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Wie aus Eingewanderten Auswandernde wurden

Migration in Lateinamerika im beginnenden 21. Jahrhundert kennt zwei große Tendenzen: Einerseits findet Migration als transkontinentale Bewegung von Lateinamerika nach Europa statt, nicht so sehr aus politischen als vielmehr aus wirtschaftlichen Gründen. Dies zeigt um Beispiel die steigende Zahl nach Spanien emigrierender ArgentinierInnen nach dem Wirtschaftskollaps 2001. Wichtiger jedoch ist die intraregionale Migration, auf dem amerikanischen Kontinent selbst: innerhalb einzelner lateinamerikanischer Länder vom Land in den städtischen Raum und, seit Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem zwischen Lateinamerika und den USA. Im Jahr 2002 stellten die latinas und latinos mit 13,5 Prozent der Bevölkerung die größte ethnische Minderheit in den Vereinigten Staaten dar.
Der von Ingrid Wehr herausgegebene Band Un continente en movimiento vereint eine Vielzahl von durchweg in spanischer Sprache verfassten Beiträgen, die lateinamerikanische Migration aus den unterschiedlichsten – immer jedoch akademischen – Blickwinkeln betrachten. Am Anfang des Buches steht das Thema der Identität, bedingt durch den Bruch mit dem eigenen gesellschaftlichen Referenzsystem. Die Veränderung des Wohnorts erfordert von den MigrantInnen sich anzu­pa­ssen an ein neues, fremdes Umfeld, in dem neue Gruppenbilder und Integrationsmuster entstehen. Die Konstruktionen und Rekonstruktionen von Identität analysiert Silke Hensel anhand der puertoricanischen Ethnizität in New York nach. Martín Lienhard siedelt seine Betrachtung aufeinander prallender Identitäten hingegen im Bildhaft-Fiktiven an: Mit welcher Symbolik und mit welchen Bildern wird Migration im – vor allem – US-amerikanischen Kino thematisiert?
Identität umfasst im vorliegenden Sammelband aber weit mehr Aspekte als nationale oder ethnische Zugehörigkeit. Es geht auch um Geschlechteridentität, um die sich stark verändernde Rolle der Frauen. Ihr Anteil unter den MigrantInnen nimmt stetig zu, nicht zuletzt durch sich verändernde Arbeitsmärkte, zum Beispiel im Dienstleistungssektor, der viele Frauen beschäftigt. Ihre Migrationserfahrungen weichen von denen der Männer und auch von denen anderer Frauen ab, die häufig im Zuge der Familienzusammenführung ihren emigrierten Ehepartnern nachfolgten. Diese sich historisch wandelnde Perspektive des Gender-Aspekts dokumentiert Barbara Potthast in ihrem Artikel. Andere Autorinnen wie María Dolores París Pombo oder Alcira B. Bonilla beschreiben die sich durch Migration verändernde Rolle der Frauen im lateinamerikanischen Kontext. Sie stellen indigene Frauen auf der Suche nach ihrer eigenen Identität bei gleichzeitiger Überschreitung von Ethnizitätsgrenzen in Mexiko und Argentinien dar. Darüber hinaus trägt die Wanderung im Allgemeinen meist zur Rekonstruktion der Geschlechteridentität bei. Die Bedeutungen, die MigrantInnen der Kategorie Geschlecht beimessen, treffen in der Aufnahmegesellschaft auf andere Vorstellungen, was Rückwirkungen auf „männliche“ und „weibliche“ Rollenzuschreibungen und das Verhältnis zwischen den Geschlechtern hat.

Raumüberschreitungen

Thematischer Hauptteil des Bandes sind die internationalen und transnationalen Aspekte der Migration und Transformation von Raum. Migrationsprozesse sind durch die räumliche Ordnung von Gesellschaften strukturiert und verändern diese ihrerseits. Neben dem sich für die MigrantInnen verändernden geographischen Raum gewinnt vor allem der öffentliche Raum in der Aufnahmegesellschaft an Bedeutung. Die AutorInnen Flor Edilma Osorio Pérez, Anika Oettler und Eduardo J. Vior stellen Aus­grenzungsprozesse im Zusammenhang mit Gewalt und dem Entstehen von Parallelgesellschaften dar. Andere Beiträge befassen sich mit zentralen, politisch relevanten Fragestellungen, die aus dem komplexen Beziehungsnetzwerk entstehen, welches die MigrantInnen mit ihrem Heimatland aufrechterhalten. Barbara Fritz wirft die Frage auf, wie die für viele lateinamerikanische Familien so wichtigen remesas als volkswirtschaftliches Phänomen zu einer nachhaltigen Entwicklung in den jeweiligen Ländern beitragen können. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene besitzen Migrationsprozesse jedoch nicht nur für Auswandererländer, sondern auch für die Aufnahmestaaten weit reichende Konsequenzen. Amalia Stuhldreher, Bert Hoffmann und Rodolfo García Zamora gehen auf die Einflüsse von MigrantInnen auf die Migrations- und Außenpolitik ihres Aufnahmelandes – insbesondere am Beispiel der latinas und latinos in den USA – ein.
Teilweise beschränken sich die Migrationsbewegungen auch „lediglich“ auf Binnenwanderungen, welche allerdings ähnlich wichtige Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Valentina Garza Martínez und Haydea Izazola interessieren sich für regional eng begrenzte Wanderbewegungen und ihre Folgen, vor allem in der ethnischen und schichtenspezifischen Zusammensetzung der MigrantInnengruppen und der gated communities in Mexiko.
Alle Themenbereiche werden durch kulturwissenschaftliche Betrachtungen ergänzt, zum Beispiel kulturelle Schöpfungen der MigrantInnen in der Literatur wie in den Beiträgen von Burkhard Pohl, Annegret Thiem und Andrea Schwieger Hiepko. Sie stellen „transnationale Texte“ lateinamerikanischer AutorInnen – zunehmend auch in englischer Sprache – dar, die als „Exil“-Literatur, „ethnische“ Literatur oder auch Literatur der „Diaspora“ unterschiedliche Perspektiven verraten und damit auch unterschiedliche Identitätsentwürfe präsentieren.

Fokus Lateinamerika Deutschland

Ein weiterer Teil des Bandes befasst sich mit der Geschichte der Migration am Beispiel der Wanderbewegungen zwischen Deutschland und Lateinamerika und umgekehrt. Dieser Fokus innerhalb des zentralen Schwerpunktes erklärt sich aus dem Entstehungsprozess des Buches. Seine Grundlage ist der im November 2003 von der Universität Freiburg im Breisgau und dem Institut Arnold-Bergstraesser organisierte gleichnamige Kongress der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung (ADLAF). An der interdisziplinären Tagung nahmen sowohl deutsche als auch lateinamerikanische WissenschaftlerInnen teil. Ähnlich wie schon dem Kongress selbst gelingt es dem vorliegenden Band politische und sozioökonomische Prozesse der Migrationsforschung mit den individuellen, nicht allein rational begründeten Entscheidungen in Einklang zu bringen. Auf diese Weise entsteht ein umfassendes Bild, das die Makro- und Mikroebene aus verschiedenen Perspektiven zeigt und das in seiner Komplexität so dichte und brisante Thema der Migration veranschaulicht.

Ingrid Wehr (Hrsg.): Un continente en movimiento: Migraciones en América Latina. In spanischer Sprache, Iberoamericana/Vervuert, Madrid/Frankfurt 2006, 450 Seiten, 36 Euro.

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