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Wandelnde Kunstwerke

In Kolumbien gibt es über 50.000 Familien, die einen Großteil ihres Einkommens durch ambulantes Recycling verdienen. Das heißt, sie ziehen durch die Straßen der Städte auf der Suche nach wiederverwertbaren Abfällen, insbesondere Karton und Plastik. Diese verkaufen sie dann an Zwischenhändler*innen weiter. „Alleine in Bogotá sprechen wir von etwa 21.000 Familien, die vom Recycling leben. Diese nutzen fast ausschließlich Karren, die per Hand gezogen werden“, berichtet Silvio Ruíz, Recycler und Koordinator der Vereinigung von Recycler*innen in Bogotá (ARB). „Dabei muss man sagen, dass ambulantes Recycling fast ausschließlich aus der puren Not heraus entsteht – das heißt, die Personen haben schlicht keine andere Wahl, um ihr Überleben zu sichern. So üben sie ihre Arbeit unter prekären Bedingungen und völlig abseits vom Rest der Bevölkerung aus“, fährt er fort. „Außerdem müssen sie sich nicht nur an bestimmte gesetzliche Bestimmungen und Auflagen halten – ihren Interessen stehen teilweise auch die Interessen großer Müllentsorger gegenüber, die selber Geld durch Recycling verdienen“. Hinter diesen Firmen stehe auch die Regierung, die durch persönliche Verbindungen oder direkt über Steuern auch vom Recycling profitiere.
Obwohl die Distriktverwaltung Bogotás unter dem linken Bürgermeister Gustavo Petro einige Projekte umgesetzt hat, die darauf abzielten, die Arbeitsbedingungen der Recycler*innen zu verbessern, bleibt die Lage der betroffenen Personen schwierig. Mit dem Dekret 595 von 2012 wurden beispielsweise die Pferde, die unter anderem die Karren von Recycler*innen zogen, durch motorisierte Gefährte ersetzt oder den Besitzer*innen alternativ eine (Teil-)Finanzierung eines kleinen Geschäftes angeboten. Ziel war es, den Missbrauch von Tieren im öffentlichen Raum zu minimieren und gleichzeitig die Arbeitsbedingungen der Besitzer*innen zu verbessern. Zudem versuchte die Distriktverwaltung auch, die Arbeit stärker zu formalisieren. Ende 2012 trat mit dem Dekret 564 das neue inklusive Modell zur Müllentsorgung in Kraft. Dabei wurde neben der Übernahme der Müllabfuhr durch die öffentliche Hand auch die Verpflichtung zur Mülltrennung (in recycelbaren und nicht-recycelbaren Müll in verschiedenen Tüten) implementiert. Zudem erhalten autorisierte Recycler*innen, erkennbar an den Overalls der Stadt, einen gewissen Anteil der Müllgebühren für ihre Arbeit. Doch das innovative Müllkonzept hat auch drei Jahre nach Inkrafttreten noch Probleme in der Umsetzung. So ist Recycling noch nicht in allen Bevölkerungsteilen akzeptiert.
Doria Legia Rincón ist Recyclerin in einem Stadtteil im Süden Bogotás: „Die Situation des Recyclings ist aktuell sehr schwer. Manchmal trennen die Leute den recyclebaren Müll, manchmal nicht“, berichtet sie. Wird der Müll nicht getrennt, müssen die Recycler*innen den gesamten Hausmüll untersuchen, der neben wiederverwendbaren Materialien auch Essensreste und die Exkremente von Haustieren enthalten kann.
