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Wer erschoss Digna Ochoa?

Zum einen bei den ergebnislosen Ermittlungen im Falle der ermordeten Frauen von Ciudad Juárez (siehe LN 343). Zum anderen bei der Untersuchung der Todesumstände der mexikanischen Menschenrechtsanwältin Digna Ochoa, die am 19. Oktober 2001 tot in ihrem Anwaltsbüro in Mexiko-Stadt aufgefunden wurde.
Offiziell stellte eine Untersuchungskommission Ende 2003 zwar ihren Selbstmord fest, doch viele Ungereimtheiten wie verschwundene und wieder aufgetauchte Beweismittel lassen am Untersuchungsergebnis zweifeln. Fährten, die zu den eventuellen Mördern Digna Ochoas hätten führen können, wurden nicht weiter verfolgt (siehe LN 353).
Die Dokumentation Digna, hasta el último aliento (Digna, bis zum letzten Atemzug, Mexiko 2003) von Felipe Cazals versucht zu rekonstruieren, was zum Tod Digna Ochoas geführt haben könnte.

Unvermittelter Einstieg
Um einen Rahmen zu schaffen, werden am Anfang des Filmes puzzlestückartig Fälle von Menschenrechtsverletzungen angerissen, derer Digna Ochoa sich angenommen hatte, ohne konkret ihre Rolle in diesen Fällen zu nennen. Berichtet wird von ersten Einsätzen im Bundesstaat Tabasco im Jahre 1987. Danach erzählen Zeugen von extralegalen Hinrichtungen in El Charco, Guerrero, Ende der Neunziger, wo vermeintliche Guerilleros der ERP (Ejercito Revolucionário Popular) von Militärs erschossen wurden. Danach berichtet ein anderer Menschenrechtsverteidiger von einem Einsatz in Chiapas, in Zusammenhang mit einem Massaker an der Zivilbevölkerung.
Thematisiert werden bei diesen und anderen Berichten immer wieder die enormen Schwierigkeiten bei der Arbeit als Menschenrechtsverteidigerin: Morddrohungen, Einschüchterungsversuche oder auch das Verschwindenlassen von MenschenrechtlerInnen, wenn diese zur Gefahr für lokale Machthaber oder verbrecherische Militärs werden.
Es klingt an, dass auch Digna Ochoa selbst Opfer von Misshandlungen, Entführung und einem Mordanschlag gewesen ist, dem sie nur knapp entging. Schon damals war es so, erzählen Mitarbeiter von Digna Ochoas Arbeitsstelle, dem Centro de Derechos Humanos Agustín Juárez PRO, dass staatliche Behörden kein Interesse daran hatten diesen Fällen nachzugehen, obwohl sie vom Zentrum dazu aufgefordert wurden.

Die Bedrohung aus Guerrero
Auch Digna Ochoas letzter Fall wird in der Dokumentation mit ihrer eventuellen Ermordung in Verbindung gebracht. In diesem ging es um einen schwerwiegenden Interessenskonflikt im Ejido Patatlán, Guerrero, wo so genannte Öko-Bauern gegen illegale Abholzung und Umweltzerstörung der lokalen Machthaber kämpften.
Um sie loszuwerden, bezichtigten die lokalen Kaziken die Bauern zunächst des Drogen- und Waffenbesitzes und behaupteten schließlich, dass die Öko-Bauern Angehörige der ERP wären, berichtet einer der damals Betroffenen. Mehrere Bauern wurden in diesem Zusammenhang vom Militär gefangen genommen und gefoltert.
Digna Ochoas Aufgabe war es zunächst, die Bauern vor Gericht zu verteidigen. Dann sollten die Folteropfer unter Aufsicht von MenschenrechtsanwältInnen die schuldigen Militärs identifizieren, damit diese belangt werden konnten. Ochoa machte sich also nicht nur das lokale Machtnetzwerk aus Kaziken und Unternehmern, sondern auch die mächtigen mexikanischen Militärs zum Gegner, die im Extremfall auch nicht vor Mord zurückschrecken.
Die Bedrohung Digna Ochoas von dieser Seite wird in der Dokumentation dadurch unterstrichen, dass zwei ranghohe Militärs zu Wort kommen, die unverblümt davon sprechen, dass das Militär härter durchgreifen sollte, wenn es um die innere Sicherheit gehe.

