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„Wenn der Knopf gedrückt wird, geht es los“

Wie wahrscheinlich ist ein Krieg in Chiapas, nicht ein Krieg niederer Intensität, sondern ein Krieg im herkömmlichen Sinn?

Die Gefahr für kriegerische Auseinandersetzung zwischen dem Militär, der nationalen und bundesstaatlichen Polizei einerseits und den zapatistischen Gemeinden andererseits ist sehr hoch. Auf Grund dieser Gefahr und einer ganz neuen Qualität der Aggressionen hat sich die EZLN (Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung, Anm. der Red.) im vergangenen Dezember von der nationalen und internationalen Zivilgemeinschaft verabschiedet. Die zapatistische Armee zog sich in ihre Gemeinden zurück, um sich auf einen möglichen Angriff gegen sie vorzubereiten.

Wie wollen die zivilen Autoritäten der Zapatisten, die Juntas de Buen Gobierno auf die Aggressionen reagieren?

Sie versuchen der Aggression mit mehr Autonomie entgegen zu treten. Ganz konkret sollen mehr Schulen und Krankenhäuser aufgebaut werden.

Hat sich seit dem Amtsantritt von Präsident Calderón im Jahr 2006 etwas verändert?

Zur Zeit gibt es Umstrukturierungen bei dem mexikanischen Militär im zapatistischen Gebiet. Mit Präsident Calderón ist die Ultrarechte weiterhin an der Macht und die hat eine klare Position zu den Zapatisten. Die 56 permanenten Stützpunkte des Militärs im zapatistischen Gebiet bestehen zu 90 Prozent aus Spezialeinheiten für die Guerillabekämpfung. Das ist ein Alarmzeichen, denn wo es Spezialeinheiten gibt, werden paramilitärische Gruppen aufgebaut. Die Paramilitärs sind wieder in Erscheinung getreten und haben die Unterstützergemeinden der Zapatisten bedroht. Die Organisationen der öffentlichen Sicherheit, die Bundes- und die Bundesstaatspolizei sind in diesen Prozess involviert. Zum ersten Mal seit über zehn Jahren ist es durch die Bundesstaatspolizei und paramilitärische Gruppen wieder zu Folterungen gekommen. Das Militär selbst will weiterhin als „die Guten“ erscheinen und hält sich zurück.

Das Militär hat also eine eher passive Haltung?

Nein! Sie haben eine aktive Rolle in dem erneuten Aufbau der paramilitärischen Gruppen. Das Militär agiert aber eher verdeckt, so dass es den Anschein hat, als ob die Auseinandersetzungen nur zwischen den unterschiedlichen indigenen Gruppen abliefen. So als ob es zu den Gebräuchen der indigenen Bevölkerung gehören würde, sich gegenseitig abzuschlachten, dieses Bild vom indigenen Wilden, das in unserem Land immer wieder entworfen wird.

Wie schätzt du die militärische Schlagkraft der zapatistischen Armee ein?

Die kenne ich nicht! Wir wissen auch nicht, ob ein Angriff des mexikanischen Militärs gegen die Zapatisten bevorsteht. Aber wir wissen, dass die Armee zum Angriff bereit ist. Wenn der Knopf gedrückt wird, geht es los.

Welche Gruppen gibt es bei den Paramilitärs?

Die Paras von Paz y Justicia (Friede und Gerechtigkeit) wurde reaktiviert. Eine andere Gruppe von Paramilitärs wurde 1998 aus der Taufe gehoben. Sie heißt Organisation für die Verteidigung der indigenen Rechte und campesin@s, kurz OPDIC. OPDIC hat paramilitärische Einheiten und eine zivile Organisation. Es gibt Mitglieder bei der OPDIC, die wissen gar nicht, in was für einer Organisation sie tätig sind. Aber die Führung ist paramilitärisch. Das Landwirtschaftsministerium hat besonders in der jüngsten Vergangenheit der OPDIC Landtitel überschrieben.

Zu welchem Zweck?

