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Von Angst befreien

Eine junge Frau steht an einer Mauer, die an ein großes verschlossenes Tor grenzt. Sie hat die Arme seitlich ausgebreitet, ihre Handflächen erfühlen vorsichtig die Mauer. „Wer ist da?“, fragt Fausta zögerlich, während ihr Kopf seitlich an einer hölzernen Klappe ruht. „Ich bin es“, antwortet die Stimme eines Mannes. „Wer ist ich?“, fragt Fausta zurück. „Noé, der Gärtner“, kommt die Antwort. Fausta öffnet daraufhin langsam die dunkelgrüne Klappe. Bevor sie Noé jedoch durch das Tor hineinlässt, muss er ihr seine Hände zeigen.
Es ist Faustas erster Tag als Haushälterin im Haus der wohlhabenden Komponistin und Pianistin Aída in Lima. Die Stelle und das Geld braucht sie dringend, denn sie will ihre jüngst verstorbene Mutter Perpetua zurück in deren Heimatort bringen. Dort soll diese der Tradition gemäß bestattet werden. Druck macht ihr Onkel, bei dessen Familie sie in einer Armensiedlung in den Bergen, die die peruanische Hauptstadt umgeben, lebt. Der äußert schon mal vorsichtig nachdrücklich, dass er Faustas tote Mutter, die sie weiterhin in und unter ihrem Bett aufbewahrt, auf dem eigenen Grundstück beerdigen werde, sollte Fausta das nicht bis zur Hochzeit seiner Tochter Máxima erledigt haben. Und er beginnt schon mal an einem Grab zu schaufeln.
Der Tod der Mutter hat Fausta ihre wichtigste Bezugsperson geraubt. Mit ihr konnte sie sich auf Quechua unterhalten. Für sie sang sie ihre Lieder. Beide sind irgendwann aus dem andinen Hochland nach Lima migriert, geflohen vor dem internen Krieg, in die armseligen Siedlungen an den Rändern der Großstadt. Die Trostlosigkeit und Dimension der hügeligen wüstenartigen Gegend werden im Film wunderbar in Bildtotalen eingefangen. Die Menschen sind nur als ganz kleine Wesen wahrnehmbar, zum Beispiel wenn Fausta über eine steile Betontreppe einen Berg hinauf in die Siedlung klettert, vor einem nahezu unwirklich blauen Himmel.
Doch mit Fausta stimmt etwas nicht und es ist nicht nur der Tod der Mutter, der sie belastet. Fausta wird von einer manifesten Angst bedrückt, die sich förmlich in ihrem Körper eingenistet hat. Durch die Stadt geht sie nie allein, Männern weicht sie aus. Die Wurzeln dieser Angst liegen in der Vergangenheit ihrer Mutter Perpetua. In einem Lied in Quechua, welches sie zum letzten Mal sang, bevor sie ruhig dahinschied, berichtete sie von der brutalen Vergewaltigung einer schwangeren Frau. Diese Frau war Perpetua selbst. Das Kind, das „dem Penis des Vergewaltigers entgegen sehen musste“, war Fausta. Die Angst sog sie mit der Muttermilch auf. Und um sich vor Vergewaltigungen zu schützen, hat sich Fausta eine Kartoffel in die Vagina eingeführt. Doch die treibt aus, bereitet ihr Schmerzen und führt zu Ohnmachtsanfällen.
Claudia Llosa nimmt mit La Teta Asustada Bezug auf eine traumatische Periode der jüngeren peruanischen Vergangenheit: die Zeit des internen Krieges zwischen 1980 und 2000. Knapp 70.000 Menschen kamen ums Leben – knapp drei Viertel waren indigene HochlandbewohnerInnen –, getötet zwischen den Fronten der brutalen maoistischen Guerilla Sendero Luminoso und des peruanischen Militärs. Nach wie vor gibt es tausende verschwundene und vermisste Menschen, deren Angehörige lernen mussten mit den Traumatisierungen zu leben. Ungezählt sind die Vergewaltigungen von Frauen. Während Regierung und Militär noch heute diesen Krieg gegen TerroristInnen als heldenhaft loben, sich das Militär gegen eine zivile Strafverfolgung wehrt, müssen viele Angehörige von Opfern noch immer um Anerkennung kämpfen. Und Mütter von Verschwundenen und Getöteten wie die Gründerinnen des Museums der Erinnerung in Ayacucho werden nach wie vor als Terroristenmütter beschimpft.
