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Verfluchter Tango vom süßen Meer

Eine gewisse Reife und Lebenserfahrung scheint Voraussetzung zu sein, um das leidenschaftlich-verzweifelte Lebensgefühl des Tango ausdrücken zu können. Das jedenfalls suggerieren die Bio- und Discographien von Daniel Melingo und Gustavo Santaolalla, dem kreativen Kopf der Band Bajofondo. Beide haben ihre musikalischen Wurzeln im Rock und sind erst jenseits der 40 auf den Tango gekommen. Melingo spielte in den 1980ern bei den Abuelos de la Nada, ihrer Zeit eine der erfolgreichsten Rockbands Argentiniens. Erst im Jahr 2004 veröffentlichte er mit Santa Milonga sein erstes Tango-Album. Kein Zufall, wie er selbst glaubt: Sein Leben habe ihn unweigerlich zum Tango führen müssen, gibt er auf seiner Website zum Besten.
Santaolalla gehörte mit seiner Band Arco Iris Anfang der 1970er Jahre zu den MitbegründerInnen des argentinischen Rock Nacional und floh 1978 vor der Militärdiktatur nach Los Angeles, wo er mittlerweile einen internationalen Erfolg nach dem anderen feiert. Als Komponist gewann er zwei Oscars in Folge für die Filmmusik zu Brokeback Mountain und Babel. Und als Produzent verhalf er der mexikanischen Band Molotov und dem kolumbianischen Latin-Popstar Juanes zu ihrem weltweiten Erfolg. Vor einigen Jahren sei ihm das Gefühl gekommen, es sei für ihn „Zeit sich mit dem Tango zu beschäftigen“. Zusammen mit seinem Freund Juan Campodónico suchte er sechs weitere MusikerInnen zusammen, um den Bajofondo Tangoclub zu gründen. Ob Tangoclub damals als Nachname gedacht war, der die musikalische Abstammung klarstellen sollte, eher Albumtitel oder gar nur Marketing-Tool war, weiß heute selbst Mastermind Santaolalla nicht mehr so genau. Heraus kam ein Album mit Bandoneon und Beats auf dem auch noch Tangoclub stand. Und fertig war das Label: Electrotango.
Die Schublade, in die sich die Band damit selbst einsortiert hat, ist ihr allerdings schnell zu eng geworden. Und so will der Tangoclub nun nicht mehr Tangoclub heißen und nennt sich nur noch schlicht Bajofondo. Der Titel des neuen Albums verortet die Band dafür geographisch. Mar Dulce, zu deutsch „das süße Meer“, bezeichnet den Río de la Plata, an dessen Ufern die Geburtsstädte des Tango liegen: Buenos Aires und Montevideo.Und das neue Album ist stilistisch tatsächlich zu breit gefächert für eine so klein gefasste Bezeichnung wie Electrotango.
Auf dem Debut war noch in fast jedem Song das Grundrezept aus klassischen Tangoklängen mit oft etwas sturen elektronischen Beats erkennbar. Der erste Song auf Mar Dulce schließt zwar eben da wieder an. Insgesamt ist das Album aber weit raffinierter zubereitet und dürfte so auch mehr Geschmäcker bedienen. Nur PuristInnen kommen nicht auf ihre Kosten, denn auf Mar Dulce fließen Stilelemente aus Elektro, Jazz, Milonga, Drum´n´Bass und natürlich Tango zusammen. Für diese musikalische Vielfalt sorgen unter anderem auch die internationalen Gäste von Bajofondo. Elvis Costello, dem Santaolalla den „universellen kosmischen Tangovibe“ attestiert, singt „Fairly Right“, einen eher stillen und melancholischen Song. Einer von vielen Höhepunkten des Albums. Der nächste folgt wenig später mit „El Andén“, interpretiert von der Rapperin Mala Rodríguez aus Andalusien, wo sie bereits Kultstatus erlangt hat. Ebenso hitverdächtig ist das zweite hip-hoppige Stück „Ya No Duele“ mit dem Argentinier Santullo. Bajofondo überzeugt jedoch auch ohne geliehene Stimmen. Dem Rhythmus von Instrumentalstücken wie „Pa‘ Bailar“ oder „Pulmón“ werden sich nur die eisernsten Tanzmuffel verwehren können. Doch was wären solche Höhe- ohne Tiefpunkte. Für Kontrast sorgt der Song „El Mareo“, ein glücklicherweise einmaliger Ausrutscher in musikalische Abgründe. Gegen den gehauchten Gesang und das monotone Elektroschlagzeug helfen auch Geige, Bandoneon und der Gitarrensound aus Santaolallas preisgekrönter Filmmusik zu Babel nicht mehr. „Slippery Sidewalks“ ist ein weit weniger grober Ausrutscher. Von Nelly Furtado gesungen wird das Stück wenigstens helfen das Album zu verkaufen.
