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Und was ist mit Luisa, was mit Jacinto?

Vor ziemlich genau 20 Jahren kursierte in den Flüchtlingslagern von Colomoncagua, Honduras, wo damals circa 8.000 SalvadorianerInnen lebten, das Gerücht, dass eine Gruppe von Flüchtlingen auf dem Weg aus El Salvador nach Colomoncagua in einen Hinterhalt der honduranischen Armee geraten sei. Luisa, eine der Fliehenden, sei seither verschwunden. Der UNHCR (Flüchtlingshochkommissar der Vereinten Nationen), unter dessen Schutz und Verwaltung die Lager standen, wurde eingeschaltet. Eine Gruppe von internationalen MitarbeiterInnen der Lager ging in das Grenzgebiet, um nach Luisa zu suchen. Leute im Dorf von Colomoncagua wollten sie im Armeeposten gesehen haben. Aber Luisa blieb verschwunden.
Vor ein paar Jahren fuhr ich mit der Familie Pérez nach La Villa del Rosario im Norden von Morazán. An einem Hügel, etwas außerhalb des Dorfes, sagte Demetria, hier sei ihr Vater Aquilino im Oktober 1980 von der Nationalgarde erschossen worden. Ein Holzkreuz mit Aquilinos Namen wurde gepflanzt und seither kommt die Familie jedes Jahr zu Allerseelen hierher und schmückt das Kreuz mit Plastikblumen. Demetria ist sich bis heute nicht sicher, ob es genau diese Stelle war. Die Truppen unter Leutnant Francisco Mena Sandoval, der sich kurz danach der Guerilla anschloss, hatten damals La Villa del Rosario besetzt. Als Demetria, die ebenfalls bei der Guerilla war, ihn während des Krieges nach der Ermordung ihres Vaters fragte, machte er die Nationalgarde, die nicht unter seinem Befehl gestanden habe, dafür verantwortlich. Zur Rechenschaft gezogen worden ist jedenfalls nie jemand für die Ermordung von Aquilino Pérez.
Dieser Tage hat mir eine alte Freundin von ihrem Onkel Jacinto erzählt. Er lebte in San Miguelito, Chalatenango, und arbeitete beim Straßenbau. 1980, als die Situation in dieser Gegend schon kritisch geworden war und er das Dorf verlassen hatte, ging er zurück, um sein Weihnachtsgeld abzuholen. Er ist nie mehr aufgetaucht. Sein Name steht auf keiner Liste von Verschwundenen, weder jener der Vereinten Nationen, noch jener der Wahrheitskommission, die nach der Unterzeichnung der Friedensverträge im Januar 1992 ein Jahr lang die während des Krieges begangenen Menschenrechtsverbrechen untersuchte.

Blinde Flecken der Erinnerungspolitik

Die drei Geschichten – und es gibt Tausende solcher Geschichten – sind paradigmatisch für den Stand der Vergangenheitsbearbeitung in El Salvador. Da gibt es Themen, die überhaupt noch nie öffentlich gemacht, geschweige denn erforscht und diskutiert wurden. Dafür steht der Namen von Luisa – eine von vielen SalvadorianerInnen und HonduranerInnen, die im Grenzgebiet, aber auch in ande- ren Teilen von Honduras verschwanden oder ermordet wurden, weil sie tatsächlich oder angeblich mit der FMLN kollaborierten.
Dann gibt es das weite Feld der Menschenrechtsverbrechen durch das Militär, die Sicherheitskräfte und ihre paramilitärischen Hilfstruppen, die zwar ganz oder teilweise aufgeklärt, aber wegen der Generalamnestie von 1993 nie geahndet wurden. Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Berichts der Wahrheitskommission erließ das Parlament mit den Stimmen der rechtsextremen ARENA und der Militärpartei PCN eine Generalamnestie – auf Antrag der Regierung des „Friedens“- und des ARENA-Präsidenten Alfredo Cristiani Burkhard, heute einer der reichsten Männer El Salvadors.
Die Amnestie deckt seither alle ehemaligen Angehörigen der Streit- und Sicherheitskräfte El Salvadors und der Paramilitärs. Im Falle von Aquilino zum Beispiel wurden auf Befehl von Leutnant Mena Sandoval alle Männer des Dorfes und der umliegenden Weiler zusammengetrieben. Dann traten ein paar Maskierte auf, vermutlich Angehörige der paramilitärischen Kantonalpatrouillen oder der antikommunistischen Organisation ORDEN, und selektierten die Bauern, die anschließend von der Nationalgarde erschossen wurden.
Und es gibt das ebenso weite Feld der Verschwundenen, um die sich niemand kümmert – mit der rühmlichen Ausnahme der „Asociación Pro Búsqueda de los Niños Desaparecidos“, die systematisch und erfolgreich nach Kindern sucht, die von der Armee verschleppt und später zur Adoption freigegeben wurden (vgl. hierzu auch LN 331 vom Januar 2002). Es gibt die erwähnten Listen von Ermordeten und Verschwundenen und alle, die namhaft gemacht wurden, sind eingeschrieben in die 50 Meter lange Mauer des Monuments. Seine Errichtung zehn Jahre nach der entsprechenden Empfehlung im Bericht der Wahrheitskommission ist das Verdienst mehrerer Menschenrechtsorganisationen und der FMLN-Stadtverwaltung von San Salvador (seit 1997 wird die Hauptstadt von der FMLN regiert), die den Platz im zentral gelegenen Cuscatlán-Park zur Verfügung gestellt hat.
Im Geiste jener Menschenrechtsdoktrin, die in den achtziger Jahren zu grassieren anfing und die zum Beispiel den salvadorianischen Staatsterrorismus mit den FMLN-Vergehen gegen die Genfer Konventionen gleichsetzt, verzeichnet das Monument für die Opfer des Krieges auch die Opfer von FMLN-Attentaten. Wie das von den Familienangehörigen von Opfern des Staatsterrorismus aufgenommen wird, die vor dem Monument stehen und nach den Namen ihrer Söhne, Töchter, Mütter, Väter und Geschwister suchen, weiß ich nicht.
Aber niemand sucht nach den bislang anonym gebliebenen Verschwunden und niemand recherchiert die näheren Umstände der Entführung und mutmaßlichen Ermordung der bekannten Verschwunden.

