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Trans-Formiert!

Das Festivalprogramm des ersten argentinischen Destravarte-Festivals spiegelte die zwei wichtigsten Anliegen der zeitgenössischen Trans-Community Südamerikas wieder: Einerseits, auf die schwierige Lebenssituation von Trans-Personen aufmerksam zu machen, die unter systematischer Verletzung ihrer Grundrechte leben und damit leicht zu Opfern sexueller und finanzieller Ausbeutung werden. Andererseits aber auch, sich einem breiten Publikum in ihrer ganzen glamourösen Vielseitigkeit und Kreativität zu zeigen.
Zu sehen waren Konzerte von Künstler_innen wie Helena Tabbita und Tatiana Morandi, Lesungen von Naty Menstrual und Susy Shock. Außerdem gab es eine Kunstausstellung mit über 70 Exponaten von 13 Künstler_innen und neun Kurzfilme, vor allem Dokumentarfilme über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Trans-Frauen in Argentinien. So erzählt beispielsweise die 2009 entstandene Dokumentation „Tamara“ des argentinischen Filmemachers Hernán Bonfiglio von dem Leben der gleichnamigen Sexarbeiterin auf dem Straßenstrich im Stadtteil Constitución von Buenos Aires, bis zu ihrer Ermordung durch eine_n bis heute nicht gefasste_n – und auch gar nicht gesuchte_n Täter_in. Die Straflosigkeit bei Gewaltverbrechen an Trans-Personen ist hoch und eine der vielen Folgen des nicht vorhandenen öffentlichen Interesses für die Exponiertheit und Ausgeliefertheit der Trans-Frauen in Argentinien. Im Falle eines Gewaltverbrechens müssen sie mit zusätzlichen Demütigungen und Diskriminierung durch die Polizei und in den öffentlichen Krankenhäusern rechnen, weshalb die meisten ganz auf eine Anzeige und medizinische Versorgung verzichten.
Neben den ernsteren Tönen nutzte die Trans-Gemeinde das Festival aber auch, um mit Stolz zu zeigen, dass sie auch andere Facetten zu bieten hat, als Opfer von Schutzlosigkeit und Repression zu sein. Hochstimmung herrschte beispielsweise, als die Modedesignerin Valeria Licciardi ihre aktuelle Kollektion mit Trans-Frauen präsentierte und sie so bewusst in ihrer Schönheit und erotischen Anziehungskraft inszenierte. Licciardi formuliert geschickt eine Antwort auf die gesellschaftliche Doppelmoral gegenüber Trans-Frauen, die sich gerne über die Körper von Trans-Personen als „unnatürlich“ oder „monströs“ lustig macht, während die nachts gut besuchten Straßenstriche eindeutig belegen, dass Trans-Frauen durchaus im erotischen Begehren der Gesellschaft vorkommen. Am Ende setzte die Designerin noch einen zusätzlichen politischen Akzent: Das obligatorische Hochzeitskleid, das klassischerweise das Finale jeder Modenshow bildet, wurde von einem transsexuellen Model getragen, zusammen mit einem Plakat, in dem ein neues Ehegesetz unter Einbeziehung von LGBTI gefordert wurde.
Daneben waren insgesamt sechs Theaterinszenierungen zu sehen, die die ganze Bandbreite der Berührungspunkte von Trans-Identität und Theater abdeckten: von Drag Queens und Cross-Dressers, wie Ricardo Manetti, Cross-Performer und Professor für lateinamerikanische Filmgeschichte an der Universität von Buenos Aires, über Transformistas bis hin zu Aufklärungstheater von und für transsexuelle Sexarbeiter_innen. Bei letzterem wurden mit unschlagbar satirisch-bissigem Tonfall die wichtigsten Fragen zu Aidsprävention, Silikoneinlagen und Risiken bei der Selbstmedikation mit Hormonen geklärt. Das Abendprogramm stand bildlich für die Verschiedenartigkeit und Vielfalt, die die enorm heterogene Trans-Gemeinschaft in sich vereint. Bei Destravarte traten Intersex-Personen solidarisch mit Drag Queens auf und umgekehrt, um gemeinsam gegen die allgegenwärtige Transphobie anzukämpfen, die in Lateinamerika auf Grund des Machismus und des katholisch-konservativen Wertekanons besonders tief in der Gesellschaft verankert ist.
Neben dem reichhaltigen Kunstangebot bildeten die öffentlichen Gesprächsrunden den Kern des Festivalprogramms. Eröffnet wurden diese durch eine Veranstaltung zu einem Gesetzesentwurf zur Gender-Identität, dem Ley de Identidad de Género, über den nächstes Jahr in Argentinien und Uruguay abgestimmt werden soll. Das neue Gesetz soll es Trans-Personen künftig erlauben, ihren Namen und die registrierten Daten zu ihrer Person in einem unkomplizierten, außergerichtlichen Verfahren ihrem Gender, das heißt ihrem real gelebten Geschlecht, anzupassen und innerhalb von neunzig Tagen einen neuen, aktualisierten Pass zu erhalten. Entwickelt und auf dem Festival vorgestellt wurde das Projekt von Silvia Augsburger, die bis 2009 einen Sitz für die sozialdemokratische Partei PS im argentinischen Abgeordnetenhaus innehatte, Marcela Romero, Vorsitzende des Verbands der Travestis, Transsexuellen und Transgender Argentiniens (ATTTA) sowie Vizepräsidentin des Argentinischen LGBT-Zusammenschlusses (FALGBT). Romero wurde von der argentinischen Abgeordnetenkammer als Frau des Jahres 2009 ausgezeichnet und ist die erste Trans-Frau Argentiniens, die nach jahrelangem Kampf im August 2009 erfolgreich ihre Identität als Frau durch einen neuen Personalausweis bestätigt bekam. „Keinen Ausweis zu haben bedeutet für uns, das Grundrecht auf unsere Identität verweigert zu bekommen. Neben dem psychischen Druck versperrt es uns außerdem den Zugang zum öffentlichen Gesundheits- und Bildungswesen, zum Arbeitsmarkt, zum Anspruch auf Rente und Sozialversicherung und macht jede Art von Vertragsabschlüssen, egal ob in der Bank, bei der Wohnungssuche oder beim Bezahlen mit der Kreditkarte, unmöglich“, so Romero zur allgemeinen Lebenssituation von Trans-Frauen und -Männern in Argentinien. „Sogar bei der Wahl müssen wir uns in die Schlange der Männer stellen. In vielen Provinzen werden wir von der Polizei verhaftet, inhaftiert und umgebracht. Für die Trans-Personen hat die Demokratie noch nicht begonnen. Wir leben wie während der Diktatur unter der systematischen Verletzung unserer Menschenrechte.“
In einer Gesprächsrunde zum Thema „Kultur, Transvestismus und Medien“ kritisierten Marlene Wayar, Chefredakteurin und Herausgeberin die erste lateinamerikanischen Travesti-Zeitung El Teje, der uruguayischen Trans-Aktivistin Collette Richard und Marta Dillon von der linken argentinischen Tageszeitung Página 12 einstimmig die polemische und diskriminierende Berichterstattung der Medien gegenüber Trans-Personen. Als gravierendstes Beispiel von Mediendiskriminierung wurde die einseitige und populistisch-dämonisierende Darstellung von Trans-Frauen als personifizierte Gefahrenzonen und wandelnde Ansteckungsrisiken für HIV und Geschlechtskrankheiten benannt. Dillon fasst das Problem folgendermaßen: „Als die Aids-Hilfe-Organisation Buenos Aires Sida das Ergebnis ihrer letzten Studie veröffentlichte, der zufolge 37 Prozent der Trans-Frauen im Rotlichtviertel von Buenos Aires HIV-positiv sind, erschien eine Meldung der rechtskonservativen Tageszeitung La Nación. Sie warnte lediglich vor dem Gesundheitsrisiko für das Personal in den Krankenhäusern und für die Kunden der Trans-Sexarbeiter_innen und kümmerte sich nicht um die Lebenssituation der tatsächlich Betroffenen Trans-Frauen“. Ins Leben gerufen und geleitet wurde das Festival von dem erfolgreichen argentinischen Schauspieler und Regisseur Mosquito Sancineto, der als einziger Trans-Künstler in Buenos Aires den Weg in die großen Theaterhäuser gefunden hat und somit ein großes, heterogenes Publikum anzieht. Unterstützt wurde er dabei von der Organisation Cien por Ciento Diversidad, einer Organisation gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung sowie vom staatlichen Antidiskriminierungsbüro INADI.
Und die Zukunft von Destravarte? Dem Pressesprecher zufolge ist es das Ziel, das Festival in den nächsten Jahren zu einem mobilen, internationalen Forum für Transgenderbelange auszubauen:„Geplant ist, das Festival jedes Jahr zu vergrößern, durch mehr internationale Beiträge zu erweitern und anschließend mit Destravarte in die Provinzen zu touren.“
Zwei Dinge kann das Organisationsteam allerdings jetzt schon feiern: einen weiteren Etappensieg im Kampf für die gesellschaftliche Akzeptanz der Trans-Gemeinschaft in Südamerika und die phänomenale Premiere eines Augen öffnenden Festivals.