Neben ihren nach wie vor prekären Arbeitsbedingungen haben die Recycler*innen mit der Ablehnung seitens der restlichen Bevölkerungsschichten zu kämpfen. Die allgemeine Wahrnehmung ist geprägt von Einzelfällen und geht davon aus, alle Arbeiter*innen seien Drogenabhängige und Kriminelle. „Es kommt öfter vor, dass junge Männer, die Unruhe stiften wollen, die Mülltüten an den Straßen aufreißen und den Müll über den ganzen Bürgersteig verteilen. In solchen Situationen glauben dann natürlich alle, dass die Recycler das Chaos angerichtet haben und behandeln uns dementsprechend“, erläutert Doria Legia Rincón die Reaktionen, die sie während der Arbeit erfährt. Einzelfälle wie der kürzlich gefasste Serienmörder Fredy Armando Valencia, alias das „Monster von Monserrate“, der als Recylcer tätig war, werfen ein negatives Bild auf die gesamte Bevölkerungsgruppe. Einer gewissen Zahl autorisierter Recycler*innen steht nach wie vor ein großer Teil informeller Arbeiter*innen gegenüber, deren genaue Anzahl sich nur schwer abschätzen lässt. Neben Obdachlosen und Drogenabhängigen verdienen auch Kriminelle ein Zubrot durch Recycling. Außerdem bietet Recycling auch vielen Binnenflüchtlingen, die oft ohne finanzielle Mittel in die ständig wachsenden Randgebiete Bogotás gelangen, eine Möglichkeit, relativ unkompliziert und kurzfristig an Geld zu gelangen. Viele der autorisierten Recycler*innen, wie Lisandro Martínez, der bereits seit 40 Jahren recycelt, konnten dank des Recyclings ihre Lebensumstände verbessern. Der ehemals Obdachlose erzählt im Gespräch: „Ich habe lange auf der Straße gelebt, aber jetzt habe ich gemeinsam mit meiner Frau ein Zimmer. Uns geht es mehr oder weniger gut, wir leiden weder unter Hunger noch Kälte – weil ich mein Geld auf diese harte, ehrenvolle Art verdiene.“
Recycler*innen sind zumeist nachts oder am frühen Morgen tätig, da der Müll vorwiegend abends herausgestellt und abgeholt wird. Somit sind sie auch, gerade im Süden der Stadt, einer schwierigen Sicherheitslage ausgesetzt. So wurde in der Nacht von Halloween ein Junge, der seine Eltern beim Recycling unterstützte, Opfer einer sogenannten bala perdida – das heißt, er geriet zufällig in das Kreuzfeuer einer Schießerei zwischen verschiedenen Gangs.
Trotz der schwierigen Bedingungen verdient ein*e Recycler*in durchschnittlich nur etwa 15-20.000 Pesos, also etwa fünf Euro, pro Arbeitstag beziehungsweise -nacht.
Neben der Distriktverwaltung von Bogotá gibt es auch unterschiedliche Organisationen, die versuchen, die Arbeitssituation der Recycler*innen zu verbessern, etwa durch Seminare zu Themen wie Ökologie und Nachhaltigkeit. Einen etwas anderen Weg wählte der brasilianische Street Artist und Graffitimaler Mundano. Während er in den Straßen von São Paulo sprayte, kam er irgendwann in Kontakt mit den Recycler*innen: „Genau wie ich arbeiten auch die Recycler auf der Straße. Und genau wie Graffiti ist auch Recycling eine marginalisierte Kunst. Somit war ein Kontakt im urbanen Raum auf lange Sicht eigentlich unvermeidlich, es war quasi eine natürliche Begegnung“, berichtet er im Interview mit den LN. Er begann 2007 aus einer spontanen Eingebung heraus den ersten Karren zu bemalen. Aus einem wurden mehrere und mittlerweile hat er fast 300 Carroças in 30 verschiedenen Städten Brasiliens verschönert: „Nach fünf Jahren dachte ich mir irgendwann: Warum mache ich das eigentlich alleine? Wo es doch so viele Menschen gibt, die über Fähigkeiten verfügen, die ich nicht habe?“ So entstand 2012 das erste Pimp my Carroça-Projekt, als Zusammenarbeit von lokalen Vereinigungen der Recycler*innen, Grafiterxs, Ärzt*innen, Tischler*innen und freiwilligen Helfer*innen. „Ziel ist, gemeinsam gegen die Unsichtbarkeit anzukämpfen“, erläutert Mundano, „denn die Gemeinschaft ist die stärkste Waffe des Wandels.“
