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Wandernd und verwurzelt zugleich

Einer wie Carlos Fuentes würde wohl im unbarmherzigen Neudeutsch als Gutmensch bespöttelt werden. Gemeint wäre jemand, der immer auf der richtigen Seite steht, der es gut meint mit der Menschheit im allgemeinen und den Ohnmächtigen im besonderen und doch in der Elite zuhause ist. In Mexiko sagt man anders dazu: „Marxist im Smoking“. Oder auch, wie der mexikanische Historiker Enrique Krauze schrieb, ein „Dandy-Guerillero“. Das ist zwar vorwurfsvoll gemeint. Aber es klingt nicht höhnisch, eher anerkennend, etwas neidisch sogar. Wie gründlich Fuentes seinen Marx studiert hat, sei dahingestellt. Und bei aller Sympathie für die Guerilleros, Knarren und Klandestinität lagen dem feinen Mann aus gutem Hause wohl immer ziemlich fern. Ein Gentleman aber ist er sicher, ein durch und durch bourgeoiser Linker, von der Sorte, wie sie wohl nur Lateinamerika oder vielleicht noch Frankreich oder Italien hervorbringen. Stets elegant und tadellos gekleidet, steht der schnauzbärtige Autor mit dem silbrigen Haupt nicht nur für literarische Imagination, sondern zugleich für einen Begriff politischen Intellekts, der so gar nichts mit blutleerer correctness gemein hat. Kein Griesgram, sondern ein linksliberaler Lebemann, der am 11. November seinen siebzigsten Geburtstag feierte.
Und zweifellos ein Mann von Welt. Was damit zu tun haben dürfte, daß Carlos Fuentes buchstäblich zwischen den Welten großgeworden ist.

Der Weltläufer

Als Sohn eines mexikanischen Diplomaten wurde er am 11. November 1928 in Panama-Stadt geboren, verbrachte Kindheit und Jugend in Chile, Argentinien, vor allem aber in den USA. Er hat in Mexiko-Stadt Jura und in Genf internationale Politik studiert, im diplomatischen Dienst gearbeitet und als Gastprofessor an diversen US-Universitäten. Als Sechs-undzwanzigjähriger veröffentlichte Fuentes den ersten Band mit Kurzgeschichten („Verhüllte Tage“), 1958 erschien der erste große Roman „Landschaft im klaren Licht“. Bis heute hat der zwischen Mexiko, den USA und Europa pendelnde Autor knapp 50
Bücher – Romane, Erzählungen, Essays, Drehbücher, Theaterstücke und Anthologien – publiziert.
Manchen seiner Kritiker ist gerade die Fuentessche Weltläufigkeit ein Dorn im Auge. Der wandernde Literat habe sich aus der Ferne ein „imaginäres Mexiko“ geschaffen und arbeite sich seitdem, vor allem im gespaltenen Verhältnis zu seinem langjährigen Gastland USA, an einem „latenten Identitätskonflikt“ ab, heißt es bei Krauze. Andere halten gerade den kosmopolitischen Blick von außen auf die kulturellen Eingeweide seiner Heimat für den großen Vorteil des Schriftstellers, der zusammen mit dem im Frühjahr verstorbenen Octavio Paz, Gabriel García Márquez und Mario Vargas Llosa einer der raren Lateinamerikaner ist, denen die Gunst der weltweiten Aufmerksamkeit zuteil wird. In nahezu allen Sprachen wurde Carlos Fuentes übersetzt und rezensiert, prämiert und interviewt. Dabei ist es nicht so sehr die Reporterpassion des quirligen Kolumbianers García Márquez oder die zeitlose Poetik eines Octavio Paz, die Fuentes treibt, sondern die Leidenschaft des Erzählers. Immer mit der Lust am „Wasserfall der Worte“ und mit weit ausholender Geste, meist vor dem Hintergrund der ganz großen Fragen – die Stadt und die Nation, der Eros und die Revolution, Apokalypse und Genesis, die Haßliebe zwischen der Alten und der Neuen Welt, zwischen Nord- und Südamerika. Und immer wieder, ein Lieblingsthema lateinamerikanischer Intellektueller, Geschichte und Identität.

Wie gut kennt Fuentes Mexiko?

