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Wer zerstört, wer rettet Amazonien?

Der folgende Beitrag von Thomas W. Fatheuer ist einer Publikation der brasilianischen Nicht-Regierungsorganisation FASE entnommen, die kürzlich unter dem Titel “Hoffnung für den Regenwald? Das Pilotprogramm der G-7 und Ansätze für eine neue Politik in Amazonien” auf deutsch erschienen ist.

Amazonien der große Wald

Amazonien wird in der internationalen Wahrnehmung fast immer und ausschließlich mit dem Regenwald identifiziert. Damit wird die Region zum primären Objekt der Ökologie. Tatsächlich hat die Analyse des Ökosystems Regenwald wichtige Ergebnisse zu Tage gebracht. So ist es heute fast Allgemeinwissen, daß die tropische Fülle des Regenwaldes nicht mit einer hohen Bodenfruchtbarkeit korrespondiert. Der bekannte Biologe und Vorstandsmitglied des WWF J.Reichholf konfrontiert die Welt des Überschusses, aus der die Siedler kommen, mit der Realität des Regenwaldes: “Diesen Überschuß gibt es im Regenwald nicht. Das gesamte System ist auf geschlossene Kreisläufe eingestellt. Jede Öffnung, um Überschuß zu erreichen, schädigt und zerstört das System. Nur das Sicheinfügen in ein ökologisches Großsystem mit ‘Nullwachstum’ gäbe dem Menschen einen Platz im tropischen Regenwald. Dieser Wald befindet sich in einem umfassenden Gleichgewicht.” (Reichholf 1990, S.181f) Die Konsequenz ist klar: “Die landwirtschaftliche Erschließung der tropischen Regenwälder lohnt sich nicht.” (Reichholf 1990, S.184) Gnade finden allenthalben Indios mit an den Wald angepaßter Wirtschaftsweise bei geringer Besiedlungsdichte. Ansonsten sind die Regenwälder “weder mittel- noch langfristig nutzbar” (Reichholf 1991, S.20). Diese Ausführungen Reichholfs werden illustriert durch eine Karte über die “ökologische Großgliederung Amazoniens” (Reichholf 1990, S.183). Die gesamte Region, größer als Europa, wird aus drei Teilen gebildet: (1.) dem extrem nährstoffarmen zentralamazonischen Bereich, durchzogen von der (2.) fruchtbareren Várzea (zeitweise überschwemmtes Land), die an Bodenfruchtbarkeit mit dem Andenvorland gleichzusetzten ist und (3.) die ebenfalls recht mineralstoffarmen Zonen des nördlichen und südlichen Randgebietes. Demonstrieren soll diese Karte, daß in Amazonien lediglich eine “Flußoasenkultur” inmitten einer grünen Wüste entstanden und tragfähig ist.

Die “soziale Leere”

