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“Wie schwer es ist, Gott zu sein”

Auf der Suche nach dem Schwert der Wahrheit

Die Kinder der betrogenen Sinnen auf Rache

Wie so oft in unserem Land muß man bis zu den Anfängen zurückgehen. Die Entstehung Perus und den Triumph der Eroberer könnte man unter anderem als Ergebnis ei­ner Manipulation der Kommunikation sehen. Bei der Begegnung von Cajamarca, die dieses Land 1532 entstehen ließ und besser als Hinterhalt von Cajamarca zu bezeichnen wäre, erscheint Pater Valverde mit einem Buch, der Bibel, in der Hand und sagt zu Atahualpa: “Dies ist das Wort Gottes”. Der Inka, des Lesens und Schreibens unkundig, hält sich das Buch ans Ohr, hört kein Wort, wirft die Bibel auf den Boden und “rechtfertigt” für die Spanier mit dieser Tat die Eroberung.
Vom ersten Augenblick an diente so die Beherrschung der spanischen Sprache, das Lesen und Schreiben als Instrument der Herrschaft. Es gibt eine Überlieferung von Ricardo Palma, über die Max Hernández berichtet: Ein Konquistador, der in Pachacá­mac Melonen anbaut, schickt einige reife Früchte als Geschenk an einen in Lima lebenden Freund. Den damit beauftragten Indios gibt er einen Brief mit und warnt sie davor, von den Melonen zu essen, der Brief würde sie verraten. Auf halbem Wege, versucht durch Hunger und den Duft der unbekannten Frucht, verstecken die Indios sorgfältig das Papier und essen einige Melonen im Vertrauen darauf, daß der Brief es ja nicht gesehen haben konnte. Die Überlieferung schließt mit dem Erstaunen dieser Indios über die Kraft des geschriebenen Wortes, als der Empfänger ihnen genau sagt, wieviele Melonen sie gegessen haben.
So entsteht eine Gesellschaft, die auf Betrug beruht, ermög­licht u.a. durch das Monopol derer, die die spanische Sprache in Wort und Schrift beherrschen. Seitdem schwanken die unterworfenen Völker zwischen Resignation und Rebellion, zwei extreme Pole, die in Wirklichkeit höchst ambivalent auftreten.
Die Resignation hat sogar in Mythen Eingang gefunden. Eine Variante des Inkarrí-Mythos sagt zum Beispiel, die “mistis”, die mestizischen Provinzeliten, seien ein Betrug der Schöpfung. Sie seien die letz­ten Söhne Gottes und bildeten sich viel darauf ein. Gott habe ihnen die Gabe gegeben, Spanisch zu sprechen, zu lesen und zu schreiben. Dadurch “können sie tun, wozu sie Lust haben”. Ihre Herrschaft ist also willkürlich, sie ist die totale Beherr­schung.

Mit Prometheus Spanisch lernen

Die andere Haltung ist die der Rebellion, die sich ihrerseits zwischen zwei gegensätzlichen Polen bewegt: dem Rückzug der Andenkultur auf sich selbst, also die Ablehnung des “Okzidents”, oder der Aneignung der Herrschaftsinstrumente der Sieger. Beide Elemente lassen sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Bewegung des Takiy Onqoy zu Beginn des 17. Jahrhunderts stellt ein Beispiel für den Rückzug dar. Aber mit der entgegengesetzten Haltung gibt es zum Beispiel Manco Inca II., der versucht, eine Kavallerie aufzustellen und im Kampf gegen die Spanier Feuerwaffen einzusetzen. Túpac Amaru II steht ebenfalls dieser Position näher, Túpac Katari, der ersteren. Der entscheidene Punkt ist, daß im 20. Jahrhundert die Form der Rebellion vorherrscht, die versucht, sich die Machtinstrumente der Herrschenden anzueignen, darunter auch ein Schlüsselinstrument: die Erziehung. Den “mistis” das Monopol ihrer Kenntnisse zu entreißen, kommt der Tat des Prometheus gleich, den Göttern das Feuer zu rauben. Hier und heute nimmt die Bevölkerung des Hochlandes denen, die sich wie Götter aufführten und so die totale Herrschaft ausübten, ihr Monopol auf die spanische Sprache.
Die Vehemenz, mit der die andine Bevölkerung im Laufe dieses Jahrhunderts die Eroberung der Bildung betreibt, ist außergewöhnlich. Nach Zahlen von CEPAL (1985) über die Reichweite des Bildungssektors, rückt Peru unter den lateinamerikanischen Ländern vom 14. Platz im Jahr 1960 auf den 4. Platz 1980 auf. In den nach Definition der UNO etwa 70 “Ländern mit mittlerem Entwicklungsstand” steigt der Prozentsatz der Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren mit höherer Schulbildung zwischen 1960 und 1980 von 17 auf 52 Prozent an, im gleichen Zeitraum steigt er in Peru von 19 auf 76 Prozent. Dieser Bildungsschub übertrifft nicht nur weit die Anstrengun­gen des Staates, sondern entwickelt sich zu einer Gegenströmung zur Rückzugstendenz des Staates, denn seit Mitte der 60er Jahre nehmen die Aufwendungen des Staates für den Bildungssektor relativ ab (Degregori 1989). Wir gehen also von der Hypothese aus, daß der Drang nach Bildung in der andinen Bevölkerung stärker ist als in den kreolischen Unterschichten.

