­den Großbri­tannien und die USA ner­vös. Schließlich nahm das Unab­hängig­keitsbestreben in den sechziger Jahren überhand. Ein Land mit einem kommuni­sti­schen Ministerpräsidenten durfte nicht in die Unabhängigkeit ge­lan­gen. Der CIA wurde aktiv, die PNC und die konservative Uni­ted Front in ihrem Aufbegehren un­terstützt. Insbesondere ihr acht­zig­tägiger Generalstreik 1963 erfuhr reichliche fi­nanzielle und logistische Hilfe. Der Streik führte zur Entmach­tung Jagans, for­derte etwa 100 Tote und ließ Neu­wahlen unum­gänglich wer­den. Neuwahlen lie­fen aber nun die Gefahr eines neu­er­li­chen Wahlsieg Jagans, zu­min­dest wenn das System der re­la­ti­ven Mehrheitswahl beibe­halten wor­den wäre. Kurzerhand schaff­te daher die Kolonialver­wal­tung das sämtlichen briti­schen Ko­lo­nien auferlegte Sy­stem in Guyana ab: Neues Wahl­sy­stem, neue Regierungsbildungsmög­lich­keiten.
Die Koali­tion zwischen Burnhams PNC und The United Force (TUF) sieg­te durch das Verhältniswahlsystem knapp und Guyana konnte wenig später in die Unabhängigkeit entlassen werden. Burnham wuß­te nun einerseits um seine pre­käre Machtlage, schließlich wa­ren an­ge­sichts der ethnisch-po­li­ti­schen Kräftekonstellation zu­künftige Wahl­siege fraglich und auf alle Fälle an ungeliebte Koa­li­tionspartner gebunden. Ande­rer­seits wußte Burnham um die Konstellation des Kalten Krieges und er setzte gekonnt auf diese Karte. Solange er sich als einzige Alternative zu dem Kommu­ni­sten Jagan präsentieren konnte, hatte er seitens der USA nichts zu befürchten – im Gegen­teil: er konnte sicher sein, daß Wahl­fälschungen als kleineres Übel toleriert werden würden. Bis zu seinem Tode 1985 machte er davon weidlich Gebrauch.

Jagans Rückkehr

Ironie des Schicksals, daß Ja­gan ausgerechnet durch die Um­wäl­zungen im Ostblock als Macht­haber tragfähig wurde. 28 Jah­re Opposition fanden ihr En­de, nachdem in der außenpo­li­ti­schen Agenda der USA be­züg­lich ihrer lateinamerikanischen Hin­ter­hofländer nun freie und fai­re Wahlen ganz oben auf der Prio­ritätenliste standen. Die Wahlen von Oktober 1992 ver­liefen relativ korrekt. Ja­gan wurde nach Burnham und Des­mond Hoyte zum dritten Prä­si­denten des seit 1970 als Repu­blik firmierenden Landes beru­fen. Sein Handlungsspielraum war jedoch äußerst begrenzt: Gu­ya­na gehört mit 330 US-Dol­lar Pro-Kopf-Jahreseinkommen zu den ärmsten Ländern der Welt. Ein IWF-Strukturanpas­sungs­pro­gramm reiht sich an ein anderes. Daß beim Amtsantritt Jagans lau­fende Programm ab­sorbierte un­glaubliche 90 Pro­zent der Staats­einnahmen für den Schul­den­dienst, Ausgaben für So­zia­les, Gesundheitsfürsorge und Bil­dung blieben auf der Strecke. Kein Wunder, daß aus­gerechnet an­hand von Guyana das weltweit er­ste “Alternative Struk­tur­an­pas­sungs­programm” (ASAP) ent­wor­fen wurde. Das von der Bret­ton Woods Reform Organsiation (BWRO) konzi­pierte Programm wur­de im De­zember 1995 in der gu­ya­nischen Hauptstadt George­town vorge­stellt. Soziale und öko­logische Aspekte, Schul­den­er­leichterun­gen, Transparenz und die Betei­ligung der Be­völ­ke­rung am Ent­scheidungsprozeß bil­den die Eckpfeiler des Kon­zepts. Aspekte, die auch für Ja­gan von großer Bedeutung wa­ren, so daß das Programm bei ihm auf of­fene Ohren stieß. Ei­ner Zusam­menarbeit mit der BWRO stand somit nichts im Wege. Inzwi­schen ist es al­ler­dings um das ASAP sehr still ge­wor­den – der Wahlslogan von 1992 Time for change ist ak­tu­el­ler denn je. Den Wandel zu för­dern und die Dis­kussion um Al­ter­nativen neu zu beleben wäre mit Sicherheit im Sinne Cheddi Jagans.

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