Auf dieser Karte verschwinden sowohl Städte wie Gebiete, die seit hundert Jahren landwirtschaftlich genutzt werden – was natürlich bei einer Illustration der ökologischen Großgliederung verständlich ist. Das Problem aber ist, daß Städte und Landwirtschaft in der Diskussion einer Lösung für den Regenwald/Amazonien überhaupt nicht auftauchen. Genau das ist es, was die schon zitierte Äußerung von H. Acselrod meint, wenn sie die “soziale Leere” Amazoniens in solchen Diskursen kennzeichnet. Die totale Ökologisierung Amazoniens entleert die Region ihrer sozialen Gestaltung. Es ist leicht einzusehen, warum: In dem ökologischen Gleichgewichtsmodell sind alle menschlichen Eingriffe als Schädigungen (s.o.) klassifiziert. Zugespitzt: der Mensch erscheint, sei er denn nicht ein Indio, als Zerstörer, als Schädling. Er kann gar nicht anders. Die Kritik an der Entwicklung Amazoniens bezieht sich somit nicht auf ein bestimmtes historisches, ökonomisch und sozial determiniertes Aneignungsmodell, sondern auf menschliche Nutzung schlechthin.
Was bedeutet aber eine solche Analyse für Amazonien? Über die Hälfte der etwa 17 Millionen Einwohner Amazoniens leben in den Städten, bei der ländlichen Bevölkerung beträgt die Anzahl der Indios etwa 170 000. Mag man noch zu den Indios andere Gruppen zählen, die auf traditionelle Weise den Wald nutzen, bei großzügiger Rechnung bleibt doch eine Bevölkerung von etwa 15 Mio, für die in den öklogischen Konzepten kein Platz ist. Was soll mit diesen 15 Mio Waldschädlingen geschehen? Nein, niemand schlägt vor, diese umzusiedeln oder Ähnliches. Vor solch offensichtlichem Unsinn schützt doch in der Regel der gesunde Menschenverstand. Das Problem sind nicht absurde Vorschläge, sondern ist das Schweigen. Es wird einfach nicht diskutiert. Amazonien ist der Wald. Die soziale Vielfalt, die Geschichte der Region, ihre Wandlungen und Dynamik, all das tritt nicht ins Bild – oder nur, um Zerstörung und Sinnlosigkeit der Nutzung anzuklagen. Die Bilder vom nicht-florestalen Amazonien (“Hohe Schornsteine am Amazonas”) dokumentieren nur den zerstörerischen Charakter all dessen, was nicht Wald ist. Sinnbildlich ist diese Ikonografie auf dem Titel des “Regenwaldbuches” (Niemetz 1992): In einen wunderschönen Moosregenwald auf Zentralsulavesi ist das Kleinfoto von Hochspannungsleitungen des Wasserkraftwerkes Balbina hineinmontiert. Was gut und was schlecht ist, bedarf keines Kommentares.
Die auf einer Ökologie des Regenwaldes (die hier nicht kritisiert werden soll) beruhende Ökologisierung Amazoniens wird fatal durch Ausblendung. Die ökologische Kritik hat sich als äußerst wertvoll darin erwiesen, den Unsinn der bisherigen Entwicklungsstrategien in Amazonien aufzuzeigen, sie hat aber – jenseits der Propagierung der indianischen Wirtschaftsweise – keine Perspektiven für die Mehrheit der Bevölkerung entwickeln können. Das Pilotprogramm (der G-7 für Amazonien) reflektiert dieses Dilemma. Es ist Ausdruck der florestalen Wahrnehmung Amazoniens und setzt das Schweigen über den “Rest” fort.

Rettet indianisches Wissen den Regenwald?

Der Umschlag des Regenwaldberichts der deutschen Bundesregierung zeigt das Foto einer Brandrodung: ein brennendes Stück Land und ein Mann auf dem Maultier. Das stammt, so werden werden wir aufgeklärt, aus dem Bildarchiv des WWF und zeigt “shifting cultivation” in Brasilien. Gleich in der Einleitung des Berichtes wird zu den Ursachen der Tropenwaldprobleme festgestellt: “Der größte Teil der weltweiten Zerstörung tropischer Wälder ist durch Brandrodung verursacht. Diese Methode beruht insbesondere auf Armut, Überbevölkerung und ungünstiger Landverteilung.”(S.14) Später wird diese Aussage auf 60% präzisiert und kein Zweifel gelassen, wer hier abbrennt: “lokale Bevölkerung und Siedler aus anderen Gebieten” (S.32). Auf das Konto von Viehzucht und Großprojekten soll nur 30% der Waldzerstörung gehen. Eine auf portugiesisch verfasste Informationsbroschüre über die deutsche Tropenwaldpolitik wiederholt diese Angaben.
Als diese Zahlen auf dem Seminar in Belém zitiert wurden, haben sie einen Empörungssturm und eine hitzige Debatte hervorgerufen. Verständlicherweise. Ikonografie und Zahlen definieren eindeutig die Kleinbauern als die Hauptgefahr für den Wald, im Drama der Waldzerstörung sind sie die “Bösen”. Natürlich gibt es auch die “Guten”. “Der Schlüssel für Amazonien liegt im indianischen Wissen.” (Gawora 1992, S.21). Diese Aussage dürfte einen weiten Konsens unter Regenwaldgruppen darstellen.
Die Wiederentdeckung und Aufwertung indianischen Wissens – dies wurde bereits gesagt – ist eine äußerst positive Entwicklung, die viel zur Kritik am herrschenden Entwicklungsmodell beigetragen hat. Insbesondere die Forschungen von Darrell Posey haben gezeigt, mit welch differenzierten Strategien Indios, in diesem Fall die Kayapo, den Urwald nutzen. Sie haben auch gezeigt, daß der “Urwald” Amazoniens viel mehr durch menschliche Eingriffe beeinflußt worden ist, als wir bisher angenommen haben. “Die Unterscheidung in Urwald und Kulturland ist nicht mehr möglich…Der Regenwald sollte nicht mehr als undurchdringlicher Dschungel betrachtet werden, sondern als indianische Kulturlandschaft” (ebd.:20). In dieser Sichtweise wird den Kleinbauern zumindest eine Perpektive eingeräumt: “Übernahme indianischer Landnutzungssysteme” (ebd). Beispiel für eine zumindest partielle Übernahme indianischer Techniken, sind die Kautschukzapfer, Paranußsammler, oder seit längerem im Urwald lebende Flußanwohner (ribeirinhos). Dennoch ist die Konsequenz klar: konventionelle kleinbäuerliche Nutzungsformen sind gescheitert, Kleinbauern haben nur eine Chance, wenn sie quasi zu Indios werden. Es herrscht eine klare Dichotomie. Die Kleinbauern sind eindeutig als Teil des Problems definiert, die Indios hingegen als Teil der Lösung. Für die Bestimmung sozialer Akteure in Amazonien ist dies natürlich eine folgenreiche Feststellung.

