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Vögeln für’s Vaterland

Er ist Nichtraucher und mustergültiger Ehegatte, Soldat aus Leidenschaft und korrekt vom Scheitel bis zur Sohle – kurz: Hauptmann Pantaleón Pantoja ist der Richtige, um ganz diskret im peruanischen Dschungel einen Puff für Militärangehörige einzurichten. Davon sind jedenfalls General Collazos und Coronel López überzeugt. Für die beiden ehrenwerten Herren aus Lima erscheint der Plan, einen “Besucherinnenservice” für Soldaten aufzubauen, das einzig probate Mittel, um die Vergewaltigung einheimischer Frauen einzudämmen. Ohne Pantaleón darüber aufzuklären, worin seine Mission besteht, schicken sie ihn in die Dschungelstadt Iquitos. Als Pantaleón vor Ort erfährt, daß er nicht nur seine Uniform ausziehen und undercover arbeiten, sondern sich sogar – zum ersten Mal – in ein Bordell begeben soll, muß er erst mal tief schlucken. Doch dann fügt er sich soldatisch in sein Schicksal – es geht schließlich um einen patriotischen Dienst.
Hört sich ganz nach dem Stoff an, aus dem die Herrenwitze sind. Ist es aber glücklicherweise nicht. Der peruanische Regisseur Francisco Lombardi macht aus der Geschichte eine Satire, der es – trotz gewisser voyeuristischer Elemente – immer wieder gelingt, die Kurve von den nackten Körperteilen aufgestrapster Frauen zu einer unverhüllten Kritik an gesellschaftlicher Bigotterie zu kriegen. So sind die Militärs in Lima und Iquitos peinlich darauf bedacht, das Treiben ihres Spezialagenten geheim zu halten. Und Pantaleón selbst ist es nicht nur verboten, sondern auch zu unangenehm, seiner naiven Frau Pocha die Wahrheit zu sagen.
Genüßlich spielt Lombardi mit Stereotypen. Da gibt es den Provinzreporter Sinchi, einen schmierigen Opportunisten, der sich in seinen Radiosendungen zur moralischen Stimme der Bevölkerung aufspielt, um andererseits der Puffwirtin Leonor seine Aufwartung zu machen oder Erpresserfotos zu schießen. Da gibt es ein ganzes Sammelsurium vitaler Huren mit Herz – angefangen von Leonor, die Pantaleón zur Personalchefin seines neuen Unternehmens ernennt, über die arglos-schnuckelige Pechuga (zu deutsch: “Brust”) bis hin zu der Frau, die Pantaleón seinen korrekten Kopf verdreht: La Colombiana, schön wie die Sünde und als Femme fatale verschrien.
Die vielschichtigste Figur in diesem schrillen Panoptikum ist zweifelsohne Pantaleón selbst. Er ist eine eigenartige Mischung aus korrektem Langeweiler und obsessivem Workaholic, den seine soldatischen Sekundärtugenden dazu treiben, auch die größte berufliche Zumutung, den absurdesten Befehl, mit 150prozentigem Einsatz zu erfüllen. Da wird der angebliche Bedarf nach sexueller Triebabfuhr bei den Soldaten mit der gleichen Coolness in den Computer eingegeben und in Statistiken quantifiziert, als handele es sich um die tägliche Eiweißzufuhr. Für den “Service” findet Pantaleón so klinisch neutrale Begriffe und organisiert ihn dermaßen perfekt und effizient, daß jeder neoliberale Apparatschik seine Freude daran hätte. Besonders aberwitzig ist in diesem Zusammenhang übrigens die Schlußpointe. Da muß Pantaleón erneut unter Beweis stellen, daß er mit seiner unvergleichlichen Mischung aus Untertanengeist und Unternehmertun, Hingabe und Perfektionismus überall einsetzbar ist.
Was die Darstellung von Machismo und Geschlechterverhältnissen angeht, hat Lombardi schon interessantere Filme gedreht – wie zum Beispiel “No se lo digas a nadie” (Sag es keinem weiter), der die gesellschaftliche Heuchelei in puncto Homosexualität vorführt (LN-Bericht vom Filmfestival Havanna, Februar 1999). Dagegen kommen in “Pantaleón y las visitadoras” (Der Hauptmann und sein Frauenbataillon) nicht nur die Frauen in Gestalt der Stereotype von sinnlicher Hure und Heiliger, sprich Nutte in Supermini-Fummel und adretter Ehefrau in Spitzennachthemd daher. Auch die These von der Prostitution als gesellschaftshygienischer Einrichtung, damit der “Dampfkessel” Mann nicht über die nächstbeste Frau herfällt, gehört eigentlich schon längst in die vulgärpsychologische Mottenkiste.
Gleichzeitig sind die genüßliche Frivolität und der süffisante Defätismus, mit dem Lombardi seine Geschichte inszeniert, ziemlich unterhaltsam. Der “Besucherinnenservice”, der schließlich seine Tätigkeitkeit beginnt, ist pittoresk und marktschreierisch in Szene gesetzt. Da schippert eine Barkasse in den peruanischen Nationalfarben Rot und Grün die Dschungelflüsse auf und ab. Als Galionsfiguren an Bord räkeln sich, wie eine Fata Morgana aus einem trashigen Sexfilmchen, die Nutten in ihrer farblich abgestimmten “Arbeitskleidung”.
Anders als in Lombardis Filmen “La ciudad y los perros” (Die Stadt und die Hunde), der wie dieser Film nach einem frühen Roman von Mario Vargas Llosa entstand, und “La boca del lobo” (Die Schlucht des Wolfes), der über die Eskalation des Krieges zwischen dem Militär und dem Leuchtenden Pfad in den Anden erzählt, ist der Unterton von “Der Hauptmann und sein Frauenregiment” leichter und amüsierter. Geht es bei den beiden anderen Filmen um die Armee als brutale Unterdrückungsmaschinerie, sind die Militärs hier nach außen hin pragmatischer, aber nicht weniger verlogen. Gleichzeitig gibt es in allen diesen Filmen den Typus des aufrechten und korrekten Miltärs – der jedesmal scheitert.
Auch wenn vieles in “Der Hauptmann und sein Frauenbataillon” auf peruanische Verhältnisse abzielt, kommt einem einiges bekannt vor. Das gilt nicht nur für den Ehrenkodex des Militärs, sondern auch für Pantaleóns Untertanengeist. Der ist einerseits zu unternehmerischen Höchstleistungen und Pioniertaten in der Lage, kann sich aber andererseits nicht vorstellen, außerhalb militärischer Hierarchien zu agieren. Lombardis Film ist eine satirische Farce über einen, der sich auf Befehl grenzenlos verbiegen läßt, andererseits aber auf merkwürdige Weise Kohärenz zeigt. So bezieht Pantaleón schließlich die Prostituierten in den militärischen Ehrenkodex ein – schließlich rackern sie aufopferungsvoll für’s Vaterland.
Pantaleón ist wie ein militärischer Zauberlehrling: In gewisser Weise führt er immer nur das bis zur äußersten Konsequenz aus, was ihm befohlen wird. Aber alleine diese Geradlinigkeit ist innerhalb des Systems schon bizarr oder gar gefährlich.

“Pantaleón y las visitadoras”; Regie: Francisco Lombardi; Peru/ Spanien 1999; 137 Minuten

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