Doch alles in allem überwiegen auf Mar Dulce hervorragend arrangierte und produzierte Stücke. Groovende Clubbeats und die melancholische Melodik des Tango machen dabei lediglich den groben roten Faden aus, der sehr abwechslungsreich mit anderen Klängen verwebt wird. Das letzte Wort hat die Tangodiva Lágrima Ríos. Ihr Gesang zum letzten Song, „Chiquilines“, ist gleichzeitig die letzte Aufnahme ihres Lebens. Sie starb Ende 2007, kurz vor der Veröffentlichung von Mar Dulce.
Im Vergleich zu diesem professionell und für den Weltmarkt produzierten Werk, erscheint Daniel Melingos Album Maldito Tango („Verfluchter Tango“) schon fast wie ein Kontrapunkt. Auch das zweite Produkt seiner schicksalshaften Begegnung mit dem Tango nach Santa Milonga (2004) ist schlicht produziert. Ecken und Kanten sind gewollt und verleihen dem Album seinen ganz eigenen Charme. Der „verfluchte Tango“ macht Melingo hörbar zu schaffen: Seine Stimme ist rau, manchmal krächzend und bei einigen Stücken hört man sogar seinen schweren Atem ins Mikro pfeifen. Und auch die Sprache ist derbe, voll von Ausdrücken des lunfardo, der argentinischen (Umgangs-)Sprache jener ImmigrantInnen und Marginalisierten, die den Tango schufen und lebten. Das war Ende des 19. Jahrhunderts, lange bevor er salon- und clubfähig wurde. Melingos Kompositionen stehen deutlich in der Tradition des tango canción („Tangolied“). Wie die Bezeichnung vermuten lässt, steht dabei der Gesang im Vordergrund und wird von einer kleinen Besetzung aus Bandoneon, Gitarre, Violine und Kontrabass begleitet. Und trotzdem ist das Album alles andere als traditionell. Denn altgedienter Stil wird immer wieder gebrochen von gänzlich Unerwartetem.
„Pequeña Paria“ wird von einem übermäßig temperierten Klavier, einer singenden Säge, einem geblasenen Kamm und psychedelischem Kindergesang eingeleitet. Dann jedoch übernimmt sonorer, mehrstimmiger Gesang und Perkussion im Stil einer uruguayischen Murga. Ein so verquerer Klang wird wohl nirgendwo ein Massenpublikum finden, einige dafür umso mehr begeistern. Dabei ist Melingos Musik weder schwerverdaulich noch anstrengend. Auch Harmoniebedürftige kommen auf ihre Kosten. Allerdings sind Songs wie die melodische und tief traurige Milonga „Cha Digo!“ nur genießbar, wenn die E-Gitarrenklänge nicht als Stilbruch empfunden werden.
Denn Maldito Tango ist ebenso wie Mar Dulce nichts für PuristInnen. Beide Alben tragen die bittersüße Stimmung des Tango und sprechen doch zwei verschiedene Sprachen.

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