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Wir „machen“ mehr als Nicaragua

Das Informationsbüro Nicaragua e.V. beschränkt sich weder auf Informationsvermittlung noch auf Nicaragua. Gleichwohl ist und bleibt Nicaragua unser zentrales Thema. Obwohl wir eine der ältesten in Deutschland existierenden Soli-Institutionen sind, halten wir uns nicht an die Spielregeln des entwicklungspolitischen Lobbying. Unser Bemühen gilt der Suche nach internationalistischen Aktions-, Ausdrucks- und Austauschformen jenseits der klassischen Entwicklungspolitik.
Das Informationsbüro Nicaragua wurde bereits 1978 mit dem Ziel gegründet, über die kulturelle, soziale, wirtschaftliche und politische Situation in dem mittelamerikanischen Land zu informieren, um die Befreiungsbewegung der FSLN gegen die Diktatur Somozas zu unterstützen. Nach der Revolution entstanden in der Bundesrepublik mehr als 300 Solidaritätskomitees und Aktionsgruppen. Im Informationsbüro Nicaragua liefen in den 80er Jahren die Fäden der Kommunikation zwischen den Gruppen hier und in Nicaragua zusammen, dem Büro wurde die Aufgabe übertragen, Aktionen und Kampagnen zu koordinieren.
In den 90er Jahren haben sich die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der Internationalismusarbeit entscheidend verändert. Mit dem Verlust der Regierungsmacht durch die FSLN und den gleichzeitig stattfindenden Umbrüchen in Europa hat sich die Solidaritätsbewegung mit Nicaragua weitgehend aus dem politischen Geschehen zurückgezogen. So ist unsere Koordinierungsfunktion auf ein relatives Minimum geschrumpft.
Unserem Selbstverständnis entsprechend wollen wir aber keine kleine, wenn auch kritische Nichtregierungsorganisation werden, die spezialisiert und professionalisiert arbeitet, und sich an die Stelle sozialer Bewegungen setzt. Als Korrektiv gegen eine fortschreitende „NGOisierung“ des Infobüros stehen neben dem permanenten Versuch, unsere Ansprüche und unser Handeln kritisch zu reflektieren, die Vernetzung mit alten und neuen Teilen der Bewegung auf lokaler, regionaler und bundesweiter Ebene und eine Ausweitung unserer inhaltlichen Arbeit.
Neuer Schwerpunkt ist dabei antirassistische Arbeit in Opposition zur herrschenden Asyl-, Flüchtlings- und Migrationspolitik. Deshalb unterstützen wir die Kampagne „kein mensch ist illegal“ und derzeit speziell eine Gruppe von KurdInnen im Wanderkirchenasyl in Wuppertal.
Inhaltlich beschäftigen wir uns in den letzten Jahren – neben der Berichterstattung über nicaraguanische Ereignisse – vor allem mit der kritischen Auseinandersetzung zu Fragen wie: herrschende Entwicklungsmodelle, dem Sinn, den Inhalten, der Form und der Umsetzung von Projektarbeit, dem Themenkomplex Organisationskritik, der Landfrage in Mittelamerika, d.h. den Auseinandersetzungen um Land und die Bedeutung von Landbesitz; der Bedeutung von Subsistenzproduktion, der Frauenpolitik in Nicaragua, der Straßenkinderproblematik; sowie mit den Themen Antirassismus und Migrationspolitik.
Lange Zeit wurde in der deutschen Solidaritäts-Landschaft darum gestritten, mit welchem internationalistischen Selbstverständnis Politik gemacht werden sollte. Die einen beriefen sich darauf, hier im „Herzen der Bestie“ Veränderungen herbeizuführen. Nur dadurch sei Ausbeutung und Unterdrückung in der sogenannten Dritten Welt zu beseitigen. Andere projizierten die eigenen Veränderungswünsche mitunter ausschließlich auf die Kämpfe in der sogenannten Dritten Welt. Wieder andere bestanden auf ihrem Hilfsanspruch, übersahen aber oftmals dabei, daß paternalistische Hilfe zu einem neuen Kolonialismus führen kann und lediglich die Funktion einer Entschuldigung besitzt. Wir versuchen, einen Mittelweg zu beschreiten und einen Begriff von Solidarität zu entwickeln und umzusetzen, der diese nicht als Einbahnstraße, sondern als einen Prozeß gegenseitigen Austauschs begreift.

Infobüro Nicaragua, Friedrich-Ebert-Straße 141b, 42117 Wuppertal,
Tel: 0202/ 300030

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