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Uribe spielt das Lied vom Tod

Sechs Schüsse schallen durch die Straßen. Es ist früher Abend in Arauca, der Hauptstadt der gleichnamigen kolumbianischen Provinz. Wenn die Sonne untergeht, ziehen sich die Menschen in ihre Häuser zurück. Denn fast täglich kommt es zu Anschlägen und Morden. Und die Sicherheitskräfte verhaften oft willkürlich irgendeinen der 340. 000 Einwohner.
Das Opfer an diesem Abend: Raúl Grass, bekannt als Mitarbeiter des kolumbianischen Innenministeriums und Berater in der Provinzverwaltung. Sein Mord am 14. Januar gilt als Höhepunkt der institutionellen Krise in der Provinz Arauca.
Wer Grass erschossen hat, weiß niemand. Anwohner erzählen von Killern auf einem Motorrad, andere von Polizisten. Sieben Monate arbeitete er an der Seite des Gouverneurs, der wenige Stunden vor dem Mord zurückgetreten war. Der Grund: mangelnder Erfolg bei der Durchsetzung der öffentlichen Ordnung. Grass hatte keinen Vertrag mit dem Ministerium. Arbeitete er für die Guerilla, die Paramilitärs oder die CIA? In Arauca ist alles möglich.
Ende September vergangenen Jahres erklärte der kolumbianische Präsident Uribe Vélez 15 Bezirke zu so genannten Konsolidierungszonen. Drei liegen in der nordöstlichen Provinz Arauca. Ziel ist dort die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung. Denn die Guerilla des Nationalen Befreiungsheeres (ELN) und der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) kontrollieren dort seit mehr als 15 Jahren weite Teile des Gebietes. Uribe schickte Hunderte Soldaten in die Region, um die Guerillastrukturen schnell zu zerstören. Sie sind mit justiziellen Rechten ausgestattet und eine zwingende zivilstaatliche Kontrolle gibt es nicht.
Was öffentlich und außerhalb der Zone als durchschlagender Erfolg gegen die „Drogenterroristen“ gefeiert wird, entpuppt sich vor Ort jedoch als Fehlschlag. In Arauca kommt auf 30 Einwohner mehr als ein Soldat. Mit der Ankunft neuer Sicherheitskräfte scheint sich die Gewalt proportional zu steigern. Autobomben, Morde und Brückensprengungen der Rebellen sollen den Operationen der Armee Einhalt gebieten. Allein in den ersten zwei Januarwochen fanden in der Provinz 26 politische Morde statt, die den Paramilitärs oder der Guerilla angehängt werden. Die Reaktion der Sicherheitskräfte: Massenverhaftungen, Durchsuchungen ganzer Viertel und Einschüchterung der Bevölkerung.

US-Macht über das Öl

Das Verhältnis des Staates zu den Bewohnern Araucas sei seit zwanzig Jahren gestört, erzählt Oscar Cañas von der ansässigen Ölarbeitergewerkschaft (USO).
1980 weitete die US-amerikanische Firma Occidental de Colombia (OXY) dort die Erdöl-Förderung aus. Von den Gewinnen werde jedoch nichts in die Region investiert. 20 Prozent der durch OXY geförderten Ölmengen gehen als so genannte „Schenkungen“ an den kolumbianischen Staat. Dieser lässt widerum nahezu alle infrastrukturellen Investitionen durch seine Erdölfirma Ecopetrol durchführen — und zwar fast ausschließlich zur Sicherung der Pipeline. Die Gewalt habe mit der Arbeit von OXY Einzug gehalten, sagt der Gewerkschaftler. Statt eine Politik des „guten Nachbarn“ zu pflegen, habe die Firma eine Militarisierung durchgesetzt. Darauf reagierte die Guerilla und rüstete ebenfalls in der Region auf.
Tatsächlich sind auf der Förderanlage Caño Limón seit einigen Jahren ein Armeebataillon und eine Hubschrauberstaffel stationiert, um auf Anschläge der Guerilla schnell reagieren zu können.
Im vergangenen Jahr konnte die Ölpipeline, die von Caño Limón zur Atlantikküste führt, im Schnitt nur jeden dritten Tag Erdöl fördern. Die Leitung wurden regelmäßig durch Anschläge zerstört. Armeeangehörige hohen Ranges haben sich auf dem Gelände von OXY in den firmeneigenen Häusern eingemietet und genießen das Luxusleben, das ihnen die US-Firma bietet. Fahrzeuge, die das Gebiet zwangsläufig passieren müssen, um in die Provinzhauptstadt Arauca zu kommen, haben dagegen langwierige Durchsuchungen zu ertragen. Jeder Passant wird registriert.
Von den 350 Angestellten in der Anlage sei fast niemand aus der Region, so Cañas. „Weil die Leute aus Arauca laut OXY alle Guerilleros sind“. Erst vor einigen Monaten sei ein 13-jähriges Kind vom Wachschutz erschossen worden, weil es einem Haustier hinterhergerannt sei und sich versehentlich in die Anlage verirrte. „Es hätte ja ein Spion der Rebellen sein können“, sagt Cañas spöttisch. Konsequenzen zog diese Tat nicht nach sich. Denn OXY besitzt in Arauca die Macht und damit Narrenfreiheit.