Mit Landtiteln als juristische Grundlage setzen diese paramilitärischen Organisationen die Zapatisten unter Druck. Sie stellen Strafanzeigen wegen illegaler Landname und Raub und beantragen bei der Agrarbehörde die Räumung der zapatistischen Gemeinden von ihren „illegal besetzten“ Ländereien.

Neben den militärischen Institutionen, wie wird Druck auf die Zapatisten von anderer Seite aufgebaut?

Die Umweltbehörde hat viele tausende Hektar Land in den zapatistischen Gebieten als neue Naturschutzgebiete ausgewiesen. Die mexikanische Regierung stellt sich als eine Regierung dar, die sich um den Umweltschutz kümmert. Diejenigen, die die Natur zerstören, brandroden und den Wald abholzen, seien die indígenas. Also muss man rechtliche Grundlagen schaffen, um die indigenen Gemeinden von ihren Ländereien vertreiben zu können. Bleiben darf nur, wer den Tourismus als Arbeitssektor für sich akzeptiert. Der Diskurs von Calderón zusammen mit dem Gouverneur von Chiapas, der der linken Partei der Demokratischen Revolution PRD angehört, ist klar: Der Tourismus soll in Chiapas so stark wie nur möglich gefördert werden und der Entwicklungsmotor für die Region werden. Es ist eine Wirtschaftsoffensive des Staates gegen die Zapatisten.
Dazu gehören auch die ganzen Straßenprojekte, die für den Tourismus in der Selva Lacandona, dem Kerngebiet der Zapatisten, und in der Region um Agua Azul und Palenque wichtig sind. Auch der Plan Puebla Panama ist in diesem Zusammenhang zu sehen.

Wie verlaufen denn die Konfliktlinie in der Selva Lacandona selbst?

Lange bevor die Zapatisten 1994 an die Öffentlichkeit traten, gab es bereits eine intensive Wanderungsbewegung indigener Bevölkerung aus dem Hochland in die Selva Lacandona. Das nahm seinen Anfang in den 50er und 60er Jahren. 1972 bekamen die Lacandonen, eine indigene Gruppe aus der Selva Lacandona, 614.000 Hektar übertragen und 1988 wurde dieser formale Landtitel mit 500.000 Hektar bestätig. Der mexikanische Staat gab 66 Lacandonen-Familien Landtitel, ein wirklich außergewöhnlicher Fall von Landverteilung: Nur die Gemeinden und Dörfer, die bereit waren ihre Ländereien zu verpachten oder zu verkaufen bekamen diese Landtitel. Die anderen indigenen Völker, die in der Selva Lacandona lebten, wie Tzeltales, Tzotziles, Choles, Tojolabales, Mames, wurden einfach nicht beachtet.

Wie wird dann mit den anderen Ethnien umgegangen?

Wenn die Gemeinden, die keine Lacandonen sind, ihre Ländereien legalisieren und Landtitel erhalten wollen, werden zum gemeinschaftlichen Landbesitz nur Personen zugelassen, die keine Zapatisten sind. So werden die Zapatisten und ihre Unterstützer zu illegalen Landbesetzern. Die einzige Möglichkeit für die Zapatisten bleiben zu können ist, ihre Unterstützung für die EZLN aufzugeben und so die Aussicht auf einen Landtitel zu bekommen. Das ist eine Quelle für innerdörfliche Konflikte.

In der Selva Lacandona gibt es ja neuerdings viele Tourismusprojekte.

Ja, stimmt. Die Regierung bewirbt die Selva Lacandona mit Werbespots im Fernsehen. „Wir retten den Regenwald, und sie können mithelfen: Kommen Sie in die Selva Lacandona!“ Mann, das sozialen Netz in den Dörfern der Lacandonen ist total zerstört! Da sind die Lacandonen in ihren riesigen Pick-Ups, auf ihren Motorrädern, mit ihren super neuen Handys. Und wenn die Touristen kommen, dann werfen sie schnell iher traditionelle Kleidung über, dieses lange weiße Hemd, und bedienen die Touristen. Wenn die Touristen wieder weg sind, ziehen sie sich ihre Hosen und T-Shirts wieder an.