Die Selbstmordthese
Ein weiterer Strang in der Dokumentation beschäftigt sich mit Digna Ochoas Persönlichkeit, da Selbstmord immer noch die offizielle Todesversion ist. Zu Wort kommen unter anderem ihre Mutter, die von der züchtigen, streng katholischen Erziehung ihrer Tochter erzählt, und auch Digna Ochoas Freund, den sie über das Internet kennen gelernt hatte, und der zunächst auch ein Mordverdächtiger war.
Die Berichte von Mitarbeitern des Centro de Derechos Humanos Agustín Juárez PRO zeigen noch andere Facetten. Das Centro hatte Digna Ochoa Ende 2000 angeblich wegen der ständigen Morddrohungen und zur psychischen Erholung ins Exil nach Washington geschickt. In den Kommentaren der MitarbeiterInnen wird jedoch deutlich, dass es auch größere Spannungen zwischen dem Zentrum und Digna Ochoa gab. So attestiert ihr ein ehemaliger PRO-Direktor unüberlegtes Verhalten besonders gegenüber der Polizei und beschreibt sie als widersprüchlichen Persönlichkeit: mal war sie nett und freundlich, dann aber auch plötzlich aufbrausend und aggressiv.
Einige ihr nahe stehende Personen diagnostizieren im Film Verfolgungswahn, den sie aber wegen der Morddrohungen und dem knapp überlebten Mordanschlag auch als erklärlich ansehen. All diese Charakterzüge waren laut Untersuchungskommission ausschlaggebend für ihren Selbstmord: Digna Ochoa hätte unter gegen sich selbst gerichtete Aggressionen gelitten, einem unvorhersehbaren Charakter, unangemessenen Wutausbrüchen etc., steht es in ihrem Bericht.

Die Position der Macher
Der Film bezieht klar Stellung gegen die Selbstmordthese. Zum einen macht er dies durch eingestreute Spielszenen, in denen der mutmaßliche Verlauf des 19.Oktober 2001, dem letzten Tags im Leben der Menschenrechtlerin, rekonstruiert wird. Hier wird eine Digna Ochoa gezeigt, die voller Angst durch Mexiko-Stadt geht. Die Spielszenen enden mit der Nachstellung Digna Ochoas Ermordung in ihrem Anwaltsbüro.
Zum anderen lässt der Regisseur gegen Ende des Films Personen zu Wort kommen, die auf einer eher rationalen Ebene den Selbstmord bezweifeln. Einmal die enormen physischen Schwierigkeiten, sich selbst so umzubringen, wie es im Untersuchungsbericht dargelegt wurde. Die Position, in der die Leiche gefunden wurde, mache einen Selbstmord sehr unwahrscheinlich. Andererseits hätte sich in der gesamten mexikanischen Kriminalgeschichte noch nie eine Frau selbst in den Kopf geschossen.

Schwächen der Doku
Kritisch ist an der Dokumentation zu sehen, dass zum einen sehr viele Personen zu Wort kommen, die die ZuschauerInnen ohne Vorwissen nicht einordnen können. Das springen zwischen Zeiten und Geschehnissen und die Geschwindigkeit des Films, die die Fülle an Informationen vermitteln sollen, verwirren.
Bedauerlich ist es auch, dass Digna Ochoa nur in zwei kurzen Radiomitschnitten zu Wort kommt, und sonst nur als Phantasma gezeigt wird. Eindrücke von ihr persönlich wären wünschenswert gewesen. Trotzdem ist der Film höchst interessant und für alle, die sich mit Menschenrechten auseinander setzen, ein Muss. Die Botschaft der Dokumentation ist schließlich: Schluss mit der Verschleierung von Menschenrechtsverletzungen, die Todesumstände Digna Ochoas müssen noch einmal neu untersucht werden.

Digna, hasta el último aliento, Regie: Felipe Cazals; Mexiko 2003; Farbe. Der Film wird im Panorama gezeigt

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