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Von Tangueros und jungen Wilden

In den dreißig Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wanderten rund sechs Millionen Menschen aus Europa in die Region um den Río de la Plata aus. In der Mehrzahl italienischer Abstammung, suchten sie ihr Glück im Raum Buenos Aires oder siedelten im Landesinneren. Die argentinische Bevölkerung wuchs in dieser Zeit von fast 2 Millionen auf nahezu 8 Millionen Menschen. Viele, die ihrer sozialen Situation in Europa entkommen wollten, fanden sich in ähnlichen Verhältnissen wieder.
In ihrem Buch Tango beschreiben die beiden AutorInnen Helena Rüegg und Arne Birkenstock die damalige soziale und politische Situation Argentiniens und der MigrantInnen: „Hacerse la América blieb ihr unerfüllter Traum…ihre bittere Sehnsucht. Der Tango griff diese Bitterkeit auf und verarbeitete sie.“ In drei Teilen zeichnen sie die Entstehung und Entwicklung des Tangos in Argentinien nach. Dabei ist im ersten Teil (1880 bis 1917) zunächst gar nicht vom Tango die Rede. Rüegg und Birkenstock entwerfen das politische und soziale Szenario Argentiniens am Ende des 19. Jahrhunderts. Sie schildern, wie in der sich rasant entwickelnden Metropole Buenos Aires die MigrantInnen aus Europa auf die ihrerseits vom Land in die Stadt abgewanderte einheimische, kreolische Bevölkerung treffen. Wie sich ein besiedelter Gürtel um das Zentrum legt, in dem soziale Armut, räumliche Enge und Frauenmangel vorherrschen, und wie sich in diesem dynamischen Geflecht etwas Musikalisches entwickelt, das bald den Namen Tango tragen wird.
Seinem Ursprung zumTrotz war der Tango nie ein Protestsong gegen das soziale Elend. „Der Tango besingt keine sozialen Themen. Wenn er ein solches berührt, überträgt er es sofort auf die individuelle, persönliche Ebene. … Der Tango kennt nur Menschen aus Fleisch und Blut,“ zitieren sie den Tangoforscher José Gobello. Dennoch ist der Tango nicht einfach die Flucht aus der Realität. So beschreiben die AutorInnen in ihren Texten drei Figuren, deren Charaktere den Tango maßgeblich prägten: die Milonguita, die nach Argentinien verschleppte Prostituierte, den Cocoliche, den glücklosen italienischen Migranten und den Compadrito, den kreolischen Macho. Höchst spannend ist übrigens das Kapitel über Letzteren. Hier wird erörtert, wie sich der Tango als Tanz entwickelt haben könnte. Durch immer schwierigere Schrittfolgen hatten die jungen Kreolen die Möglichkeit, sich von den europäischen Einwanderern abzugrenzen. Spontan fällt einem die Rolle des heutigen breakdance ein.
Unterstrichen werden die Ausführungen durch wiederholt gut eingefügte Liedtexte. Insgesamt sind knapp 50 Tangotexte auf spanisch und deutscher Übersetzung im Buch verteilt. So bestätigt die Textanalyse zum einen die Aussagen der AutorInnen und zeigt zum anderen, was mit Lunfardo, der derben Sprache der Vorstadt, gemeint ist.

Ausflug nach Deutschland

Ein Instrument ist wie kein Zweites mit dem Tango verbunden: das Bandoneon. Ihm ist ein Kapitel gewidmet, das seinen Weg von Deutschland nach Südamerika zeigt, erklärt, wie es zum Klavier der kleinen Leute wird und warum ihm am Río de la Plata neue Klangfolgen entlockt werden.
Anfangs ist der Tango die verruchte Musik des Vorstadtgürtels. Sein Weg in das Zentrum von Buenos Aires führt über Paris. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schwappt die erste Tangowelle nach Europa und erobert vor allem die Pariser Salons. Und da die obere Gesellschaftsschicht in Buenos Aires alles imitiert, was in Paris als schick gilt, überschlägt sich die Welle, kommt zurück und überflutet mit all ihrer vermeintlichen Vulgarität und dem Hauch des Kriminellen die Tanzsäle im reichen Stadtzentrum.

Namedropping

Diese Geschichte ist dem zweiten Teil (1917 bis 1955) des Buches vorbehalten. Auch hier wird chronologisch vorgegangen. Was aber im ersten Teil durch die Verbindung der sehr dichten Schilderung der gesellschaftlichen Entwicklung mit den sich daraus ergebenden Entstehungsbedingungen des Tango gelingt, gleitet im Zweiten zunehmend in eine ermüdende Aneinandereihung von Kurzbiografien ab. Die Namen von MusikerInnen, SängerInnen und TänzerInnen rauschen nur so vorbei, und als sei es damit nicht schon genug werden noch Zeitzeugen namentlich aufgerufen. Bleibt die Frage, warum die AutorInnen das Konzept der chronologischen Erzählung nicht gegen das der thematischen Zusammenfassung getauscht haben. So wird an unterschiedlichen Stellen die sich ändernde Zusammenstellung der Instrumente in den Orchestern beschrieben, anstatt dies in einem Kapitel zusammenzufassen.
Obwohl auch der dritte Teil der Chronologie (1955 bis 2000) folgt, behält man hier beim Lesen wieder die Übersicht, Dank der klaren Einteilung der Portaits. Ein Kapitel beschäftigt sich außerdem mit dem Pariser Exil argentinischer TangomusikerInnen während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983.
Den Abschluss bildet ein über 50 Seiten umfassender Serviceteil. Hier finden sich neben einer gut kommentierten Biblio- und Discografie auch zahlreiche Adressen rund um den Tango in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Argentinien und Uruguay. Und auch ein umfangreiches Personenregister, was dann wieder etwas versöhnlicher mit dem Namedropping stimmt. Bleibt als Zugabe noch die CD, die das Buch zum Hörerlebnis werden lässt. Von sechs der 21 Tangos sind die Texte zudem abgedruckt.

Arne Birkenstock / Helena Rüegg: Tango. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1999, 330 S., 39,- DM (Neuauflage Januar 2001, ca. 15. Euro).

KASTEN:
Fusion aus Tango und Jazz
Blas Rivera geht auf Tournee

Geboren ist er in Córdoba, Argentinien. Nach seinem Kompositionsstudium an der dortigen Musikhochschule ging Blas Rivera nach Boston, um sich ganz dem Jazz zu widmen – und fand den Tango. Seit 1987 lebt der Saxofonist und Komponist in Rio de Janeiro. Was für Astor Piazzolla das Bandoneon war ist für Blas Rivera das Saxofon. Wenn er sein Tenorsaxofon anstimmt, dann umarmen sich Jazz und Tango. Hier zu Lande liegen bald zwei CDs von ihm vor. Introdução nennt sich die 1999 erschienene Fusion aus Jazz und Tango. Anfang 2001 wird ein zweites Album vorgelegt, das allerdings aus Aufnahmen aus dem Jahre 1996 besteht. Hier hört man eindeutig jazzigere Klänge. Blas Rivera spielt eben jenseits der Schubladen. Auf die Frage, wie er auf Musikkritiken reagiere, sagte er einmal: „Die machen mir nichts. Die schlimmste Kritik, die sie mir mal gegeben haben, war ‘sos un pata dura’, so nennt man in Argentinien jemanden, der nicht gut Fußball spielen kann.“ Anfang 2001 geht Blas Rivera auf Tournee, und da wird er ganz sicher sein Saxofon spielen.
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CD: Blas Rivera Quintet: Introdução, 1999, Danza y Movimiento.

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