Wie schätzen Sie die Ökotourismusprojekte in Chiapas ein, die immer zahlreicher werden?

Es gibt den herkömmlichen Tourismus, in dem die indigenen Gemeinden wie San Juan Chamula und Zinacathan in der Nähe von San Cristobal de las Casas zu einer Art Choreografie gehören, so etwas wie ein dekoratives Beiwerk zu einer Reise. Andere Agenturen präsentieren sich als Ökotourismusagenturen mit einer Verantwortung für die Umwelt, aber diese funktionieren auch in der Logik des Wirtschaftsmodells „Entwicklung durch Tourismus“.

Was stört Sie denn daran?

Der Prozess der Selbstbestimmung der indigenen Gemeinde, der Aufbau von Autonomie, die Rettung der traditionellen Werte, der Sitten und Gebräuche, dieser Prozess wird durch den Tourismus als Entwicklungsmodell zerstört. Ein gutes Beispiel dafür sind die berühmten Wasserfälle von Agua Azul. Die Bevölkerung von Agua Azul ist inzwischen vollkommen auf den Tourismus angewiesen. Zwar gibt es auch Organisationen, die eigentlich sinnvolle ökologische Projekte machen, aber es gibt kein integrales Projekt, das all diese Ideen mit dem Gedanken der freien indigenen Selbstbestimmung verbindet. An diesem Punkt arbeiten wir von CAPISE. Diese Ökotourismusagenturen schauen nicht über den Tellerrand ihrer ökologischen Vision und realisieren nicht, dass um sie herum das soziale Netz zerstört wird. Das ist aber genau die Folge von der Wirtschaftsentwicklung durch ihren Tourismus.

Aber kann sich nicht jede Gemeinde selbst entscheiden, inwieweit sie sich dem Tourismus öffnen will?

Das Problem ist, dass durch das ganze Geld, das mit dem Tourismus zu verdienen ist, der Druck auch auf die Gemeinden wächst, die mit dem Tourismus nichts zu tun haben wollen. Zum Beispiel die zapatistische Gemeinde Bolon Ahau, die ein wunderschönes Stück Land an den Wasserfällen von Agua Azul hat. Es wird nun von den Tourismusentwicklern Druck auf die Gemeinde ausgeübt, dass auch sie Touristen aufnehmen sollen. Ansonsten müssten sie gehen. Doch die Gemeinde hat die Entscheidung getroffen, dass sie ihr Land weiter bewirtschaften und an ihrer traditionellen Lebensform festhalten will.

Die Mehrheit der EuropäerInnen kommt nach Mexiko als TouristInnen? Was können Sie ihnen raten?

Wo das soziale Netz extrem zerstört ist, wie zum Beispiel in Agua Azul, da sollte man einen großen Bogen herum machen. Sicherlich muss man aber differenzieren, denn sonst kann man ja nirgendwo mehr hin fahren. Jeder Ort hat seine Zeit und seine Entwicklung, darüber sollte man sich erkundigen. Als Tourist oder Reiseleiter soll man sich über die Region und über die gesellschaftlichen Vorgänge und Verhältnisse informieren. Wir von CAPISE haben eine Kampagne ins Leben gerufen: Keine Touristen nach Agua Azul, solange die Fälle von Folter und Bedrohung gegen die Gemeinde von Bolton Ahau nicht aufhören. Es gibt also Gemeinden, die versuchen sich auf eine radikale Weise gegen das Wirtschaftmodell zur Wehr zu setzten. Die Regierung hat ihre Position auch verschärft: Jetzt drohen nicht mehr nur niedrige Löhne, sondern auch Enteignung und Vertreibung. Die Aggressionen werden vom Staat geführt und die Gemeinden verteidigen sich gegen diese Angriffe.

Homepage von CAPISE: www.capise.org.mx

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