Kasten:

GLOSSAR

Intersexuelle // Menschen, die aufgrund verschiedener körperlicher Merkmale (von Geburt an) nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen sind.
LGBT // (engl.) Abkürzung für Lesbian-Gay-Bisexual-Transgender = Lesbisch-Schwul-Bisexuell-Transgender.
Transgender // (Oberbegriff) = (engl.) Person, die sich nicht oder nur teilweise mit den ihrem anatomischen Geschlecht zugewiesenen sozialen Rollen und Praktiken identifizieren kann.
Trans // Der Terminus wird hier als Oberbegriff verwendet. Er umfasst dabei ausdrücklich sowohl Transgender im engeren Sinne, die das Überwinden von Geschlechterkategorien anstreben, als auch Transsexuelle, die eine Geschlechtsangleichung innerhalb der gegebenen Kategorien wünschen.
Travesti // (span.) Subkulturelle Selbstbezeichnung für Transgender mit ursprünglich männlicher Zuordnung, die selbstbestimmt ihre geschlechtliche Identität leben und definieren sowie teilweise ihre Körper modifizieren, etwa mittels der Einnahme weiblicher Hormone und der Injektion von Silikon.
_innen // Schreibweise, die im Gegensatz zur Schreibung mit großem „I“ in Texten auch jene Personen sichtbar machen will, die „zwischen den Geschlechtern“ existieren.
LGBTI // Lesbian-Gay-Bisexual-Transgender-Intersex-Comunity

Drag Queens bzw. Kings und Transformistas geht es eher um den künstlerischen und Show-Aspekt als eine permanente, tagtägliche Identität des biologisch anderen Geschlechts.
Transgender, Transsexuelle und Transvestiten streben dagegen eine dauerhafte Identität als Mann oder Frau an und unterstützen dies auch mitunter durch geschlechtsangleichende Operationen und Hormoneinnahme.
Cross-Dresser dagegen genießen einfach die Vorteile modisch typische Attribute des jeweils anderen Geschlechts zu tragen.

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