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„Weniger kann mehr sein. Immer noch.“

Herr Jáuregui, Sie arbeiten seit langem in den Favelas von Rio de Janeiro. In Europa herrscht ein klischeehaftes Bild von Gewalt, Drogen und Armut vor. Wie sehen Sie die Favelas?

Es gibt sehr viele Faktoren, die für die Favelas charakteristisch sind. An erster Stelle steht das uneingeschränkte Wachstum, Gewalt, Mittellosigkeit, Verwahrlosung, Dienstleistungsmangel, schlechte Zugänglichkeit, ein zerrüttetes soziales und ökologisches Umfeld – also: sozialer Ausschluss. Charakteristisch ist auch der Umstand, dass die Menschen dort nicht Eigentümer ihrer Grundstücke sind. Deshalb leben sie immer mit dem Gedanken, dass ihnen ihr Grundstück eines Tages wieder genommen werden könnte. Dies ist der Grund, warum oft nicht sehr sorgfältig gebaut wird. Die Menschen bauen immer mit dieser Ungewissheit, dass sie alles auch wieder verlieren könnten.
Auf der anderen Seite – die in den Medien meist nicht gezeigt wird – ist das gesellschaftliche Leben in den einzelnen Nachbarschaften gut organisiert und es besteht ein hohes Maß an Solidarität. Trotz der fatalen sozialen und ökonomischen Bedingungen. Man unterstützt sich gegenseitig, man hält zusammen. Was der Mittelschicht verloren gegangen ist – die Solidarität und der nachbarschaftliche Zusammenhalt – ist in den Favelas noch sehr lebendig. Dies hat in letzter Zeit Aufmerksamkeit erregt und Leute angelockt, man spricht sogar von Favela-Tourismus. Das hat positive und negative Auswirkungen gleichermaßen: Einerseits benutzt man die Favela als ein exotisches Besuchsobjekt, als Themenpark. Andererseits schaffen solche Aktivitäten, wenn sie von Bewohnern der Favela selbst organisiert werden, Bedingungen für eine wirtschaftliche Entwicklung.

Können Sie den Unterschied zwischen der formellen Stadt, wo die Mittelschicht lebt, und der informellen Stadt, den Favelas beschreiben?

Es handelt sich um komplett andere Modelle von Stadt. Ein Beispiel ist ihr Erscheinungsbild. In der formellen Stadt haben wir geordnete, gradlinige Straßenverläufe, prinzipiell schachbrettartig um Häuserblocks angeordnet. Die Struktur der informellen Stadt basiert auf etwas viel Zeitgenössischerem: eine Art Möbiusschleife. Eine Geometrie, bei der durch eine Verdrehung die innere und die äußere Seite ineinander übergehen. Dies ist sehr wichtig, um heutzutage die neue Beziehung zwischen dem, was staatlich ist und dem, was privat ist, zwischen dem Inneren und dem Äußeren, dem Individuellen und dem Gemeinschaftlichen, dem Gebäude und der Stadt, zu überdenken.

Welche Partizipationsmöglichkeiten bieten Sie den BewohnerInnen, wenn Sie in deren Umfeld ein Urbanisierungs-Projekt verwirklichen wollen?

Wir besuchen die Orte, befragen die Menschen, wir sprechen mit ihnen. Darüber eruieren wir die Nachfrage der Menschen vor Ort und können sie vom architektonischen und urbanistischen Standpunkt aus in beständige formale und räumliche Strukturen umsetzen. Dabei geht es nicht ausschließlich darum, das zu tun was der „Kunde“ möchte. Man muss interpretieren, ob die Nachfrage angemessen und richtig ist und sogar feststellen, ob die Wunschvorstellungen aus Sicht der Betroffenen nicht zu niedrig angesetzt sind. Daher beinhaltet ein Projekt auch immer eine didaktische Dimension und auch wir lernen dabei.

Können solche Projekte für eine nachhaltige Entwicklung in diesen Vierteln sorgen?

Es gibt drei wichtige Faktoren, die eine nachhaltige Entwicklung fördern: die Schaffung von Arbeitsplätzen und Einkommen, das Ausüben von Sportarten, in denen man Chancen hat erfolgreich zu werden und die Schaffung sinnvoller Freizeitaktivitäten.
Meiner Ansicht nach muss der Staat Grundstücke legalisieren oder kaufen, um dort sowohl Wohnraum für die Menschen zu schaffen, als auch öffentliche Einrichtungen, wie Schulen, Kindergärten, einen Versammlungsraum, einen Sportplatz, eine Sporthalle, ein Kulturzentrum – also eine Reihe von Einrichtungen, die dem Zusammenleben förderlich sind. Wenn es richtig angestellt wird, entstehen so Orte, an denen Ressourcen geschaffen werden. Neue Orte der Zusammenkunft, die das gesellschaftliche Leben fördern.
Diese tragen dann auch zur wirtschaftlichen Verbesserung bei und machen den Menschen bewusst, warum sie das, was nun vorhanden ist, mit mehr Sorgfalt behandeln und erhalten sollten: damit die erfolgte qualitative Umwandlung zu einem gesünderen und angenehmeren Umfeld für die Zukunft erhalten bleibt.