Im außerliterarischen Raum gilt der Autor nicht als radikaler Denker. Im Unterschied zu Paz, so der Kulturjournalist Braulio Peralta, produziere Fuentes „eher Meinungen als Ideen“, er schreibe eher konjunkturabhängig denn zeitlos originär. In seinen statements zum Zeitgeschehen aber ist er unmißverständlich: sein Lob des Zapatistenaufstandes im Südosten Mexikos als „erster postkommunistischen Revolution“, die, bei aller Kritik der Waffen, „Mexiko endlich aus seiner erstweltlerischen Selbstgefälligkeit erweckt“ habe, wurde schnell zum geflügelten Wort. Berühmtgeworden ist auch sein denkwürdiger Briefwechsel mit dem Guerilla Literaten Subcomandante Marcos. Dieser hatte im Sommer 1994 den „Mann des Wortes, als Diplomaten, Wissenschaftler und vor allem als Mexikaner“ zu einer von der Guerilla einberufenen Konvention in die Selva geladen. „Lieber Freund“, schrieb Fuentes sichtlich geschmeichelt zurück, „ich stehe in Eurer Schuld“. Der Aufstand habe daran erinnert, daß die indigenen Kulturen „unsere Vorstellungen von der Moderne vervollständigen müssen“. Jetzt gehe es darum, „Señor Subcomandante“, die Kräfte zu bündeln für den gemeinsamen Weg zur Demokratie. War in den sechziger und siebziger Jahren noch la revolución oder auch ein socialismo à la mexicana die oft beschworene Zauberformel gewesen, so ist heute la democracia für linksliberale Intellektuelle wie Fuentes das neue gelobte Land. Deren Sympathie für die „bewaffneten Demokraten“ (Alain Touraine) aus dem Südosten ist in dem rechtsliberalen Lager um das von Paz gegründete Kulturmagazin Vuelta auf scharfe Kritik gestoßen. „Daß Marcos das Herz der gebildeten Klasse Mexikos erobert habe“, schreibt der junge Vuelta-Redakteur Aurelio Asiain, „ist ziemlich lächerlich“.
Doch Carlos Fuentes bleibt stur. In seinem jüngsten Text zum Thema nimmt er die Manie des Innenministeriums auf Korn, den legendären Subcomandante zum Zwecke der Entmystifizierung hartnäckig bei dessen – angeblich – bürgerlichem Namen Rafael Guillén zu nennen. Genausogut, so Fuentes, könne man dann künftig auch andere bekannte Persönlichkeiten wie Pancho Villa, Greta Garbo oder Pablo Neruda nur noch bei ihren Taufnamen nennen. „Marcos nur noch Guillén zu nennen, ist eine Art zu sagen: Sie gibt es ja gar nicht. Sie benutzen ja eine Maske. Lernen Sie lieber von uns PRI-Politikern, wir benutzen unsere Gesichter als Masken und führen die ganze Welt hinters Licht.“

Seitenwechsel

So kritisch ist der gelernte Diplomat allerdings nicht immer mit der Staatspartei, der Institutionell-Revolutionären PRI, ins Gericht gegangen. In den siebziger Jahren hatte er den damaligen Präsidenten Luis Echeverría offen unterstützt und sich von diesem sogar als Botschafter nach Paris schicken lassen. Erst mit dem marktliberalen Kurswechsel Anfang der Achtziger ging er auf Abstand zum autoritären PRI-Apparat. War ihm früher noch der big brother aus dem Norden der verhaßte Dinosaurier, so verfaßt er heute feurige Schriften zur Verteidigung des US-Präsidenten gegen Heuchelei und Puritanismus. Als „verwundeter Dinosaurier“ und Hindernis für die Demokratisierung bezeichnet Fuentes jetzt dagegen die – durch Wahlerfolge der Opposition arg angeschlagene – Regierungspartei.
Geblieben ist sein unbeirrbarer Glauben an die Möglichkeit eines „demokratischen Sozialismus“. Und es ist diese fast altmodisch anmutende Sturheit, darin europäischen Intellektuellen wie Grass und Debray nicht unähnlich, die den tiefen Graben zwischen dem Sozialdemokraten Fuentes und dem vehementen Antikommunisten Paz markiert. Hatte letzterer eindringlich vor Revolutionsromantik und „kommunistischem Totalitarismus“ gewarnt, so machte Fuentes lange Zeit aus seiner Begeisterung für die Revolutionen in Kuba und Nicaragua kein Hehl. Erst Ende der achtziger Jahre begann der erklärte Revolutionsromantiker, beim Genossen Castro „ein bißchen mehr Glasnost und Perestroika“ einzuklagen.
Doch auch vom in der Linken verbreiteten Katastrophismus hält Fuentes nicht allzu viel. Schon bei der Diskussion um das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA hatte er gegen die Panik vor dem drohenden Kulturimperialismus der USA und für – kulturell – offene Grenzen gestritten. Und in einem kürzlich geführten Gespräch mit dem Literaturnobelpreisträger José Saramago begegnet der Mexikaner dem unerschütterlichen Pessimismus des Portugiesen mit moderater Zuversicht. Die Globalisierung solle man, so Fuentes „akzeptieren und kontrollieren“. Gegen die beliebte These von der neoliberalen Krake, die sich mit Hilfe der gleichgeschalteten Massenmedien die Welt aneigne, setzt Fuentes sein schier unerschütterliches Vertrauen auf politischen Willen und Gestaltbarkeit – und nicht zuletzt auf die „Waffen der Kultur“.