US-Soldaten führen Verhöre durch

Den Menschen in Arauca ist bewußt, dass die Ausrufung ihrer Provinz zur Konsolidierungszone eng mit dem Erdöl verknüpft ist. Die Öl-Förderungen durch OXY ist für die USA von großer Bedeutung. Konsequenz: Sie haben verstärkte Militärhilfe angekündigt.
Caño Limón liefert rund 120.000 Barrel Rohöl am Tag für den Export. In der Region werden weitere Erdölfelder vermutet, die wegen der Guerilla bisher aber nicht erforscht werden konnten. Im vergangenen Herbst kündigte Washington die Finanzierung eines Spezialbataillons in Arauca mit einem Umfang von 100 Millionen US-Dollar an.
Mitte Januar trafen die ersten 60 US-Soldaten in der 18. Armeebrigade Araucas ein. „Eine Provokation für die bewaffneten Gruppen“, sagt Teresa Cedeño, Anwältin und Mitglied des Menschenrechtskomitees in Arauca (siehe Interview). Sie vertritt Zivilisten, die Armee oder Polizei willkürlich festgenommen haben. Diese werden in der Regel in die Armeebrigade gebracht und dort verhört. „Es gab Fälle, bei denen US-Amerikaner die Verhöre durchgeführt haben“, so Cedeño.

Auf dem Land herrscht die Guerilla

Die Bezirkshauptstädte Araucas sind mit Armee und Polizei vollgestopft. Aber auf dem Land haben die Guerillas die Macht. Wenige Kilometer außerhalb der Ortschaften beginnt ihr Gebiet. Seit August letzten Jahres hat die Regierung dort keine Operationen mehr durchgeführt.
Am Wegesrand des Flachlandes steht ein neuer Opel Corsa verlassen auf einer Wiese. „Der ist geklaut und wurde wohl für andere Zwecke hier abgestellt“, sagt ein Passant und grinst. Die Guerilla nutzt diese Fahrzeuge. Sie platzieren sie als Autobombe vor Polizeistationen oder Kasernen.
In einem kleinen Dorf zwischen den Städten Atme und Arauquita werden Neuankömmlinge mit großen Wandbildern und Schildern der FARC begrüßt. „Nein zur Intervention der Gringos“ steht dort in Großbuchstaben. Ein Transporter mit ELN-Guerilleros rast durch die Ortschaft. Milizionäre und uniformierte FARC-Rebellen schlendern umher. Noch vor wenigen Monaten bekämpften sich die Rebellengruppen. Jetzt hat sie der verschärfte Konflikt mit Regierung und Armee verbündet.
Die Bewohner sind sich einig: unter der Guerilla leben wir gut. Die Guerilla vermuten Spitzel der Paramilitärs oder der Armee. Deshalb kontrollieren sie die Bewohner von Zeit zu Zeit. Aber dazu sagt keiner etwas. Viel wichtiger für sie ist: es gibt hier Geld. Während in den großen Ortschaften seit Wochen kein Benzin mehr zu normalen Preisen zu bekommen ist, gibt es dieses im Dorf tonnenweise.
Arauca hängt wirtschaftlich vom Nachbarland Venezuela ab. Dort beziehen die Bewohner ihr Benzin. Doch seit dem Streik gegen Chávez, bleiben die Tanks der kolumbianischen Autos leer.
Anders sieht es in den Gebieten der Guerillas aus: Vereinzelte Benzinlieferungen der Nationalregierung an die Provinz haben sie abgefangen. Jetzt verkaufen sie es an die Bauern. Und das nicht wenig. Stündlich passieren Lkws die Hauptstraße der Ortschaft, randvoll mit Benzintonnen.
Denn die Provinz Arauca ist seit geraumer Zeit Kokaanbaugebiet. Rund 6.000 Hektar liegen in dem von den FARC-Rebellen kontrollierten Gebiet. Das Geschäft der Guerilla: sie kontrollieren die Herstellung von Kokain. Und dafür braucht man sehr viel Benzin. Der Kokaanbau boomt. Mit wenig Aufwand lässt sich viel Geld machen. Dass das Bier hier fast doppelt so viel kostet wie anderswo, ist nebensächlich. Jeder hat hier Geld.
„Als vor einem halben Jahr die Armee in Hubschraubern in die Gegend kam, wurden wir als Guerilleros beschimpft. 20 Jugendliche wurden ins Bataillon gebracht und ihre Ausweise eingezogen“, erzählt ein Bauer, der am Kokain-Geschäft mitwirkt. Um seinen Hals hängt eine dicke goldene Kette. Die Namen der Jugendlichen seien in den Zeitungen des Landes veröffentlicht worden. Man habe sie als Guerilleros gebrandmarkt. Nur einen Tag später folgte die Freilassung, da es überhaupt keine Beweise gab. „Sollte eines Tages hier die Armee das Sagen haben, kommen die Paras. Dann werden wir hier einer nach dem anderen getötet“, sagt der Bauer und trinkt sein Bier. Seinen Namen will er nicht preisgeben.
Menschenrechtsorganisationen, Bauerngruppen und mittlerweile auch amtierende Politiker sind sich einig: nur soziale Investitionen sowie ein Dialog mit den bewaffneten Gruppen können dem Konflikt ein Ende setzen. Die Uribe-Regierung hatte die Förderung sozialer Projekte angekündigt. Doch was ist geschehen? Bisher hat sie ausschließlich die Armee in die umkämpften Zonen geschickt.

Soziale Investitionen bleiben leere Versprechen

Am 21. Januar drohte der Gouverneur der Provinz Bolivar an, die Konsolidierungszonen nicht mehr akzeptieren zu wollen, wenn Uribe seine sozialen Projekte nicht in Gang setzt. Grund: das Leben der Bevölkerung habe sich verschlechtert und die Gewalt hätte zu- statt abgenommen. Aber die Regierung setzt auf Krieg: Vizepräsident Francisco Santos erklärte, es werde an den Sonderzonen weiterhin festgehalten.

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