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„Und deshalb machen wir unsere eigene Versammlung…“

LN: Die CONAIE setzt sich seit vielen Jahren für die verfassungsrechtliche Anerkennung Ecuadors als plurinationalen Staat ein. Während des großen Indígena-Aufstandes 1990 von der Rechten als erster Schritt zum Untergang des Staates als Schreckgespenst an die Wand gemalt, ist der Begriff des Estado Plurinacional heute in aller Munde und unter potentiellen Präsidentschaftskandidaten quer durch die Parteien ein beliebtes Mittel, die große Wählerschaft der indigenen Bevölkerung auf sich aufmerksam zu machen. Inwiefern hat sich die Rezeption des Konzeptes „plurinationaler Staat“ in den letzten Jahren verändert?
Yumbai: Enorm. Seit den 80er Jahren fordert die CONAIE eine Versammlung zur Verfassungsreform (Asamblea Nacional Constituyente), um Veränderungen durchzusetzen, die etwas mehr mit der konkreten Realität zu tun haben, in der wir leben. In Ecuador gibt es die unterschiedlichsten Nationalitäten. Wir betrachten Nationalität als besonderes Recht eines jeden indigenen Volkes auf ihre Territorien und ihre Sprache. Aber nicht mit dem Ziel, uns vom Staat abzuspalten. Andererseits reicht es nicht, das Wort Plurinationalität in die Verfassung aufzunehmen, wir brauchen weitreichende gesellschaftliche Reformen.
LN: In den letzten Monaten ist in der Öffentlichkeit intensiv über formale Aspekte der Asamblea diskutiert worden, während inhaltliche Fragestellungen leider im Hintergrund blieben. Welche Erfolge verspricht sich die CONAIE von der durch die Regierung für Dezember angesetzte Versammlung?
Yumbai: Wir haben immer eine Asamblea Nacional Constituyente gefordert, eine verfassungsgebende, nicht verfassungsverändernde Versammlung. Das und nichts anderes war der Kompromiß nach dem Rausschmiß Bucarams. Aber die Regierung und die wirtschaftlich Mächtigen haben kein wirkliches Interesse an einer Reform. Deshalb heißt die Asamblea jetzt nicht mehr Constituyente – so wie in der Volksabstimmung bestätigt – sondern nur noch Asamblea Nacional, was den Weg frei macht für zahlreiche Manipulationen.
Unsere Vorstellung dieser Versammlung ist, daß alle Sektoren der Gesellschaft sich versammeln und Absprachen über die wichtigsten Themen treffen: Zum Beispiel ein neues ökonomisches Modell, denn der Neoliberalismus hat hier nichts gebracht; oder Stichworte wie Dezentralisierung und Plurinationalität. In Ecuador gab es bereits 18 Verfassungsreformen, ohne daß sich etwas verändert hat. Da muß einfach ein ganz neuer Ansatz her. Die Politiker wollen wieder nur an der Oberfläche kratzen. Und deshalb machen wir jetzt unsere eigene Versammlung. Wir planen eine Asamblea Nacional Constituyente für den 12. Oktober mit der Mehrheit der Organisationen und repräsentativen Sektoren – wie eine große Minga: die gemeinsame Arbeit für die Gemeinschaft. Wir werden das ganze Land mobilisieren und am 12. Oktober symbolisch die Haupstadt Quito besetzen.
LN: Versteht Ihr Eure Versammlung als ein Vorbereitungsgremium oder eine Parallelveranstaltung?
Yumbai: Weder noch. Wenn wir es schaffen, die Unterstützung aller Sektoren zu bekommen, wer soll sich dann unseren Beschlüssen entgegensetzen und verhindern, daß sie in die Verfassung miteinfließen? Die Rechte glaubt doch, sie könnte in diesem Land tun und lassen, was sie will. Wenn wir tatsächlich breite Unterstützung bekommen – warum entheben wir dann nicht den Kongreß seiner Funktion und schicken die Abgeordneten nach Hause? Das Vertrauen in die Politiker ist sowieso ein für alle Mal verbraucht.
LN: Die Partei Pachakutik-Nuevo País ist aus der CONAIE hervorgegangen und hat mit den Wahlen im vergangenen Jahr Einzug in den Kongreß erhalten. Wie steht die CONAIE heute zu Pachakutik?
Guzmán: Man muß einfach deutlich unterscheiden zwischen der Bewegung und der Partei. Die CONAIE ist eine Massenbewegung, und da hat Pachakutik wenig zu sagen. Für die arme Bevölkerung ist sie keine wirkliche Alternative.
LN: Ex-Präsident Abdalá Bucaram hatte der indigenen Bevölkerung Ecuadors im Wahlkampf ein eigenes Ministerium versprochen, und Rafael Pandam, dem Vorsitzenden der Amazonasvertretung, den Ministerposten – und eine stattliche Summe Geld, wie sich später herausstellte. Im Gegenzug unterstützte dieser Bucarám in der Stichwahl gegen Jaime Nebot im Juli 1996, was zu einer tiefen Krise zwischen den regionalen Organisationen der CONAIE aus dem Amazonastiefland und der Sierra führte. Wie steht die CONAIE heute dazu?
Guzmán: Die ganzen Aktivitäten der Regierung Bucaram waren nichts als Schein, und auch das Ministerio Etnico-Cultural nur ein hohles Versprechen. Wir sind mit so einem Alibi-Ministerium grundsätzlich nicht einverstanden, und es ist schlimm, daß einige der Compañeros sich für so etwas hergeben.
LN: Im nächsten Jahr wird es vorgezogene Neuwahlen geben. Wen wird die CONAIE unterstützen? Was ist mit dem Journalisten und unabhängigen Kandidaten Freddy Ehlers, den die CONAIE bei den letzten Wahlen unterstützt hat?
Guzmán: Ich bin der Meinung, daß die sozialchristliche PSC und wir gegeneinander ins Rennen gehen. Die PSC hat einen ganz anderen Rückhalt in der Wirtschaft, und deshalb andere Möglichkeiten. Aber wir repräsentieren die Massen. Freddy Ehlers hat einige gute Ideen, aber ist noch lange kein Vertreter der indigenen Bevölkerung. Obwohl er beispielsweise für Plurinationalität eintritt, ist er gegen ein Moratorium für die Auslandsschuld und den Schutz der strategischen Bereiche der Wirtschaft. Er ist einverstanden, mit uns an die Macht zu kommen, sonst nichts.

