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Zurück zu den Wurzeln

Wie hat es die Leiharbeiter_innengewerkschaft Konföderation der Kupferarbeiter (CTC) geschafft, derart viele Mitglieder zu gewinnen, wo doch die Situation der Gewerkschaften so prekär ist?
Die Grundvoraussetzung dafür war, dass die CTC und ihre Kämpfe seit 2007 sichtbarer geworden sind. Dadurch konnte sie verschiedene Arbeitsbereiche innerhalb der Bergbauindustrie vereinen, nicht nur die Minenarbeiter, sondern auch die Arbeiter im Dienstleistungssektor – unter anderem aus dem Transportwesen, der Verwaltung, dem Hotelgewerbe und der Industriemontage. Das wurde durch eine starke Präsenz von Anführern der Gewerkschaft erreicht, was diesen eine große Glaubwürdigkeit verschafft hat.

Und auf welche Schwierigkeiten sind Sie gestoßen?
Natürlich bedeutet das nicht, dass es keine Spannungen gegeben hätte. Im Gegenteil, es gab viele Schwierigkeiten, weil die Arbeitgeber auch innerhalb der Gewerkschaften operieren. Unsere Organisation ist permanent der Bedrohung der Spaltung ausgesetzt.
Unsere Arbeit besteht darin, zu den Wurzeln des Syndikalismus zurückzukehren, der ein bildender Syndikalismus ist, der wie eine Schule sein soll. Wir versuchen das Bewusstsein der Arbeiter zu schärfen.
Wir dürfen unsere Organisation aber nicht idealisieren, denn wir sind eine Organisation im Aufbau. Und während sie konstruiert wird, dekonstruiert sie sich auch gleichzeitig. Es gibt Rückschläge und es gibt die Gefahr, dass uns die Industrie, deren Ziel es immer ist die Gewerkschaften zu zermalmen, mit ihren finanziellen Mittel vereinnahmt.
Es waren die konsequenten und glaubwürdigen Anführer und der neue Aufbau, die es möglich gemacht haben, dass diese Schwierigkeiten überstanden werden konnten.

Worauf beruht diese Glaubwürdigkeit? Generell sind doch die „Gewerkschaftsbosse“ nicht so gut angesehen.
Der große Erfolg der Militärdiktatur war, dass die Arbeiter nicht mehr daran glaubten, sich organisieren zu können. Ausgehend von dieser Situation und der ideologischen Unterwanderung, aber auch aufgrund schlechter Handlungen von den Gewerkschaften – das muss man zugeben – wurden die Gewerkschaften abgelehnt.
In unserem Fall hatten wir ein besondere Situation. 2007 konnten wir tausende Arbeiter mobilisieren und auf die Situation im sogenannten „Jaguar Lateinamerikas“ (einer chilenischen Bezeichnung des wirtschaftlichen Fortschritts, Anm. d. Red.) aufmerksam machen, wo tausende Arbeiter unter den Bedingungen der Leiharbeit, Ausbeutung und Diskriminierung leben mussten. Die CTC wurde zu einem Akteur, der es schaffte eine Realität zu interpretieren, die bis dahin niemand in Chile erkannte. Das hat dazu geführt, dass die Anführer der CTC zu verschiedensten Arbeiterschaften, Streiks et cetera in ganz Chile eingeladen wurden, um über unsere Erfahrungen zu berichten und dabei zu helfen, die Kämpfe von Anderen zu organisieren.
Und das war unser großer Erfolg, in Verbindung damit, dass wir eine neue Generation sind. Ich bin schon älter, aber meine Genossen sind 30, 25 oder 28 Jahre alt. Wir haben gezeigt, dass es möglich ist einen Klassensyndikalismus zu schaffen, haben Teile des neoliberalen Systems aufgedeckt und damit die Lebensrealität der Leiharbeiter sichtbar gemacht.