In einer Zeit, in der fast alle großen Marken und Global Players von Nachhaltigkeit reden, denken nur wenige wirklich an die Umsetzung. In Kolumbien ist laut Schätzungen mehr als die Hälfte des Haushaltsmülles recyclebar – wirklich recyclet werden jedoch lediglich etwa 20 Prozent. „Wir haben Kontakt mit Mundano aufgenommen und das Projekt nach Kolumbien geholt, damit die Menschen anfangen, die großartige Leistung der Recycler wertzuschätzen“, berichtet Silvia Santos, einer der Organisator*innen der kolumbianischen Version von Pimp My Carroça. „Die Leute sollen anfangen zu verstehen, dass es einen Teil der Bevölkerung gibt, der sehr hart dafür arbeitet, dass ihr Müll wiederverwendet werden kann. Vor allem wollen wir auch erreichen, dass die Recycler nicht mehr vorschnell verurteilt werden – denn im Endeffekt ist ihre Tätigkeit eine Tätigkeit wie jede andere auch, mit positiven Folgen für die gesamte Bevölkerung.“ Denn durch ihre Arbeit leisten die Recycler*innen einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz: „Wenn man einmal nachrechnet – ein Recycler, der 30 Jahre lang arbeitet, schützt mehr als 100.000 Bäume, die auf Grund seiner Arbeit nicht abgeholzt wurden. Das macht die Recycler zu unsichtbaren Helden!“, erklärt Mundano seine Motivation. Der Koordinator der ARB, Silvio Ruíz, geht noch einen Schritt weiter: „Wir leisten nicht nur durch das Recycling einen Beitrag zum Umweltschutz – sondern auch weil unsere gesamte Arbeit dank der Karren komplett ohne den Einsatz von Treibstoff auskommt und somit besonders klimafreundlich erfolgt.“
Die Hauptidee hinter Pimp my Carroça ist daher, den bislang unscheinbaren Recycler*innen durch auffällige Karren eine neue Form der Sichtbarkeit zu geben. Gerade in einer Stadt wie Bogotá, in der Graffiti längst zum Stadtbild gehört und allgemein wertgeschätzt wird (siehe LN 493/494), liegt die Hoffnung der Organisator*innen darin, die Menschen zum Anhalten und Bestaunen der Kunstwerke zu bewegen. Damit soll, neben der verbesserten Wahrnehmung der Recycler*innen, auch eine Anerkennung ihrer Arbeit und ihre bessere Integration in die Gesellschaft erreicht werden. Dazu trägt auch die Zusammenarbeit mit unzähligen Freiwilligen aus allen Bereichen bei: Bei der gemeinsamen Arbeit an einer Carroça oder Carreta treffen Freiwillige, Künstler*innen und Recycler*innen als gleichwertige Partner*innen aufeinander und treten so in einen Kontakt, der auf anderen Wegen vielleicht nie stattfinden würde. So erzählt der Grafitero Elkin, der unter dem Pseudonym Asher sprayt, während er an einer Carreta arbeitet: „Ich gestalte gerade den Karren in den Farben der ARB, so wie sein Eigentümer es gewünscht hat. Im Vorfeld haben wir uns länger über seine Wünsche und Vorstellungen unterhalten und auch über seinen Alltag, um schlussendlich ein geeignetes Design zu erstellen.“ Gerade Graffiti ist laut Elkin dazu geeignet, die Wahrnehmung durch die Passant*innen zu erhöhen, denn „einerseits verleiht das Graffiti den Karren und damit auch ihren Besitzern einen neuen Wert. Denn die Menschen nehmen die Karren dann hoffentlich nicht mehr als Hindernisse am Wegesrand, sondern eher als Kunstobjekt wahr. Andererseits erreichen die bunten Farben auch erst, dass die Leute überhaupt hingucken und sich vielleicht auch annähern, um sich das Design näher zu beschauen“, erklärt er. Gleichzeitig hofft er: “Vielleicht kommt so sogar ein Kontakt zwischen den Passanten und den Recyclern zustande.“
