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Willkommen in der Vorhölle des Selbstmord-Kapitalismus

So ein gemeinsam ausgehecktes Mordkomplott will erst einmal zünftig gefeiert werden, meint Gilberto, genannt Giba. Zum Beispiel mit einer „Anti-Stress“-Nummer in dem Puff, dessen stiller Teilhaber er ist. Schließlich beschließen er und sein Freund Ivan nicht jeden Tag, ihren langjährigen Kompagnon Estevão umzubringen. Gemeinsam betreiben die drei Studienfreunde ein Ingenieurbüro. Die Geschäfte laufen gut, doch in letzter Zeit gibt es gewisse Differenzen mit dem skrupulösen Estevão. Zunächst windet Ivan sich, sowohl was die Mordpläne als auch was den Bordellbesuch angeht. Aber dann… „Willkommen auf der verdorbenen Seite des Lebens“, klopft Giba seinem Komplizen auf die Schulter.
Um Estevão umzubringen, ist Giba ein Killer wärmstens empfohlen worden: Anisio. Tatsächlich erledigt dieser seine Mission mit maximalem Eifer. Er bringt nicht nur Estevão, sondern gleich noch dessen Frau um, weil die ihn bei seinem Überfall gesehen hat: „Archivo morto“ – „Totes Archiv“, erläutert er seine Taktik anschließend gegenüber Giba und Ivan. Die beiden sind entsetzt, als Anisio, statt diskret sein Geld zu kassieren, bei helllichtem Tage in ihrer Geschäftsstelle auftaucht. Doch schnell dämmert Ivan und Giba, was auf sie zukommt: Anisio, der unansehnliche Typ aus der Favela mit dem nervösen Flackern in den Augen, wittert die Chance seines Lebens. Er hat sich in den Kopf gesetzt, in ihr Unternehmen einzusteigen – zunächst als Securitymann. Und dann macht Anisio sich auch noch an die halbwüchsige Tochter des ermordeten Estevão heran. Was nicht weiter schwer ist. Denn das dümmliche Punkgirl Marina, das jetzt ganz alleine ein gigantisches Luxusdomizil bewohnt, steht auf alles, was Ekstase und Eskapaden verspricht: Drogencocktails, Gruppensex, Expeditionen durch die Favelas.
Willkommen in São Paulo, Metropole der Gewalt und der Heuchelei, des hungrigen Sex und der Auftragskiller, des Koks und des Crack, schreit uns der Film O invasor (Der Eindringling) gleich von der ersten Minute an entgegen. Die Gestalten, die Beto Brants düsteren Großstadtthriller bevölkern, sind einsame Raubtiere. Die einzigen Momente, wo so etwas wie ein vordergründiges Idyll entsteht, sind diejenigen, in denen Giba mit Frau und Tochter herumtollt. Giba ist ein Wolf im Schafspelz. Im Laufe des Films wird jedoch sowohl ihm als auch dem labilen Ivan die Genugtuung über ihren Coup vergehen. Denn je mehr Anisio in ihr Leben eindringt, desto mehr entgleitet ihnen die Kontrolle über den Lauf der Dinge, desto tiefer wird auch das Misstrauen gegeneinander.
Männerfreundschaften, die an Verrat zerbrechen, das war schon das Thema in Beto Brants letztem Film, dem Thriller Ação entre amigos (1998). Dort ging es um eine Gruppe ehemaliger Guerilleros, die sich plötzlich mit ihrer Vergangenheit konfrontiert sehen, weil einer von ihnen glaubt, einen Offizier aufgespürt zu haben, der sie während der Diktatur folterte. Ação entre amigos ist ein dichtes Gruppenpsychogramm, das den Fragen von Vergangenheitsbewältigung, Straflosigkeit und Selbstjustiz bis hin zu bitteren Konsequenzen nachgeht. Dagegen befinden wir uns bei O invasor von vornherein in einem Ambiente, dem Moral oder Skrupel fremd sind. Die Abwesenheit von Liebe und Loyalität findet sich dabei gleichermaßen in den Schickeriakreisen, in denen sich Giba und Ivan bewegen, als auch in der Welt der Marginalisierten. Anisio, der dürre Killer mit dem Blick eines hungrigen Frettchens, kommt ziemlich unappetitlich daher. Gleichzeitig wirkt er in seiner Gier nach sozialem Aufstieg, danach, wie er sagt „ein richtiges Leben zu führen“ menschlicher, als seine beiden Auftraggeber, die ihren Kompagnon aus purer Habgier wegbeißen.
Fahle Farben, grobkörnige Nachtaufnahmen und die derzeit so beliebte hektische Handkamera orchestrieren von der visuellen Seite das düstere Großstadtfresko von O invasor. Gleichzeitig ist in jeder Sequenz zu sehen, dass Beto Brant seine Regieinstrumente präzise einzusetzen weiß. Der Soundtrack ist ein dichtes, sorgfältig collagiertes Klanggebilde. Hardcore-Rock, Techno und immer wieder Rap hämmern sich in die Gehörgänge. In den Texten geht es um den „Alptraum der Realität“, um Crack und Erpressung, um das „Leben auf der Kippe“. Dies wirkt zu Beginn noch ganz cool und hip. Ein weiterer Thriller, der sich an der entfesselten Gewalt in den Großstädten aufgeilt, denkt man. Das stimmt teilweise auch. Doch irgendwann bleibt nicht nur den Protagonisten, sondern auch dem Publikum der Thrill im Halse stecken. Und während einer der Männer ganz alleine durch die nächtlichen Straßen um sein Leben rennt, tönt ein Rap im Hintergrund: „Die Sache wird explodieren, die Gesellschaft zerstört unser Leben, die Leute sterben ringsum, im selbstmörderischen Kapitalismus“.

O invasor; Regie: Beto Brant; Brasilien 2001; Farbe 97 Minuten. Der Film wird im Panorama der Berlinale (6. bis 17. Februar 2002) gezeigt.

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