Die Waldvernichter No. 1

Die erste Grundannahme dieser Konstruktion, daß die Kleinbauern die Hauptverursacher der Waldvernichtung sind, ist zumindest für Amazonien eindeutig falsch. Francisco Costa kommt aufgrund einer Analyse der für den Bundesstaat Pará vorliegenden Zahlen zu einem eindeutigen Schluß: 67% der durch landwirtschaftliche Nutzung verursachten Entwaldung geht auf Kosten der Anlage von Viehweiden. Zu nicht weniger als 80,7% sind dafür landwirtschaftliche Betriebe mit einer Fläche von über 200 ha verantwortlich (alle Zahlen für 1985). Bäuerliche Betriebe mit einer Fläche bis zu 200 ha sind insgesamt mit 38% an der Entwaldung beteiligt, ein sicherlich nicht geringer Anteil, der aber eine sinkende Tendenz aufweist (vgl. Costa 1992, S.64f). Diese Zahlen widersprechen jedenfalls völlig den Behauptungen des Tropenwaldberichts, zumal wenn man bedenkt, daß hier die Waldzerstörungen durch Großprojekte (Staudämme, Carajás) nicht einbezogen sind.
Dennoch bleibt die Feststellung, daß auch Kleinbauern den Wald zerstören. Diesen aber das indianische Wissen als Alternative anzubieten, ist illusorisch. Indianische Produktionssysteme haben eine lange Geschichte, sie sind in eine spezifische Kultur integriert und – das ist der entscheidende Punkt – sie sind nicht auf eine Marktproduktion ausgerichtet. Gawora gibt auch als Voraussetzung für die Übernahme indianischen Landnutzungssysteme durch Bauern “eine gewisse Teilautonomie vom Markt” an. Außerdem haben indianische Lebensformen nur da eine Chance, wo viel Land in gesicherten Verhältnissen zur Verfügung steht. Dies unter den gegebenen sozialen, ökonomischen und kulturellen Voraussetzungen Kleinbauern als einzige Alternative anzubieten, heißt ihnen keine Alternative anzubieten.