Intime und öffentliche historische Erinnerung

Die Geschichte von Jacinto, die mir die alte Freundin erzählte, zeigt, wie nahe unter der Oberfläche die Erinnerung an die jüngste Vergangenheit bei all jenen liegt, die aktiv am Krieg teilgenommen haben oder unmittelbar von ihm betroffen wurden. Die Lebensgeschichte der Nichte von Jacinto kenne ich recht gut, ich kenne ihre Familie und wir arbeiten an vielen Stellen zusammen. Und dann erzählt sie mir nach vielen Jahren, aus heiterem Himmel und in der heiteren Atmosphäre eines Sonn-tagsausflugs, plötzlich vom Onkel Jacinto. Oft, wenn ich mich mit Leuten in den ehemaligen Kriegsgebieten oder mit ehemaligen FMLN-KämfperInnen in San Salvador unterhalte, kommen wir schnell auf die Jahre des Krieges zu sprechen. Wenn es sich nicht um den Austausch von militärischen Anekdoten handelt, gibt es in solchen Gesprächen immer wieder zwei Elemente, die den intimen, den nicht-öffentlichen Umgang mit der Vergangenheit beleuchten.
Familienangehörige von Verschwundenen und von irgendwo im Land gefallenen FMLN-KämpferInnen möchten in erster Linie wissen, wo die Leichen ihrer Lieben begraben, besser gesagt verscharrt sind. Das ist wichtig, um Gewissheit vom Tod des Verwandten zu haben und einen Ort, an dem man seine Erinnerung materialisieren kann. Oft, wie im Fall von Aquilino, begnügen sich die Leute damit, den Ort aus zuverlässiger Quelle kennen zu lernen, eine Exhumierung ist für sie dann nicht mehr wichtig.
Auch Rache – das zweite Element – scheint nicht so wichtig zu sein. Söhne von Jacinto zum Beispiel wollten den Spitzel, der den Vater ans Messer geliefert hat und den sie zu kennen meinen, umbringen, aber ihre Mutter war dagegen. Viele Leute haben mir erzählt, dass sie Denun-ziantInnen kennen, die den Krieg überlebt haben und an den alten Orten des Geschehens frei herumlaufen. Die Betroffenen sind nach dem Krieg deshalb oft nicht mehr an ihre Herkunftsorte zurückgezogen und gehen den ehemaligen „orejas“ (Spitzeln) aus dem Weg, aber sie haben nicht das Bedürfnis nach Selbstjustiz. Auch das Bedürfnis nach genaueren Untersuchungen der Todesumstände von Angehörigen scheint wenig ausgeprägt. Man könnte also vereinfachend sagen, dass das individuelle Bewusstsein auf dem langen Weg der aktiven Vergangenheitsbearbeitung ganz am Anfang steht. Die Erinnerung ist noch lebhaft, eine Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit wird aber nicht betrieben.
Im öffentlichen Bewusstsein scheint selbst die Erinnerung verdrängt. Es gibt in El Salvador kein kollektives historisches Gedächtnis oder es ist zumindest nicht erkennbar. Neulich meldeten die salvadorianischen Medien, dass die kanadische Firma CINTEC, Mehrheitsaktionärin der Mülldeponie von Groß-San Salvador, ihre Anteile an eine Schweizer Firma und eine Gruppe salvadorianischer AktionärInnen verkauft hat. Als deren Sprecher trat alsbald Orlando Zepeda auf, tituliert als vormaliger Verteidigungsminister. Das war er auch mal kurze Zeit, aber der General Orlando Zepeda war in den Jahren des Krieges vor allem ein notorischer Menschenrechtsverbrecher. Darüber berichteten die Medien nicht, und weder die FMLN noch die Menschenrechtsorganisationen erwähnten es in diesem Augenblick. Das beleuchtet den desolaten Zustand des öffentlichen Bewusstseins von der jüngsten Vergangenheit ebenso wie die Verleihung der Ehrenbürgerschaft von San Salvador an den Altfaschisten, Gründer der Franco-nostalgischen PP (Partido Popular) und derzeitigen Gouverneur von Galizien, Manuel Fraga Iribarne.

