«

»

Artikel drucken

„Veränderung beginnt mit der Politisierung der Menschen“

In Ihrem Blog heißt es, „Bei Actitud María Marta sind Tanzen und Denken kompatibel“. Wie genau sieht diese Kombination aus Musik und sozialem Engagement bei Ihnen aus?
Menschen neigen dazu, Stereotypen zu bilden. Ich möchte mit diesen Vorurteilen und Schemata brechen. Und das versuchen wir in der Musik zu reflektieren: Wie kann man eine politische Botschaft oder eine kämpferische Haltung haben, und trotzdem tanzbare Musik machen und Geschichten erzählen? Ich finde es wunderbar, den politischen Aktivismus mit einer fröhlichen Atmosphäre zu verbinden. Ich denke, dass wir aus der Bitterkeit und Nostalgie heraus die Realität nur sehr schwer verändern können.

Sie selber waren bei der Organisation der Kinder von Verschwundenen H.I.J.O.S. politisch aktiv. Welche Erfahrungen haben sie dort gemacht?
Als ich begann, bei der Gruppe aktiv zu werden, störte mich die resignierte, nostalgische Atmosphäre. Dieses Gefühl von Bitterkeit anstelle von Wut, das eine Demobilisierung hervorbringt. Was mir bei H.I.J.O.S. hingegen gefiel, waren die Aktionsformen. Zum Beispiel die escraches, [von H.I.J.O.S. erfundene erinnerungspolitische Form des Protests im öffentlichen Raum; Anm. d. Red.]. Damit markierten wir die Wohnsitze der Verantwortlichen der Militärjunta, um das Viertel darüber zu informieren, wer in ihrer direkten Nachbarschaft wohnt. Ich erinnere mich an die Energie und Freude, trotz der traurigen Motivation und der persönlichen Betroffenheit. Bei den Aktionen gab es immer Musikgruppen und TrommlerInnen. Es war eine neue Art, uns Gehör zu verschaffen.
Was ist heute Ihr Weg, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen?
In meinem Fall ist die Musik definitiv der beste Weg, die eigene Wut zu kanalisieren, vor allem die Wut über die massive Gleichgültigkeit in Argentinien. Ich habe ein Lied gemacht, dass „Hijo desaparecido“ (Verschwundenes Kind) heißt. Das Lied klingt musikalisch sehr alt, aber für mich ist es einer der wichtigsten Texte, die ich je gemacht habe. Einer der einschneidendsten Momente in meinem Leben war die Begnadigung [der Verantwortlichen der Diktatur durch die Regierung Menem 1995; Anm. d. Red.], welche die Freiheit für die Mörder, auch die des Mörders meines Vaters, bedeutete. Die Empörung war in diesem Moment sehr stark, Empörung darüber, dass sie die Bevölkerung dazu verurteilten, mit Mördern zusammen zu leben und darüber, dass es kaum Reaktionen der Menschen auf die Begnadigung gab.

Glauben Sie, dass durch Musik auch unpolitischere Menschen erreicht werden können?
Ja. Gerade durch die Musik können Menschen erreicht werden, ohne dabei über die Vorurteile gegenüber dem politischen Aktivismus zu stolpern. Die Musik ist keine so bewusste Sache wie der Aktivismus. Sie berührt die Sinne und überwindet die Grenzen der Sprache, der Religion, der ethnischen Zugehörigkeit, oder auch der Ideologie. Musik einer der effektivsten Wege, Menschen zu erreichen: Jugendliche haben als Referenzperson eher eine Sängerin als einen Politiker. Es gibt jedoch nicht viele SängerInnen, die sich über das Singen von Liedern hinaus wirklich für die Lebensumstände der Menschen engagieren. Tatsächlich neigen MusikerInnen dazu, vor Engagement zu flüchten, wenn es irgendein Risiko birgt.

Während eines Konzertes sagten Sie, dass viele Dinge, die in Lateinamerika passieren, in Europa wie durch einen Filter ankämen.
Es lässt sich definitiv sagen, dass es eine mediale Blockade gibt, in Europa ebenso wie in Lateinamerika. Im Fall von Venezuela wird das sehr deutlich: Als ein Staatsstreich gegen die Regierung und die bolivarianische Revolution durchgeführt wurde, verbreiteten die Medien, dass die Regierung ein Massaker veranstalten würde. Die Medien haben nicht nur eine tendenziöse Position eingenommen, sie haben den Staatsstreich mitinszeniert. Wenn ich mit Menschen in Europa spreche, bemerke ich wie groß der mediale Einfluss ist. So groß, dass nicht einmal die Menschen aus dem linken Spektrum es schaffen, nicht auf die Medien herein zu fallen. Das ist grundsätzlich so, wenn es um Lateinamerika geht: eine Informationsblockade oder aber eine Dämonisierung und Geringschätzung der Transformationsprozesse, die dort gerade stattfinden. In Wirklichkeit passiert meiner Meinung nach in diesen Ländern viel Positives. Die Menschen fühlen, dass sie die Möglichkeit haben, den Neokapitalismus und den ihm eigenen Skeptizismus hinter sich zu lassen.

Glauben Sie, dass der aktuelle Prozess in den neuen „linken“ Ländern Lateinamerikas die Lebenssituation der Menschen grundlegend verbessern?
Es ist eindeutig, dass sich bereits etwas verändert, in Venezuela, Bolivien oder auch Argentinien. Der erste Schritt dieser Veränderungen ist die Politisierung der Menschen. Politisieren im Sinne von sich informieren, beginnen zu verstehen, wie die Dinge funktionieren. Dass sie eine Konsequenz eines bestimmten Systems sind, von dem einige profitieren und andere nicht. Es ist ein wichtiger Schritt, dass in den Vierteln Politik diskutiert wird und dass die Realität, in der wir leben, hinterfragt wird. Das ist der erste Schritt, um eine Veränderung zu erreichen damit sich die Situation der Menschen endgültig verbessert. Und darum geht es.
KASTE:
MALENA D‘ALESSIO UND ACTITUD MARIA MARTA
Malena D‘Alessio ist Tochter eines während der Militärdiktatur in Argentinien (1976-83) Verschwundenen. Sie war unter anderem bei der Organisation von Kindern Verschwundener H.I.J.O.S. (Söhne und Töchter für Identität und Gerechtigkeit, gegen Vergessen und Schweigen) aktiv. Seit der Gründung der Hip-Hop-Formation Actitud María Marta in den 1990er Jahren setzt sie sich mit der Band auch für soziale und politische Projekte ein. Für Malena und ihre Mitstreiterinnen Karen Pastrana (Text & MC) und Karen Fleitas (Vocals) ist die Musik ein Weg, für soziale und politische Transformation und Solidarität einzutreten. Actitud María Marta sprechen sich für die Transformationsprozesse unter Hugo Chávez in Venezuela und Evo Morales in Bolivien aus. Musikalisch verbindet die Gruppe HipHop mit Dancehall und verschiedenen lateinamerikanischen Einflüssen.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/veraenderung-beginnt-mit-der-politisierung-der-menschen/