Die entführte Sprache

Denn hinter dem Glauben an das machbare Gute, im Menschen und in der Welt, steht vor allem die Überzeugung von der Heilkraft des Literarischen. Beim Literaturfestival „Eine neue Geographie des Romans“, zu der er im März diesen Jahres prominente Vertreter der Weltliteratur geladen hatte, beschwor Fuentes seine Utopie: die Literatur als Retterin der Moderne, gegen „die falsche Glückseligkeit der Indifferenz und des Vergessens“. Die Kunst des Erzählens, mit seiner Pluralität der Zeichen und Sinngebungen, als Widerstand gegen die nahtlose Assimiliation in die ökonomische Welt und auch gegen „die
Entführung der Sprache“ durch die politische Klasse. Ein Plädoyer für Grenzüberschreitung in jeder Hinsicht: zwischen Imagination, Wirklichkeit und Realismus, zwischen den willkürlichen Grenzen der sogenannten Nationalidentitäten, für eine „Literatur der Differenz“, wandernd und verwurzelt zugleich. „Eine Gesellschaft ist krank, wenn sie glaubt, daß die Geschichte vollendet und alle Worte gesagt sind.“ Stattdessen biete die Dichtung den Menschen, als „unfertige Wesen“, die Tugenden des Aufbegehrens, des Zweifels und der Skepsis.
So ist Fuentes Intellektueller, Romancier und Meinungsmacher in einer Person, aber an verschiedenen Orten. In seiner Heimat entstehen vor allem Zeitungskolumnen, Vorträge, Essays – Einmischungen zur Gegenwart. Nach London, wo „die Leute kalt, das Essen schlecht und das Wetter fürchterlich“ sei, zieht sich der Mexikaner sechs Monate im Jahr zum eigentlichen Schreiben zurück. Auch als eine Art Flucht vor dem sozialen Wirbel um die Prominenz, in die Zweisamkeit mit seiner Ehefrau, der Journalistin Sylvia Lemus. „Alleine in London zu leben hat uns einander näher gebracht“, sagte er einmal in einem Interview. Und mit der Frau zu leben, die man liebe, sei schließlich „auch etwas sehr, sehr Wichtiges“. Auch literarisch beschäftigt sich der smarte Siebzigjährige zunehmend mit den Frauen. Sein neuer Roman „Los años con Laura Diaz“, der im Frühjahr erscheinen wird, basiert auf Gesprächen mit den eigenen Großmüttern, „den besten Geschichtenerzählerinnen der Welt“. Es ist die Saga der eigenen Familie, Einwanderer aus Deutschland und Spanien, die sich über hundert Jahre von den 1860ern bis zur Studentenbewegung 1968 erstreckt. Im Mittelpunkt steht Laura Diaz, ein weibliches Gegenstück zu Fuentes’ erster großen Romanfigur Artemio Cruz, dem Macho und Magnaten der Revolution, eine Art mexikanischer Citizen Kane. Diesmal aber geht es ihm um einen intimeren, weil weiblichen Blick auf die Geschichte seines Landes. Und wenn er mit dem Ergebnis zufrieden sei, vertraute Fuentes kürzlich gutgelaunt einem englischen Reporter an, dann werde er zu Lebzeiten nichts weiter veröffentlichen. Womit sicher nicht das letzte Wort gesprochen ist. Wie hatte der Meister bei seiner Rede im Frühjahr gesagt: „Noch sind wir nicht. Wir sind dabei, zu sein.“ Und auch Mexiko ist ein unfertiges Wesen.

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