Die Beharrlichen und die Durststrecke vor ihnen

Noch haust die historische Erinnerung sehr nahe an der Oberfläche von „Vergeben und Vergessen“, von „Schlussstrich und neues Kapitel“, Parolen der interessierten Freund-Innen der Amnestie. Und trotz der beharrlichen Arbeit von einzelnen Personen und Organisationen lässt sich für die Vergangenheitsbearbeitung in El Salvador zwar eine weitere Durststrecke, aber kein Ende der Geschichte prognostizieren. Unter den Beharrlichen sind die Organisation „Pro-Búsqueda“, das Rechtshilfebüro der Erzdiözese von San Salvador, „Tutela Legal“ unter María Julia Hernández, die auch unter einem Opus-Dei-Erzbischof unermüdlich an der Aufklärung der Vergangenheit weiterarbeitet.
Das Menschenrechtsinstitut der Jesuiten-Universität (IDHUCA) besteht darauf, die intellektuellen Verantwortlichen für das Massaker von 1989 an dieser Universität vor Gericht zu stellen und hat einige Fälle von Polizeimorden in jüngerer Vergangenheit beharrlich begleitet. Die Menschenrechtsorganisation „Madeleine Laguedec“ (genannt nach einer von der Armee ermordeten bretonischen Krankenschwester in den Reihen der FMLN) macht weiter Exhumierungen. Das Menschenrechts-konsortium insgesamt, zu dem die genannten und weitere Organisationen gehören, hat die Errichtung des Monuments betrieben und besteht immer wieder darauf, unterstützt auch von Amnesty International, dass das Amnestiegesetz von 1993 für ungültig erklärt wird. Ein Lichtblick war auch die Verurteilung von zwei ehemaligen Generälen in einem Zivilverfahren in Florida, das dort von ebenfalls in den USA lebenden Betroffenen angestrengt wurde.
Die heftige Reaktion auf dieses Urteil seitens der salvadorianischen Regierung und die Ehrenerklärung, welche die heute ach so demokratischen Streitkräfte sofort für ihre Kameraden abgaben, verweisen auf einen nicht unerheblichen Faktor in der Erinnerungspolitik in El Salvador. Es ist nicht einfach so, dass die Masse der Bevölkerung vergibt und vergisst, einen Schlussstrich zieht und zum Alltag übergeht. Daran wird gearbeitet. Der herrschende Diskurs ist der Diskurs der Herrschenden; die ARENA, ihre Regierung und die hinter ihr stehenden UnternehmerInnen brauchen Ruhe an dieser Front und die Angst der Leute, an der Vergangenheit zu rühren, um ihre neoliberale Wirtschaftspolitik durchzuziehen.
Vor allen in Wahlkämpfen beweisen diese Herrschaften immer wieder, dass sie für ihren Teil sehr wohl ein historisches Bewusstsein haben. Allzu gern erinnern sie dann an die „terroristische“ Vergangenheit der FMLN. Ganz bewusst eröffnet die ARENA ihre Wahlkämpfe jeweils in Izalco und versäumt dabei nicht zu sagen, dass sie dort den Kommunismus zum ersten Mal geschlagen hat (gemeint ist der Aufstand von 1932, der mit dem größten Massaker der modernen Geschichte El Salvadors beendet wurde).

Lücken im Amnestiegesetz

Das Urteil gegen die beiden Ex-Generäle in Florida und ein Blick auf jüngere Entwicklungen in Chile und Argentinien verweisen aber auch auf das weite Feld von Möglichkeiten, welche die Menschenrechtsorganisationen noch nicht ausgelotet haben. Ähnliche Fälle könnten im Ausland betrieben werden, wo der eine oder andere Menschenrechtsverbrecher als Privatmann oder Diplomat lebt. Die Menschenrechtsorganisationen in Chile und Argentinien (auch vor Kirchner) haben gezeigt, dass man in jeder Amnestie Lücken finden kann. In Argentinien deckten die verschiedenen Amnestien die Entführung von Kindern nicht, und in Chile gelten Verschwundene, die oder deren Leichen nicht aufgetaucht sind, nicht als ermordet, sondern als entführt – und Entführung wird von der Amnestie von 1978 nicht gedeckt. Vermutlich sind in El Salvador ähnliche Lücken zu finden, mit denen man die Amnestie von 1993 aushebeln könnte.

(Der Autor kennt El Salvador seit 1984 und arbeitet derzeit dort bei einer Menschenrechtsorganisation)

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