Wie sieht diese Realität der Leiharbeiter_innen aus? Was sind die Probleme mit denen sie zu kämpfen haben?
Es gibt einen Grundsatz, der nicht von uns kommt, sondern von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) festgelegt wurde: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.
Das grundlegende Drama ist, dass es eine große Diskriminierung von Leiharbeitern gibt. Ein Leiharbeiter verdient ein Fünftel oder ein Viertel von dem, was ein direkt bei der jeweiligen Firma angestellter Arbeiter verdient. Zusätzlich dazu kommt die Instabilität des Arbeitsplatzes und auch in den Camps an sich gibt es eine Ungleichbehandlung. Während die festangestellten Arbeiter unter Fünf-Sterne-Bedingungen lebten, wurden wir in Baracken untergebracht.
Diese Situation hat 2006, 2007 und 2008 zum Aufstand der Arbeiter geführt. 2007 führte es zu einem Abkommen, das diese Ungleichheiten ausgleichen sollte. Solche Abkommen sind natürlich immer schwierig, weil die Arbeitgeber so ein Abkommen natürlich in erster Linie unterschreiben, um den Arbeitskampf zu beenden. Uns zu organisieren war die einzige Möglichkeit, sie zur Umsetzung des Abkommens zu zwingen.

Gibt es keine rechtlichen Rahmenbedingungen, die die Arbeitgeber_innen dazu zwingen?
Im chilenischen Arbeitsgesetzbuch, das ein Erbe der Diktatur ist, ist die Vorherrschaft der Arbeitgeber massiv. In Chile kann man jemandem betriebsbedingt kündigen, aber zur selben Zeit neue Leute einstellen. Es gibt also eine faktische Macht der Arbeitgeber gegenüber Arbeitern, die sich gewerkschaftlich organisieren oder ihre Rechte einfordern.
Die Diktatur ist schon seit mehr als 20 Jahren vorbei, aber die Macht der Arbeitgeber ist immer noch unglaublich groß. Die Arbeitgeber sind zum Beispiel nicht dazu verpflichtet mit streikenden Arbeitern zu verhandeln. Sie können einfach die Streikenden ersetzen. Zum Beispiel gab es einen 60-tägigen Streik von 500 Arbeitern in einem Supermarkt. Und der Arbeitgeber konnte sich einfach zurücklehnen. Das führt dazu, dass die Gewerkschaften viel zu oft Niederlagen erleben.

Mit welchen Problemen haben die Gewerkschafter_innen zu kämpfen?
2010 haben die Arbeiter bei BHP Billingon (australisch-britischer Rohstoffkonzern, Anm. d. Red.) in Collahuasi gestreikt. Dann wurden Sicherheitskräfte und Spezialeinheiten entsandt, weil sie dem Streik anders nicht beikommen konnten und haben die Bewegung zerstört. Am Ende wurden dann 2.000 Arbeiter entlassen.
Das Problem dabei war, dass diese Aktionen nicht geplant waren und als wir ankamen um zu helfen, war die Sache schon gelaufen. Das passiert der CTC eigentlich nicht, wir planen unsere Aktionen und bauen Syndikalismus auf.
Es gibt dann auch noch das Problem der Schwarzen Listen. Das bedeutet, wenn jemand eine Führungsrolle bei einem Streik oder in der Gewerkschaft hat, bekommt er in der ganzen Industrie keinen Job mehr. Ich zum Beispiel verhandle mit den großen Arbeitgebern, aber eine Anstellung bekomme ich nicht. Das ist auch allen anderen Führungspersönlichkeiten der CTC passiert. Das trennt uns letztendlich von der Arbeiterschaft.

