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Vergeßt Cabezas

Bisher hieß es “No se olviden de Cabezas” – „Vergeßt Cabezas nicht“, ein Slogan, der das Erinnern einer ganzen Nation wach halten soll. José Luis Cabezas, Fotograf der Zeitung Noticias, war am 25. Januar 1997 entführt, gefesselt, geschlagen, mit zwei Schüssen getötet und in seinem Auto verbrannt worden. Noch ist das Motiv des Mordes nicht klar, aber es ist wahrscheinlich, daß die Arbeit Cabezas’ entweder Anlaß oder Vorwand für das Verbrechen war. Die Bilder vom verkohlten Körper des Journalisten weckten die schlimmsten Erinnerungen in einem Land, in dem jahrelang straflos gefoltert und gemordet werden konnte.
Zu seinem zweiten Todestag wandelten Freunde und Kollegen den Slogan um. “Olvidense de Cabezas” – “Vergeßt Cabezas“ heißt die bitterböse, ironische Antwort auf Ermittlungen, die im Sande versickerten. Unglaublich in Anbetracht des Umfangs der Aktenlage: 220 Beweisstücke, 50.000 gefüllte Aktenseiten, 2.300 Zeugenaussagen, 12 Millionen Anrufe und zehn Festgenommene hätten ausreichen sollen, um die Drahtzieher des Verbrechens und ihre Motive zu finden.
Das Gegenteil aber ist eingetreten. Der Aktenberg half, Verwirrung zu stiften. Kaum noch einer ist fähig, dieses komplexe Verbrechen halbwegs sinnvoll nachzuvollziehen. Es scheint als würde selbst der Richter in der Fülle der Informationen und den Unmengen an möglicherweise verwickelten Personen nicht mehr vollständig durchsehen. Selbst die Verwirrung könnte jetzt eine mögliche Spur sein, ist sie doch auch eine Form, die Wahrheit nicht ans Licht kommen zu lassen.