Die Kleinbauern wirtschaften effizienter

All dies zeigt erst einmal nur, daß in den gängigen Vorstellungen über Amazonien für Kleinbauern kein Platz ist. Natürlich ist damit keineswegs die Annahme widerlegt, daß landwirtschaftliche Nutzung in Amazonien aus ökologischen Gründen prinzipiell nicht bzw. nur in der indianischen Variante möglich ist. Die prinzipielle Leugnung einer landwirtschaftlichen Nutzung übersieht die geografische und ökologische Diversität Amazoniens – auch die regional und lokal äußerst unterschiedlichen Bodenqualitäten. Tatsächlich zeigen Erfahrungen zum Beispiel in der Region Bragantina, zwischen Belém und dem Meer, und in der Region der Transamazônica, daß eine landwirtschaftliche Nutzung in Teilen Amazoniens auf Dauer möglich ist. In der Bragantina wird seit 100 Jahren Landwirtschaft betrieben. Wer meint, alle Erfahrungen mit der landwirtschaftlichen Entwicklung in Amazonien mit einem (ökologischen) Federstrich abtun zu können, wird nicht in der Lage sein, Strategien zu entwickeln, die an den sozialen Gegebenheiten der Region ansetzen. Erste Erhebungen des Instituts für Amazonasstudien (NAEA) an der Universität Belém und der FASE weisen darauf hin, daß es positive Erfahrungen im Bereich der kleinbäuerlichen Produktion gibt, Tendenzen der Nutzung, die sich als erfolgversprechend erweisen.
Zwei Beobachtungen sind in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse. Statistiken zeigen, daß der Anteil der Dauerkulturen am Wert der landwirtschaftlichen Produktion von Kleinbauern steigt. 1980 betrug er 14 Prozent gegenüber 22 Prozent 1985 (Costa 1992, S.58). Auf den entwaldeten Flächen produzieren die Kleinbauern einen 3-5 mal höheren Wert als Großbetriebe (Costa 1992, S.61). Während die Großbetriebe eine flächenver(b)rauchende, extensive Viehwirtschaft bei geringem Einsatz von Arbeitskräften privilegieren, tendieren die Bauern zu einer kapitalintensiven Dauerkultur. Es besteht also eine deutliche Differenz zwischen den Nutzungsmethoden der Kleinbauern auf der einen und den Großgrundbesitzern auf der anderen Seite. Es zeigt sich damit auch, daß die “shift cultivation keineswegs eine natürliche Technik ist und daß der Wanderbau nicht der bäuerlichen Produktionsweise inhärent ist.” (Costa 1992, S.65)
Die bäuerliche Landwirtschaft in Amazonien leidet unter dem Fehlen angepaßter Technologien und der Unterordnung unter die Ausbeutung durch das Handelskapital, das die Vermarktung der Produkte erschwert. Erste Analysen weisen darauf hin, daß Kleinbauern dort Erfolg haben, wo sie angepaßte Produktionsmethoden entwickeln, den Anbau durch agroforstwirtschaftliche Techniken diversifizieren, Zugänge zu Vermarktung und Krediten erlangen und die Eigentumsverhältnisse gesichert sind. Dies ist genau die Richtung, in die die Organisationen der Kleinbauern (Gewerkschaften) und Unterstützergruppen in Amazonien arbeiten. Unter solchen Voraussetzungen ist eine kleinbäuerliche landwirtschaftliche Entwicklung in Teilen Amazoniens möglich. Wer meint, dies sei nicht möglich, kann diese Erfahrungen nicht mit einer roten Karte oder einem Handschlenker abtun, sondern muß sich mit den realen Entwicklungen in Amazonien konfrontieren lassen.

Das Problem ist die Agrarindustrie

Das Verschwinden(lassen) der Kleinbauern in den ökologischen Konzepten hat eine fatale Konsequenz: Es differenziert nicht zwischen der zerstörerischen Aneignung durch die landwirtschaftlichen Großprojekte und der kleinbäuerlichen Produktion. Beide erscheinen als Momente des gleichen zerstörerischen Prozesses. Damit werden die Kleinbauern als Bündnispartner ausgegrenzt und politisch in die Hände der Großgrundbesitzer getrieben. Nicht die landwirtschaftliche Nutzung in Amazonien ist das Problem, sondern die vorherrschend praktizierte Form durch Großgrundbesitz und Agroindustrie, die, wie hier gezeigt wurde, erheblich mehr Flächen bei ungleich geringerer Produktivität als die bäuerliche Wirtschaft verbraucht. Kleinbauern sind an eine ökologische Entwicklung in Amazonien ankoppelbar, die großen Viehfarmen nicht. Großgrundbesitz und Agroindustrie sind in den letzten beiden Jahrzehnten durch Subventionen massiv begünstigt und die Kleinbauern marginalisiert worden. Nur eine Änderung dieser (Macht-) Verhältnisse wird eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Entwicklung ermöglichen – und nicht eine erneute Marginalisierung der Kleinbauern durch ihre ökologisch begründete Ausgrenzung.
“Die Rettung Amazoniens erfordert es, das Rückgrat der Latifundienwirtschaft zu brechen. Um den Migrationsfluß nach Amazonien zu stoppen, ist die grundlegende ökologische Forderung in Brasilien heute die Agrarreform in den Landesteilen mit längerer landwirtschaftlicher Tradition.” (Costa 1992, S.75) Auf dieser Grundlage kann das Bündnis der “Völker des Waldes” durch eine Zusammenarbeit mit den Kleinbauern erweitert werden. Demarkierung und Schutz der Indianergebiete, Einrichtung von Sammelzonen und eine nachhaltige kleinbäuerliche Produktion wären dann die Grundpfeiler ländlicher Entwicklung und Waldschutz in Amazonien. In ihrer Gegnerschaft zum Latifundium, zu zerstörerischen Großprojekten, zur industriellen Fischerei haben Indios, Sammler und Kleinbauern eine gleiche Interessenlage.

