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„Wir werden unsere Territorien verteidigen”

Herr Karákras, aus welchen Gründen hat die CONAIE 2006 Rafael Correa als Präsidentschaftskandidaten unterstützt?
Zunächst muss man sagen, dass auch 2006 die Pachakutik, also der politische Arm der CONAIE, ihren eigenen Präsidentschaftskandidaten hatte, Luis Macas. Trotzdem hat sie später in der verfassunggebenden Versammlung viele Gesetze unterstützt, die von der Regierung Correa verabschiedet wurden. Darunter waren etwa die Frage um Plurinationalität und Interkulturalität, kollektive Rechte und indigene Justiz, oder die Absicht, indigene Sprachen als offizielle Amtssprachen einzuführen. Auch das Konzept des Buen Vivir, also die Rechte der Natur, haben wir unterstützt.

Warum hat sich die Position der CONAIE gegenüber der Regierung heute so stark verändert?
Als Präsident Correa wirklich an die Macht kam, hat er die genannten Versprechen meistens aufgeschoben, sie nicht umgesetzt. Es fehlte die politische Kohärenz. Statt die Rechte der Natur zu beachten, hat er sich der Ölförderung und großen Bergbauprojekten zugewandt. Auch die indigenen Sprachen wurden bisher nicht offiziell eingeführt, Spanisch bleibt die Amtssprache, was einer Monokulturalität gleichkommt. In unserem plurinationalen interkulturellen Staat sitzt kein einziger Afro-Ecuadorianer oder Indigener im Kabinett des Präsidenten. Der Dialog mit der Regierung hat sich immer mehr erschwert, die Interpretationen und Umsetzung der Konzepte wie etwa des Buen Vivir sind nicht abgestimmt. Es besteht eine große Dissonanz zwischen dem Verständnis dieses Konzepts in der Stadt und auf dem Land.

Worin zeigt sich das?
Laut offiziellen Angaben haben sich in den letzten fünf Jahren viele soziale Indikatoren bei der ärmeren Bevölkerung des Landes verbessert, zum Beispiel in der Wohnsituation, Gesundheit, Bildung, oder Zugang zu Elektrizität und besseren Straßen. Die Mehrheit der Ecuadorianer und Ecuadorianerinnen sieht das positiv, weil es Transport und Serviceleistungen allgemein verbessert.
Aber für die Menschen, die auf dem Land oder im Regenwald leben, bringen gerade diese Projekte gleichzeitig hohe Risiken mit sich. Durch bessere Transportmöglichkeiten ergibt sich eben auch leichterer Zugang für Bergbau und Ölförderung, außerdem werden Wälder abgeholzt. Das alles wird für jene Menschen gebraucht, die in der Stadt leben, da sie einen hohen Lebensstandard gewohnt sind. Aber für die ländliche Bevölkerung sind diese Projekte oft ohne Nutzen – die meisten haben ja nicht einmal ein Auto, um auf den neuen Straßen zu fahren.

Die Verfassung sieht bei solchen Bergbau- oder Ölförder-Vorhaben die vorherige Abstimmung mit der von den Projekten betroffenen indigenen Bevölkerung vor. Wie geht die Regierung damit um?
Dabei gibt es häufig Schwierigkeiten. Die Regierung denkt bei der Umsetzung der vorherigen freien und informierten Abstimmung meistens, dass es sich mehr darum handelt, über die Prozesse zur Verabschiedung von Gesetzen zu informieren. Das sind sehr komplexe Angelegenheiten, vor allem im Bereich der Ölförderung oder im Bergbau, wie in eigentlich jedem Entwicklungsprojekt. In vielen unserer Gemeinden fehlt uns schlichtweg die Kapazität und das Wissen, die ganzen Dokumente zu lesen und zu verstehen. Die Dokumente müssten in unseren Sprachen abgefasst sein und wir bräuchten genug Zeit, sie zu studieren, aber es kommt häufig vor, dass sie uns nur fünf Tage dafür geben. Abgesehen davon ist ein simples Informieren kein angemessenes Verfahren, keine eigentliche Konsultation.

Welche Vorteile verspricht die Regierung den Gemeinden durch die Projekte?
Manchmal sagt die Regierung uns finanzielle Beteiligungen aus den Projekten zu – im besten Fall versprechen sie uns 12 Prozent für die Gemeinden. Meistens kommt davon dann aber auch nichts bei uns an. Denn das Geld fließt in Konten, die für staatliche Entwicklungsprojekte angelegt wurden und bleibt somit in den staatlichen Strukturen hängen. Aber es würde auch nichts ändern, wenn sie uns das Geld gäben. Geld ist vergänglich, wir müssten wissen, wie man es nachhaltig anlegt. Es würde wieder verschwinden, aber dafür hätten wir unser grundlegendstes Vermögen verloren, das Land und Territorium und unsere natürlichen Ressourcen.

Was für ein politisches Gewicht hat die CONAIE? Wie kann sie die Rechte der indigenen Bevölkerung gegenüber den Interessen der Regierung verteidigen?
Im Moment sehe ich das als sehr schwierig an. Die CONAIE wird durch ihren politischen Arm, der Partei Pachakutik, vertreten. Aber zurzeit haben wir nur fünf Abgeordnete im Parlament, die Regierungspartei Alianza PAÍS hingegen hat 102. Das heißt, sie haben die ganze Macht des Staates auf sich vereint. Sie können Gesetze verabschieden und sogar die Verfassung ändern. Auf der politischen Ebene können wir also im Moment nicht viel bewegen.

Welche anderen Möglichkeiten haben Sie?
Wir werden trotzdem nicht aufgeben. Wir werden unsere Territorien und das Wasser verteidigen. Aber die Wasserversorgung zum Beispiel ist ein Thema, das alle Ecuadorianer und Ecuadorianerinnen etwas angeht, und eigentlich die ganze Welt. Das heißt, wir müssen uns mit anderen Akteuren auf zivilgesellschaftlicher Ebene verbünden und mit ihnen zusammenarbeiten. Und wenn wir protestieren müssen, werden wir eben protestieren. Selbst wenn sie uns verhaften, werden wir nicht aufhören, unsere von der Verfassung garantierten, legitimen Rechte einzufordern. Aber wir hoffen, dass das nicht eintritt und wir über den Dialog zu einer Lösung kommen, die allen gleiche Rechte garantiert und nicht nur einem privilegierten Teil der Bevölkerung.

Infokasten:

Ampam Karákras
Ampam Karákras ist Shuar. Aktuell ist er Berater der CONAIE, der nationalen Dachorganisation der indigenen Nationalitäten Ecuadors, und Mitglied im Consejo Ciudadano Nacional de SENPLADES, dem Bürgerrat, der dem ecuadorianischen Planungsministerium angeschlossen ist. In den vergangenen Jahren war er sowohl Mitglied der COICA (der amazonasweiten indigenen Dachorganisation) als auch Dialogpartner einiger staatlicher Strukturen Ecuadors und der internationalen Kooperation.
Die 1986 gegründete CONAIE versammelt die indigenen Völker aus dem Amazonas, der Küstenregion und der Gebirgsregion des Landes. Auf politischer Ebene ist sie mit der Partei Movimiento de Unidad Plurinacional Pachakutik – Nuevo País (MUPP-NP) verbündet, die die Interessen der indigenen Bevölkerung Ecuadors vertritt.

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