Der Tote, der Gouverneur und der Präsident

Seit der Richter José Luis Macchi Ende 1998 die Untersuchungen abgeschlossen hat, richten sich nun alle Hoffnungen der Kläger auf den Prozeß der zehn gefangenen Verdächtigen. Es handelt sich dabei um Personen, die direkt an den Verbrechen beteiligt gewesen waren. Mit ihrem beharrlichen Schweigen schützten sie bisher die wirklichen Hintermänner und ermöglichten, die offizielle Version der Geschehnisse trotz vieler Ungereimtheiten und Widersprüche aufrechtzuerhalten. Politischer Mord wird danach ausgeschlossen, Cabezas als Opfer einer Mafia dargestellt. Sollten die Angeklagten ihre bisherige Haltung im öffentlichen Prozeß im Mai aufgeben, so könnten eventuell Verbindungen offensichtlich werden, die bis zum Präsidenten Menem führen.
Die offensichtlichsten Ungereimtheiten, Widersprüche und Verdächtigungen lassen erahnen, wie weitreichend die Verwicklungen von Politik und Wirtschaft (und Mafia?) in diesem Fall sind.
Kurz nachdem der Mord an Cabezas bekannt geworden war, äußerte Eduarde Duhalde, Gouverneur der Provinz Buenos Aires, dem Ort des Verbrechens: „Dieser Tote soll mir in den Weg gelegt werden.“ Präsident Carlos Menem dagegen erklärte übereilig, noch bevor die Ermittlungen überhaupt begannen, daß es sich um keinen politischen Mord handelte. Beide Politiker fielen durch diese Aussagen auf. Sie sind innerhalb der peronistischen Partei erbitterte Gegner, wenn es um die kommende Präsidentschaftswahl im Oktober geht.
Aber den Blick nur auf diese beiden politischen Gegener zu richten, wäre zu einfach und einseitig. Denn Cabezas interessierte sich weniger für sie. Dafür um so mehr für den millionenschweren, fotoscheuen Postunternehmer Alfredo Yabrán. Yabrán vermied lange Zeit jegliche Öffentlichkeit, bis Cabezas Licht hinter seine Geschäfte bringen wollte. Einem Bekannten gestand der Fotograf seine Angst vor einer Rache des Magnaten, für den ein Foto wie ein „Schuß in die Stirn“ sei.
Die Fährte Yabrán wurde allerdings lange Zeit außer Acht gelassen, die von Menem und Duhalde wurde vom Richter sogar niemals aufgenommen. Erst die Festnahme von Silvia Prellezo, der Ex-Ehefrau des mutmaßlichen Mörders Cabezas, dem ehemaligen Polizisten Gustavo Prellezo, lenkte endlich die Aufmerksamkeit auf Yabrán. Silivia Prellezo wird beschuldigt, Cabezas vor dem Verbrechen ausspioniert zu haben und gestand, daß ihr Ehemann ihr gesagt hat: „Hinter all dem steht Yabrán. Misch dich nicht ein. Das sind sehr gefährliche Leute.“
Alfredo Yabrán kann zu diesen Vorwürfen nicht mehr befragt werden. Als er merkte, daß die Spur zu ihm führt, floh er und wurde am 20. Mai 1998 in seiner Finca tot aufgefunden. Angeblich Selbstmord. Einigen Gerüchten zufolge soll Yabrán sogar irgendwo vom Ausland aus weiterhin seine Geschäfte leiten. Aber dies sind Verdächtigungen, die nie nachgewiesen werden konnten.
Alfredo Yabrán unterhielt beständige Verbindungen zur Regierung Menem. Er wurde mehrmals im Regierungsgebäude empfangen, selbst dann noch, als das Licht der Ermittlung auf ihn fiel. Seine Sicherheitskräfte standen außerdem im Kontakt mit Sicherheitskräften verschiedener Parlamentsmitglieder, unter anderem mit denen des Bruders von Menem, Eduardo Menem. All dies könnte den Präsidenten komprometieren. Aber auch Eduardo Duhalde kann seine Hände nicht in Unschuld waschen.

Der Tote und der Unternehmer

Vier der geständigen Beteiligten am Mord tauchten ab und zu in der Liga Federal Peronista auf, die sich innerhalb der peronistischen Partei hinter Eduardo Duhalde und gegen Menem stellten.
Ungeklärt ist bisher auch, weshalb die Mörder mehrere Stunden lang völlig unbehelligt handeln konnten, noch dazu in stark frequentierten Zonen des Ortes und der Umgebung von Piñamar. Die Vermutung, daß die Polizei die „Augen zudrückte“ und die Zone des Verbrechens als „befreite Zone“ erklärte, wird inzwischen auch von Richter Macchi als möglich erachtet. So fällt das Licht erneut auf Duhalde, dem als Gouverneur die Polizei dieser Provinz untersteht. Und so geht es immer weiter mit unzähligen Verdachtsmomenten.
Das Verbrechen an Cabezas zeigt einmal mehr, was die meisten Argentinier von ihrem Land glauben. Regierung, Wirtschaft und Justiz sind aufs engste miteinander verknüpft, möglicherweise sogar mit der Mafia. Und gegen sie zu ermitteln, führt zu nichts. Der Mord macht offensichtlich, wer die Macht im Lande hat. Kleine Fische müssen den Kopf herhalten, während große frei schwimmen. Und Nachforschungen können gefährlich werden.

Der Tote und der Wahlkampf

Der Prozeß im Mai wird in den Wahlkampf um die Präsidentschaft fallen, genauso wie vor zwei Jahren der Mord in den Wahlkampf um die Parlamentssitze. Wurde der Mord damals genutzt, um sich zu profilieren, Hände in Unschuld zu waschen und Verantwortlichkeit auf politische Gegner zu schieben, so ist es gut möglich, daß der Prozeß jetzt auf gleiche Weise wieder ausgenutzt wird. Trotzdem bleibt ein Fünkchen Hoffnung, daß sich wenigstens einige offene Fragen klären werden.

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