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Unerfüllten Träumen hinterhergesungen

Egal, ob Priester, Polsterer, Eichelkönig, Schlitzohr oder blinder Passagier…“ (Henrique Santos Discepolo). Mit diesen herausfordernden Zeilen von Discepolín wird Censurado, die neue CD von Pablo Ardouin und der Gruppe Tango Efusión, eröffnet. Die Musik hört sich an, als käme man in irgendein kleines Café oder eine Bar an der Ecke, wo man sich früher traf, im alten Buenos Aires des beginnenden 20. Jahrhunderts. Ein paar Gestalten sitzen an der Bar, jede den Blick ins Glas vor sich gerichtet oder in Richtung der kleinen Bühne, die sich weiter hinten im Raum in einer schummrigen Ecke befindet. Auf der kleinen Tanzfläche davor wiegt sich allein ein älteres Paar im melancholischen Zweiviertel-Takt. Die Luft ist erfüllt von einer klagenden klaren Männerstimme, die, getragen vom tief gezupften Bass, unerfüllten Träumen hinterherzusingen scheint. Ruhig, manchmal herausfordernd, dann wieder schicksalsergeben und mit der nötigen Portion Melancholie erfüllt sie die kleine, dunkle Bar. Haben sich die Augen ans Licht gewöhnt, kann man links einen Pianisten erkennen, der gedankenverloren die Tasten des Klaviers liebkost. Mal unterstützt das Piano das treibende Bandoneón, mal schwingt es sich mit einer leichten Melodie auf, tänzelnd, ebenso wie die Violine, hell und klar.
Die frechen und vulgären Texte, die dem großstädtischen Proletariat
Argentiniens vergangener Zeiten entspringen, bringt der gebürtige Chilene Pablo Ardouin in einer Mischung aus Wut und Melancholie nun gekonnt und einfühlsam zurück in unsere Zeit. Censurado – aus moralischen oder politischen Gründen zensiert waren die meisten der klassischen und moderneren Tangos und Milongas, die Pablo Ardouin und Tango Efusión hier interpretieren.
Die zartbittere Milieustudie „Los cosos de al la’o“ (Die Leute von nebenan) zum Beispiel wurde von gesellschaftlichen Meinungsträgern als geschmacklos und beleidigend geächtet – wegen dem ordinären Slang, dem Lunfardo. Nicht nur wegen der rebellischen Natur vieler Texte, auch wegen der gewagten Erotik seiner Tanzfiguren verdammte die argentinische Bourgeoisie den Tango zunächst als „reptil de lupenar“, als „Bordellschlange“.
Es finden sich daher einige der berühmtesten Kompositionen Henrique Santos Discépolos, „Discepolín“, auf der CD. Die Tangos des für seinen ‘progressiven’ Tango bekannt gewordenen Musikers waren bis zum Ende der Militär-Regimes in Argentinien und Uruguay verboten. „…Wenn du dir die Hacken abläufst um ein paar Kröten zu ergattern, damit du was zum Beißen hast, dann wird dir die Gleichgültigkeit der Welt, die taub ist und stumm, eben erst bewusst“, sangen Carlos Gardel und Sofía Bozán ano 1930 Discepolíns Tango „Yira… yira“. Heute singt ihn Pablo Ardouin zusammen mit einem mitreißenden Bandoneón ebenso nüchtern und klar wie die Aussagen im Text es fordern. Mitte der Dreißiger entstand unter Discepolíns Feder auch „Cambalache“: „Wir leben alle in einem Kuddelmuddel, wälzen und befingern uns im selben Dreck… Jeder ist ein Gauner, jeder ein großer Herr!“ heißt es da für die damaligen Verhältnisse recht herausfordernd.
Neben der Anklage sozialer Unterschiede und der Provokation gesellschaftlicher Schranken kommt mit dem Tango „Uno“ (Einer), der dritten Komposition Discepolíns auf der CD, ein weiteres charakteristisches Merkmal zum Tragen: Eine verzweifelte, irgendwie sympathische Sehnsucht eines zurückgewiesenen und gekränkten machistischen Männerherzens („Hätt ich doch einmal noch das Herz, das ich verloren hab!“) ist das Thema vieler berühmter Tangos. Denn auf der Tanzfläche führt der Mann, die Frau unterwirft sich ihm völlig – wird sein narzistischer Stolz und das erhobene Haupt jedoch einmal nicht in gewohnter Manier bewundert, folgt der ‘verzweifelte’ Fall, den Ardouin hier mit klarer und authentischer Stimme darzustellen weiß.

Ardouin und Tango Efusión folgen den Wurzeln

Auch eigene Kompositionen Pablo Ardouins finden sich auf dem Album. Sie stehen ganz in der lebendigen Tradition der gleichermaßen poetischen und kämpferischen Tangos. Melodie und Tonfall wirken allerdings moderner, eingängiger für unsere Ohren. In „Santiago de noche“ heißt es ambivalent „Santiago bei Nacht, ich möchte dich küssen, trotz deines verdorbenen und traurigen Anblicks.“.
Auch der Text eines weiteren Tangos Ardouins, „Del tiempo y des adioses“ mutet ebenfalls eher ‘modern’ an: „Unverschämt ist sie, die Zeit wie sie zwischen den Fingern zerrinnt“. Die Melodie allerdings wirkt wie aus einem gediegenen Tanzsalon mit roten Samtpolstern wie man ihn heute nicht mehr so schnell findet. Insgesamt ist Ardouin und Tango Efusión die Kombination traditioneller und moderner, heutiger und damaliger Tangos gut gelungen. Die Begleitung von Bandoneón, Violine, Bass und Piano holt – wie eingangs beschrieben – aus jedem Tango seine charakteristischen Töne heraus, aus Rhythmus, Melodie und Text.

Censurado, Pablo Ardouin & Tango Efusión, erschienen bei Peregrina Music, 2001, www.peregrinamusic.de
info@peregrinamusic.de

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