Sie haben schon an mehr als 25 dieser Urbanisierungsprojekte gearbeitet. Was ist aus Ihrer Sicht erreicht worden?

Wenn solch ein Projekt realisiert wird, bewirkt das einen grundlegenden Wandel. An erster Stelle wandelt sich das Selbstwertgefühl des Favela-Bewohners. Diese Menschen fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen. Ihnen ist es peinlich zu sagen, wo sie wohnen. Nachdem eine Urbanisierung durchgeführt wurde, sind sie nicht nur stolz auf ihren Wohnort, sondern sie haben dann auch einen offiziellen Wohnsitz, den sie angeben können, um in der formellen Stadt einen Kredit zu beantragen – bei der Bank, die diesen vorher mangels offiziell anerkannten Wohnsitzes, nicht bewilligte. Wir versuchen, in allen Räumen, Plätzen und Straßen, die wir schaffen, Ästhetik und Funktionalität zu vereinen. Es geht nicht nur um die Funktionalität, sondern auch darum ein Recht auf Ästhetik zu verteidigen. In etwa 200 von 700 Favelas wurden schon Projekte umgesetzt, wir haben noch viel Arbeit vor uns. Aber die Favelas, in denen bereits gearbeitet wurde, werden als Referenzobjekte wahrgenommen, auf die die Menschen ihre politischen Forderungen beziehen. Alle Politiker, die sich heutzutage in der Stadt oder dem Bundesland Rio als Kandidaten aufstellen lassen, müssen verkünden, was sie in „Favela-Barrio“ machen werden. Wenn nicht, gewinnen sie auch nicht die Wahlen.

In welchem Zusammenhang steht Ihre Arbeit in den Favelas mit dem, was Sie in Kassel präsentieren?

Das Thema, das ich in Kassel zur Diskussion stellen will, ist die ethische Ausrichtung des Wohn- und Lebensraums. In unserer gegenwärtigen Zeit gibt es so viele un(ter)versorgte Menschen, die immer noch verhungern und keine Wohnung haben. Dementsprechend müssen wir über bewohnbare, relativ kleine Räumlichkeiten nachdenken. Wir können jede Wohnung zweckmäßig gestalten und einzigartige Bauwerke schaffen, die das Individuelle und den öffentlichen Raum in Zusammenhang bringen. Denn das gibt es weder in der Favela noch in Kassel. In der Favela gibt es alles, nur keinen öffentlichen Raum. Alles ist privat, und was nicht privat ist, gehört niemandem. Durch Städtebau und Architektur können wir erreichen, dass das Individuelle und das Gemeinschaftliche, der öffentliche Raum und die private Fläche auf bereichernde Art und Weise für das soziale Miteinander in einen Zusammenhang kommen.
Mein Objekt, das ich auf der documenta präsentiere, ist ganz klar aus der „Lektüre“ der Favela abgeleitet und durchgearbeitet. Mein Referenzrahmen ist dabei das Leben in seinem minimalsten Ausdruck: die von Mittellosigkeit geprägte Favela. Wo geteilt wird, wo es sogar einen Sinn für Schönheit und Ästhetik gibt, was man an den Farben, den verwendeten Materialien, den Klängen, der Struktur, der Form, und an vielem mehr erkennen kann. In diesem Zusammenhang muss man darüber nachdenken, welche notwendigen Mindestanforderungen das engste Umfeld aufweisen muss, um dort leben zu können. Diese Mindesteigenschaften des Lebensumfeldes, das Konzept einer Wohnung, hat jedoch in unseren Augen nichts mit den Dimensionen zu tun.
Die Botschaft, die vermittelt werden soll besteht darin, das Motto der Moderne – insbesondere Mies van der Rohes „Weniger ist mehr“ wieder aufzugreifen und es um den Aspekt der sozialen Verpflichtung zu aktualisieren. Die Reduktion auf die minimalsten Bestandteile (als eine Art intellektueller Hygiene) bleibt weiterhin gültig und wir können hinzufügen: „Weniger kann mehr sein. Immer noch.“ Nur sage ich: Weniger Konsumismus und Unterdrückung, was ein Mehr an sozialer Investition und Toleranz ermöglichen würde.

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