Llosas Film behandelt somit ein schwer verdauliches Thema. Die Gewalt des Krieges kommt in den Bildern des Films jedoch nicht vor. Die brutalen Verbrechen wären ohnehin nicht darstellbar. Stattdessen werden die Bilder und Vorstellungen durch das Lied, das Perpetua in der Eingangsszene singt, in den Köpfen der ZuschauerInnen erzeugt. Und das genügt, denn die Fiktion des Films wirkt hier dokumentarisch und wie ein getreues Abbild der Realität. Fausta singt das Lied ihrer Mutter voller Schmerzen im Film weiter. Doch La Teta Asustada ist weder als Film noch für Fausta eine ausschließliche Geschichte voller Schmerzen. Denn Fausta entwickelt sich, lernt während ihrer Anstellung im Hause von Aída Annäherung und Nähe zuzulassen, blüht wörtlich – in einer Szene mit einer Blume im Mund – langsam auf. Bedeutsam ist hier vor allem die Nähe, die sie zu Noé, dem Gärtner entwickelt, der wie Fausta Quechua spricht und vor allem das ausstrahlt was sein Name besagt: Ruhe in Verbindung mit viel bodenständiger Weisheit. Diese Nähe geht soweit, dass er sie eines Tages bis unweit ihres Wohnortes begleiten darf.
Zwischendurch bietet der Film in wunderschönen Einstellungen immer wieder viel Buntes und Heiteres aus dem Alltag der Menschen in den tristen Armensiedlungen von Lima. Sei es ein Grab, das zu einer Wasserplanschgrube für die Kinder und schließlich zu einem kleinen Swimmingpool für die Familie wird. Seien es Hochzeiten und die damit verbundenen Feierlichkeiten in verschiedenen Formen bis hin zu Massenhochzeiten. Oder vier Friseure, die munter vor sich hin tratschen, während sie an den Frisuren einer Hochzeitsgesellschaft arbeiten. Es entsteht der Eindruck, Alltagsszenen und das pure Leben im Blick zu haben. Llosa spielt in ihrem Film sehr augenscheinlich und augengefällig mit der unmittelbaren Nähe von Leben und Tod sowie dem Umgang der Menschen damit.
Natürlich fordert La Teta Asustada auch etwas von den ZuschauerInnen, was sich am ehesten vielleicht mit „Geduld zur genauen Beobachtung“ beschreiben lässt. Denn Llosa nutzt viele handlungsarme Einstellungen mit unbewegter Kamera: Totale, wo die AkteurInnen nur klein im Hintergrund sichtbar sind und agieren, Naheinstellungen ohne große Bewegungen oder mit einer still dasitzenden Fausta. Die Bilder bieten einen ungeheuren Reichtum, auch an Symbolik, und geben die notwendige Zeit, um diese erfahren zu können. Aufmerksamkeit von Auge und vor allem auch Ohr – das fordert La Teta Asustada von der ersten bis zur letzten Sekunde. Wer dies schafft, entdeckt in der Synthese der ersten und letzten Einstellung des Films etwas ganz Spezielles.
Ob am Ende dann alles gut wird? Wir lernen zumindest: Die elitäre weiße Oberschicht kann von Unterdrückung und Stehlen nicht lassen und hat schon neue Objekte der Begierde und Aneignung entdeckt. Doch Fausta ist zu diesem Zeitpunkt schon so weit, dass sie weiß, was sie wirklich will und gelernt hat, sich zu nehmen, was ihr gehört.

// Mathias Hohmann

La Teta Asustada // Claudia Llosa // Spanien, Peru 2008 // Berlinale Wettbewerb, Goldener Bär

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