Das Projekt stieß auf Begeisterung in der lokalen Graffitiszene, aus der viele ihre Hilfe zusagten. So ist beispielsweise auch der australische Street Artist Christian Petersen, alias CRISP, der sich durch seinen Einsatz für die Graffitiszene über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen gemacht hat, unter den Freiwilligen: „Ich wurde im Vorfeld von den Organisatoren kontaktiert und habe auch bei der Verbreitung über meine unterschiedlichen Kanäle geholfen“, erläutert er im Gespräch mit den LN, „Es macht Spaß, in Kontakt mit den Leuten zu treten und bei einer guten Sache tatkräftig zu helfen. Gleichzeitig ist es als Künstler natürlich auch toll, wenn dein Design nicht nur leblos an der Wand hängt, sondern als wandelndes Kunstwerk durch die Straßen zieht.“
In Kolumbien fand parallel zu Bogotá noch ein Event in Cali statt. An diesem Tag wurden in Bogotá insgesamt 50 Carretas gepimpt, die beteiligten Recycler*innen wurden von den Organisator*innen gemeinsam mit der ARB ausgewählt. Den Recycler*innen stehen verschiedene Stationen offen. Es gibt beispielsweise eine Tischlereistation, bei der die Wagen erneuert und ausgebessert werden. So erhoffen sich die Organisator*innen, die Traglast der Wagen von etwa 250 Kilogramm auf die doppelte Belastbarkeit zu erhöhen – denn wenn die Karren mehr Material befördern können, bedeutet das für die Recycler*innen im Endeffekt weniger Wege und somit auch eine bessere Entlohnung. Zudem erhalten die Carretas neue Bereifungen und natürlich die farbliche Verschönerung durch Grafiterxs. Doch nicht nur die Karren werden „gepimpt“: Eine medizinische Station wartet auf die Recycler*innen ebenso wie ein Zahnarzt und ein Frisör. Parallel organisieren Freiwillige ein Kulturprogramm für die Kinder und ein Tierarzt nimmt sich der vierbeinigen Gefährten, zumeist Hunde und Katzen, der Recycler*innen an. Ein Kleidungsset gegen den in Bogotá alltäglichen Regen und Sicherheitsartikel wie Reflektoren runden das Programm ab, das dank der Schirmherrschaft einer bekannten kolumbianischen Restaurantkette auch allen Beteiligten einen vollen Magen garantiert. „Jedem der Recycler werden zu Beginn ein oder mehrere Freiwillige zugeteilt, die sie durch die verschiedenen Stationen des gesamten Prozesses begleiten“, beschreiben Alain Lagger und Paola Macía, Freiwillige des Projektes, den Arbeitsprozess. Begeistert fährt Alain fort:„Das ist eine tolle Erfahrung auch für uns, weil wir die ganze Zeit dabei sind und merken, wie der einzelne Karren mehr und mehr an Form gewinnt“. Federico Olmos, ebenfalls freiwilliger Helfer, beschreibt seine Rolle im Prozess: „Ich bin heute quasi als Springer tätig und habe zunächst geholfen, Karren auszubessern. Jetzt unterstütze ich gerade einen Grafitero dabei, sein Design zu verwirklichen.“
Neben großen Events führen die Pimp my Carroça-Organisator*innen auch kleinere Veranstaltungen durch, bei denen ein einzelner Karren gepimpt wird. Aktuell findet parallel in São Paulo und Bogotá eine Fotoausstellung statt, die neben der Sichtbarkeit der Recycler*innen auch die des Projektes noch weiter erhöhen soll. Denn, wie Mundano erklärt: „Für uns ist die Unterstützung der Zivilgesellschaft elementar. Alleine schon, weil wir uns neben Schirmherrschaften fast ausschließlich über Crowdfounding finanzieren. Mit einer größeren Bekanntheit des Projektes können wir so einerseits neue Editionen finanzieren – andererseits werden aber so auch Menschen auf uns aufmerksam, die das Projekt in ihre eigene Stadt bringen und sich der Herausforderung stellen wollen. Denn darum geht es schließlich: Gemeinsam den Unterschied zu machen und nicht darauf zu warten, dass die Politiker agieren.“ Und so hoffen am Ende dieser Edition alle, dass auf das Projekt noch viele weitere folgen werden. Wie der Recycler Juan Vicente Gómez ausdrückt: „Wir sind sehr zufrieden mit den Ergebnissen des Tages, aber es gibt noch viele Karren zu pimpen!“

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