KASTEN

Für Landreform und gegen Diskriminierung

Die CONAIE (Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador) wurde 1986 gegründet und versteht sich als Interessenvertretung der indigenen Gruppen Ecuadors. Sie umschließt die drei regionalen Unterorganisationen ECUARUNARI (gegründet 1972 und weiterhin größte Organisation des andinen Hochlandes), die CONFENAIE für die indigenen Gruppen des Amazonasgebietes und die COINCCE für die Küstenregion, welche seit kurzem auch die Interessen der afro-ecuadorianischen Bevölkerung vertritt. In den 60er und 70er Jahren lag das Hauptaugenmerk der Bewegung auf dem Kampf um Landrechte. Ab Ende der 70er Jahre veränderte sich parallel zu der Organisationsstruktur auch das Wirkungsfeld der Organe, die sich von nun an auch offensiv gegen Diskriminierung und für den Erhalt der indigenen Sprachen und Kultur einsetzten. Als übergreifende politische Organisation konnte die CONAIE eine kollektive Identität der indigenen Gruppen Ecuadors formulieren und etablieren. Als wichtiger Durchbruch wird der Verhandlungserfolg mit der sozialdemokratischen Regierung Borja von 1988 gewertet, der die Durchsetzung eines bilingualen Erziehungsprogrammes brachte.

KASTEN

Landesweite Straßenblockade als bewährte Form des Protestes

Im Juni 1990 folgten zehntausende dem Aufruf der CONAIE zu einem ersten landesweiten Indígena-Aufstand gegen drastische Preiserhöhungen im Zuge wirtschaftlicher Anpassung: Mehrere Tage lang waren die Hauptverkehrsachsen des Landes blockiert und der Verkehr flächendeckend lahmgelegt. Auch wenn die Regierung anfänglich versuchte, die Bedeutung der Zuvorkommnisse herunterzuspielen und der CONAIE subversives, fremdgelenktes Verhalten und Verrat am Staat vorwarf, mußte sie letztendlich die Bedeutung der indigenen Bewegung und der CONAIE zur Kenntnis nehmen. Seitdem hat die Indígena-Bewegung immer wieder in landesweiten Straßenblockaden ihre Stärke und Beharrlichkeit demonstriert, zuletzt am 11. und 12. August diesen Jahres, um gegen die Verschleppungstatik des Interimspräsidenten Alarcón im Hinblick auf die vereinbarte Asamblea Nacional zu protestieren.

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