Gibt es Konflikte zwischen den Leiharbeiter_innen und den Arbeiter_innen, die fest angestellt sind?
Die gibt es. Im Grunde werden die festangestellten Arbeiter als eine privilegierte Klasse betrachtet. Im Prozess der Vertiefung des neoliberalen Modells werden sie dazu aufgefordert, in Rente zu gehen. 2014 werden in Chuquicamata (größte Kupfermine der Welt im Norden Chiles, Anm. d. Red.) 2.000 Arbeiter in den Ruhestand gehen. Das ist ein Abkommen zur Kostensenkung. Die Mine wird die selbe Anzahl an Arbeitern einstellen, allerdings zu wesentlich schlechteren Konditionen. Das hat die Gewerkschaft erlaubt und da gibt es nun Konflikte. Aber wir können da nicht intervenieren, unser Ziel ist es zu erreichen, dass diejenigen die keine Rechte haben, die selben Rechte bekommen, wie diejenigen, die fest angestellt sind.

Minen sind klassische Orte der Arbeiterbewegung, viele Menschen sind dauerhaft in einem bestimmten Raum. Wie ist die Situation in anderen Bereichen, wo die Mobilisierung und Organisation der Arbeiter_innen schwieriger ist?
Ein Beispiel: Im öffentlichen Nahverkehr bei Transantiago (ÖPNV-Gesellschaft in Santiago, Anm. d. Red.) gibt es über 450 Gewerkschaften, die es aber nicht schaffen sich zusammenzuschließen. Deswegen ist es nie gelungen den gesamten Nahverkehr gleichzeitig zu bestreiken, sondern immer nur einzelne Linien. Das liegt daran, dass ein großer Teil der Gewerkschaften kooptiert ist und bei den kämpferischsten Gewerkschaften die Anführer außer Gefecht gesetzt wurden.
Es gibt den Vorschlag eine automatische Gewerkschaftszugehörigkeit zu schaffen, aber wir sehen das eher als Bedrohung. Was ist, wenn man in einen Betrieb geht, es nur eine Gewerkschaft gibt, diese aber eine gelbe Gewerkschaft (von der Unternehmensführung gegründet, Anm. d. Red.) ist?
Einige aus dem neoliberalen Sektor innerhalb der Gewerkschaften – sie sind überall vertreten – wollen diese europäische Form von Gewerkschaft. Wir wollen das nicht, wir wollen Gewerkschaften, die die Arbeiter schützen, aber die wir selber aufbauen.

Haben Sie Hoffnungen in die Regierung Michelle Bachelets?
Ich denke nicht, dass Hoffnung das richtige Wort ist. Ich glaube eher, dass es Versprechen in Bezug auf den weiteren gewerkschaftlichen Zusammenschluß und das Recht auf Streik gegeben hat. Und diese Versprechen müssen eingehalten werden. Wenn das nicht passiert, dann werden wir auf die Straße gehen.
Ich habe für Michelle Bachelet gestimmt, aber das bedeutet kein Zugeständnis, sondern eine Taktik gegen die rechte Politik. Die Rechte war jetzt vier Jahre an der Macht und es gab viele Widersprüche und viele Möglichkeiten zu kämpfen, aber es gab keine Fortschritte. Die wenigen Errungenschaften, die die Arbeiter hatten, wurden weiter abgebaut und es gab wenig Kapazitäten um darauf zu reagieren.
Ich denke, dass mit der neuen Regierung die Arbeitgeber nicht mehr nur das machen können, was sie wollen und es die Möglichkeit gibt, dass wir die Rechte bekommen, die wir einfordern. Aber die einzige Möglichkeit Veränderungen zu erreichen ist, wenn wir Arbeiter mehr Arbeiter und noch mehr Arbeiter organisieren und Einigkeit zwischen den verschiedenen Sektoren erreichen.

Infokasten:

Cristián Cuevas Zambrano
Cristián Cuevas Zambrano (44) war von der Gründung 2007 bis 2013 Präsident der Leiharbeiter_innengewerkschaft Konföderation der Kupferarbeiter_innen (CTC). Er trat zurück, um einerseits neuen Genoss_innen Platz zu machen, andererseits da er für die Kommunistische Partei bei den Wahlen als Abgeordneter kandidierte.
Den Sprung ins Parlament schaffte er allerdings nicht. Im Moment ist er verantwortlich für die internationalen Verbindungen der Gewerkschaft.

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