Was zählt, ist die Wahrheit

Aber was sucht diese andine Bevölkerung in der Bildung? Sicherlich suchen sie praktische Instrumente für ihren Kampf gegen die “mistis” und die lokalen Machthaber und wollen sich einen Platz in der “nationalen Gesellschaft” verschaffen. Sie wollen lesen, schreiben und rechnen lernen. Aber darüberhinaus suchen sie die Wahrheit. Verschie­dene Zeugnisse, die gerade in Ayacucho, dem Ursprungsort des Leuchtenden Pfades, während einer für unser Thema sehr wichtigen Phase gesammelt wurden, können diese Behauptung untermauern. 1969 entstand in Ayacucho und Huanta eine bedeu­tende Bewegung, die die Wiedereinführung des kostenlosen Unter­richts forderte, der von der Regierung Velasco abgeschafft worden war. So waren die jungen Oberschüler der Auslöser, aber auf dem Höhepunkt der Bewegung nahmen Bauern die Stadt Huanta ein, und in Ayacucho fand ein massiver Aufstand der städtischen Unterschichten statt. Kurz darauf fragte Aracelio Castillo einen Bauernführer aus Huanta, wie er die Situation der Bauernschaft sehe. Dieser antwortete:

Klar, verglichen mit den Zusammenstößen in früheren Zeiten ist es heute schon etwas besser. Aber es ist Schulung nötig, jemand müßte eine Orientierung geben, Ausbildungskurse müßten stattfinden …., um zu sehen, wie wir am besten vorankommen und gegen den Betrug und die Entrechtung vorgehen können, sonst werden wir arm und ausgebeutet bleiben.”

Sich weiterbilden bedeutet also soviel wie “sich vom Betrug befreien”. Bildung bekommt damit einen systemsprengenden Charakter. Ein Führer aus einem Vorort von Ayacucho sagt Castillo kurz nach der Bewegung von 1969:
“Es hat Mobilisierungen gegeben, als sie unsere Universität San Cristóbal de Huamanga schließen wollten. Andere nennen die Universität einen Ort, an dem gute Christen verdorben werden… anstatt zu sagen, daß die Universität uns die Augen öffnet, daß wir dort etwas Neues, etwas Objektives lernen. Das gefällt ihnen nicht, es paßt den anderen absolut nicht, weil sie wollen, daß wir weiterhin betrogen werden…”
Diesem Betrug, der auf die Eroberung und Kolonialisierung zurückgeht, würde sich die “objektive Wahrheit” entgegenstellen, zu der man durch die Bildung gelangen kann. Als die Bewegung für den kostenfreien Unterricht in vollem Gange war, erschien in einem Kommuniqué der “Front zur Verteidigung des Volkes von Ayacucho” folgende Formulierung:
“Die Militärjunta hat den kostenlosen Unterricht abgeschafft, weil sie genau weiß, daß, wenn die Kinder der Arbeiter und Bauern ihre Augen öffnen, ihre Macht und ihr Reichtum gefährdet sind”
Die traditionelle Macht, die nicht nur auf dem Monopol der Produktionsmittel, sondern dazu auf dem Monopol des Wissens und dessen betrügerischem Gebrauch beruht, zerfällt in dem Maße, wie die Beherrschten beide Monopole brechen. Deswegen erscheint die Schulbildung als Überwindung des Betrugs und folglich als Aufstand und “Gefahr” für die Herrschenden.
Auch wenn der Kampf für den Unterricht auf sozialer Ebene offensichtlich demokratisierende Effekte hat, bringt er nicht notwendigerweise einen demokratisch qualitativen Fortschritt in allen politischen und kulturellen Bereichen mit sich. Wenn wir zum Beispiel auf die Äußerungen des Führers aus Huanta zurückkommen, sehen wir, daß die Landbevölkerung “Schulung benötigt”, daß von einem implizit Außenstehenden “Orientierung gegeben werden muß”. Die alte hierarchische Ordnung wird so auf die Beziehung Lehrer (Mestize/Städter) – Schüler (Bauer/Indio) übertragen. Die massive Vermittlung von Bildung läßt sich also durchführen, ohne substanziell die Vorstellung der traditionellen Gesellschaft aufzugeben. Das Resultat wäre keine befreiende, son­dern eine autoritäre Erziehung.

