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Neuanfang, im Regen

Es regnet den ganzen Film über. Der titelgebende Wolkenbruch in dem argentinischen Spielfilm Lluvia („Im Regen des Südens“) sucht nicht nur die im Verkehrschaos versinkende Hauptstadt heim. Auch den Gemütszustand der beiden ProtagonistInnen scheint er perfekt zu symbolisieren. Alma und Roberto befinden sich jeweils an einem Wendepunkt ihres Lebens. Doch statt Sonnenschein und Freude auf die Zukunft, herrscht bei ihnen Verwirrung und Verunsicherung, wie es weiter gehen soll.
Alma hat sich gerade von ihrem Mann getrennt und fährt ziellos durch die Stadt. Dass im Feierabendverkehr gar nichts mehr weiter geht, kommt ihr dabei eher entgegen. Ihrer Mutter lügt sie am Telefon etwas von einer Geschäftsreise vor; wenn ihr Ex-Freund Andrés anruft, geht sie gar nicht ans Telefon. Während sie mit Tausenden anderen im Stau steht, wird in der Ferne eine Brücke blockiert. Ob das eine am anderen liegt, bleibt unklar. Als flüchtende DemonstrantInnen, verfolgt von der Polizei, an Almas Auto vorbei rennen, steigt plötzlich ein klitschnasser, zitternder und verletzter Fremder zu ihr ein. Er bittet sie, ihn kurz gewähren zu lassen, und schläft anschließend erschöpft auf ihrem Beifahrersitz ein.
Der mit deutlich spanischem Akzent sprechende Roberto ist, obwohl in Buenos Aires geboren, zum ersten Mal in Argentinien. Verloren und orientierungslos bewegt er sich durch die Stadt. Offensichtlich erschüttert, schweigt er sich dennoch hartnäckig darüber aus, was ihn zu der Reise veranlasst hat.
Die argentinische Regisseurin Paula Hernández begeht in ihrem zweiten Spielfilm nicht den Fehler, das Zusammentreffen der beiden unterschiedlichen Charaktere zu einer lebensverändernden Initialzündung zu stilisieren. Aber auch der Anfangs angedeutete politische Hintergrund für Robertos Flucht in Almas Auto bleibt leider aus. Zwischen Alma und Roberto entwickelt sich im Laufe des Films eine stille, leise Beziehung, in der die beiden aneinander Halt und neue Orientierung finden. So wartet Lluvia nicht mit einer besonders weltbewegenden Geschichte auf, aber doch mit einer feinfühligen Charakterstudie zweier sich zufällig kreuzender Lebensgeschichten.

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