Costa, Francisco (1992) – “Ecologismo e questâo agrária na Amazônia”, Belém.
Gawora, Dieter (1992) – “Indianisches Wissen in Amazonien. Landnutzung und Heilwissen: Chance und Gefahr” in: Entwicklung und ländlicher Raum Nr. 1.
Niemetz, Carsten (1992) – “Das Regenwaldbuch”, Berlin, Hamburg.
Reichholf, Josef (1990) – “Der Tropische Regenwald”, München.

Die Broschüre von Thomas W. Fatheuer (FASE) – “Hoffnung für den Regenwald? Das Pilotprogramm der G-7 und Ansätze für eine neue Politik in Amazonien” ist gegen DM 5.- in Briefmarken, Scheck oder bar erhältlich bei:
Lateinamerika Nachrichten – Vertrieb, Gneisenaustr. 2a, 10 961 Berlin, Tel. 030 – 694 61 00.

Kasten:

Hauptursachen der Waldvernichtung

Philip Fearnside, Forscher am Instituto Nacional de Pesquisa da Amazônia (INPA) in Manaus, ist vielleicht der Forscher, der sich in den letzten Jahren am kontinuierlichsten und intensivsten mit der Frage nach den Ursachen der Entwaldung in Amazonien beschäftigt hat. Er sieht die Hauptursachen in einem kombinierten Entwicklungsprozeß, der die Migration nach Amazonien forcierte, verbunden mit einem Entwicklungsmodell, das die negativen Auswirkungen des Migrationsflusses auf den Wald maximierten. Dabei spielt die Viehwirtschaft eine herausgehobene Rolle: “Die Rinderwirtschaft macht den größten Teil der entwaldeten Flächen in Amazonien aus” (Fearnside 1992, S.207). Die Anlage von Viehweiden dient nicht nur der Produktion von Fleisch, sondern ist auch durch Immobilienspekulation begünstigt. Die Entwaldung zur Anlage von Viehweiden gilt in der Gesetzgebung als “Verbesserung”, schützt vor Enteignung wegen unterlassener Nutzung und erhöht den Wert des Grundstückes. Weitere Hauptursachen der Waldvernichtung sind:

– Staudammbauten und die damit verbundene Entwicklung der Aluminiumindustrie in Amazonien.
– Die Holzgewinnung, die historisch kein wichtiger Faktor war, in den letzten Jahren aber an Bedeutung gewann.
– Herstellung von Holzkohle
– die Anpflanzung homogener Wälder (Eukalyptus)

Der Wanderfeldbau, den traditionelle Waldbewohner praktizieren, ist für Fearnside in Brasilien “ein minimaler Faktor”. Über diese Feststellungen hinaus ist es schwierig, die einzelnen Momente der Waldvernichtung genau zu quantifizieren. Fearnside läßt aber keine Zweifel daran aufkommen, daß es die landwirtschaftlichen und industriellen Großprojekte sind, die die Hauptverursacher darstellen.
Als wichtigste Problemfelder, an denen eine Gegenstrategie ansetzten müßte, sieht er: “Entscheidungen über Bau und Verbesserung von Straßen; die Politik der Anerkennung des Landbesitzes auf der Grundlage von Weiden, deren Anlage als ‘Verbesserung’ akzeptiert wird; die Politik der ländlichen und industriellen Entwicklungen in den Herkunftsgebieten der Migranten, außerhalb Amazoniens.

Fearnside, Philip (1992) – “Desmatamento e desenvolvimento agrícola na Amazônia Brasileira”, in: Philippe Lena/ Adéla Oliveira – “Amazônia: a fronteira agrícola 20 anos depois”, Belém.

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