«

»

Artikel drucken

In aller Stille

Nur nicht zu viel. Nur nicht zu viel Bewegung. Nur nicht zu viel preisgeben. Was auf die wenigen Protagonisten zutrifft, gilt genauso für den ganzen Film. Ein junger Typ nachts im Auto auf offener Landstraße, eine Reifenpanne, ein im Dunkeln abgestelltes Auto, Scheinwerfer eines anderen Wagens, ein Aufblitzen, wieder Dunkelheit. Eine Familie im heimischen Wohnzimmer, monotones Klavierspiel, Warten, Schweigen, das Zimmer so bedrückend und düster wie die Stimmung. Ein Fabrikgebäude, der junge Typ im Gespräch mit dem älteren Mann, der zuvor im familiären Wohnzimmer zu sehen war.
Ganz langsam, ganz still und leise fügen sich in dem mit wenigen Worten auskommenden Film die Konstellationen wie in einem großen Puzzle zusammen, bauen sich Ahnungen beim Zuschauer auf, die mitunter bis zum Ende des Films unaufgelöste Vermutungen bleiben.
Der junge Franzose, in Argentinien geboren und in Frankreich adoptiert, verlässt Europa im Auftrag seiner Holding um das defizitäre argentinische Familienunternehmen zu sanieren. Die Stimmung in der Firma ist gedrückt, der Chef gerade bei einem Unfall ums Leben gekommen, die Chefin zeigt sich feindlich reserviert gegenüber dem jungen Mann, ihr Bruder und die ältere Tochter nehmen sich scheinbar freundlich des Fremden an.
Es sind minimale Momente, winzige Details, die zwischen dem langen, nachdenklichen Warten, in die kaum von Musik durchbrochene Stille des Films hinein gesprochen, noch größere Nachdenklichkeit erzeugen. „Wie alt wäre er”, fragt der Bruder seine Schwester auf dem Heimweg im Auto nach dem ersten Tag mit dem jungen Franzosen in der Firma. Auf die Altersangabe zu ihrem verstorbenen Ehemann, erwidert er: „Nein, mein Neffe.” Ein erstarrter Blick der Frau, Schweigen.
In die, durch eine gut konstruierte, mögliche Angriffe und daraus resultierende psychische Schäden abwehrende Schutzhülle der Familie, drängt sich nun aber immer stärker der junge Fremde. Oder er wird hineingedrängt, durch die um einiges ältere Frau, von welcher man im Laufe des Films immer sicherer annimmt, dass sie doch seine Mutter sein muss. Zunächst jedoch wird sie seine Geliebte. Und steht auch immer stärker hinter ihm, wenn es um unangenehme Entscheidungen zur Rettung der Firma geht. Bei ihrem Bruder hingegen stößt er immer mehr auf Ablehnung und wird von diesem mit Fragen, Verdächtigungen und Schuldzuweisungen konfrontiert. Ist der junge Franzose der in einem Folterzentrum geborene Sohn, der aus dem Leben seiner Mutter „verschwand”? Ist er jetzt durch Zufall geschäftlich nach Argentinien gekommen oder ist er ein Zweifelnder auf der Suche? War es sein mit Reifenpanne am Straßenrand stehendes dunkles Auto, welches den Familienvater und Fabrikbesitzer von der Straße abbrachte? Ist er somit vielleicht sogar unwissentlich Schuld am Tod seines eigenen Vaters? Darf, sollte, will man das eigentlich wissen und wie viel von diesem Wissen tut den Betroffenen selbst gut? Im konkreten Fall ist schon die Ahnung, dass der junge Franzose der verlorene Sohn sein könnte, für die Mutter nicht ohne Realitätsverlust zu verkraften.
Die meisten Andeutungen des Films bleiben aber offen. Das ist gut und sicherlich gewollt. Es entsteht dadurch eine gewisse Austauschbarkeit der Ereignisse, die nicht nur das Schicksal einer einzelnen Frau und Familie widerspiegeln. Die Protagonisten bleiben gleichsam vage umrissene Persönlichkeiten, was auch bildlich wahrnehmbar ist, sieht man doch in zahlreichen Nahaufnahmen nur ihre kopf- und beinlosen Oberkörper. In ihrer Namenlosigkeit und somit Austauschbarkeit sind sie somit ein recht gelungenes Spiegelbild der argentinischen Gesellschaft und ihres schwierigen Umgangs mit der Erinnerung.

El recuento de los daños // Spielfilm von Inés de Oliveira Cézar // Argentinien // Spanisch mit engl. UT // Berlinale Sektion Forum

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/in-aller-stille/