Wissen = Fortschritt = Tugend

Als Castillo denselben Bauernführer fragt: “welche Ziele würden Sie der bäuerlichen Bevölkerung von Huanta wünschen?”, wird die Komplexität der bäuerlichen Vorstellungen noch deutlicher:
“Das oberste Ziel ist der Fortschritt der Landbevölkerung. Das hieße eben, daß ihre Mitarbeiter oder besser gesagt ihre Führer eine Richtung vorgeben würden, um den Fortschritt zu erreichen, nach meiner Vorstellung, und dabei die Laster zu vermeiden, die die Bauern haben, die Laster wie Schnaps, Coca und Zigaretten, wenn es damit so weitergeht, werden wir nie ein besseres Leben erreichen.”
Die Assoziation von Unwissen und Laster hielten wir für ein Erbe der oligarchischen Ideologie, aber wir sehen, daß sie auch Teil der bäuerlichen Denkweise sein kann, wo sich das vehemente Fortschrittstreben mit der Forderung nach einer konservativen moralischen Ordnung (Ablehnung von Alkohol, Coca und Zigarretten) und Vorstellungen von der Notwendigkeit eines “Führers” vermischt, der sie zu den angestrebten Zielen führen möge. In welchem Maße liegt es an der Gesprächssituation mit dem Professor Castillo, daß der Bauer die Notwendigkeit einer Orientierung von außen betont? Wir wissen es nicht, aber in jedem Fall scheinen diese Wünsche sowohl durch die Angebote einiger protestantischer Gruppierungen als auch durch den Leuchtenden Pfad befriedigt werden zu können.
Fest steht, daß die logische Folge der Forderung nach einem Führer von außen die Entwicklung eines Caudillo-Lehrer-Modells ist, wie es von Sendero Luminoso repräsentiert wird. Nach diesen Äußerungen sind auch der moralisierende Charakter Senderos und seine Strafen für Ehebrecher und Trinker besser zu verstehen. Ebensowenig verwundert der Erfolg, den in den 70er Jahren die Marxismus-Handbücher, so z.B. von Politzer, Martha Harnecker und besonders von der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, an den Universitäten des Landes hatten. Denn es sind die Kinder der Betrogenen. – junge Leute andiner Herkunft aus den Provinzen -, die damals massenweise an die Universität gehen und dort auf den Marxismus-Leninismus in einer stark vereinfachten Version treffen, definiert als einzige “wissenschaftliche Wahrheit” und legitimiert durch die Bezugnahme auf die Klassiker (“Lehrer”) des Marxismus als Prinzip der Autorität. Diese Wissenschaft fordert eine neue, aber strikt hierarchische Ordnung, in der sie durch den Beitritt zur Partei und ihrer Wahrheit von der Basis bis zum Gipfel der sozialen Pyramide aufsteigen können (Dies betrifft auch die Pyramide des Wissens, handelt es sich doch um Studenten).

Neue Gottheit Wissenschaft

Wir könnten uns fragen, ob sich nicht in diesem so großen Bedürfnis nach Ordnung und Fortschritt in einem noch teilweise ständischen, traditionellen Kontext eine der Wurzeln der fast religiösen Wissenschaftsgläubigkeit bei Sendero Luminoso findet. Für Sendero ist “die Ideologie des Proletariats… wissenschaftlich, exakt und allmäch­tig” oder, wie es in offiziellen Dokumenten formuliert wird: “allmächtig, weil sie wahr ist”. Hier liegt eine der Wurzeln des Personenkultes und der religiösen Überhöhung des “pensamiento Gonzalo”, des Denkens des Vorsitzenden. Der Caudillo-Lehrer ist die fleischgewordene Bildung und damit Führer, Wahrheit und Tugend, weil nach Sendero die proletarische Ideologie, wie man sieht, quasi göttliche Züge trägt. Somit stehen wir einer neuen Gott­heit gegenüber, die fähig ist, diese alten Götter Wiracochas zu stürzen, die die Menschen jahrhundertelang der “totalen Herrschaft” unterworfen haben.
Wenn generell der Zugang zur Bildung bedeutet, den Betrug zu durchbrechen, suchen die Studenten an der Universität mit großem Einsatz noch mehr als die Wahrheit, nämlich Kohärenz. Warum?

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