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Zwei Jahre Pilotprogramm für Amazonien

Wie sieht die erstmalig (!I erfolgte Integration von “Betroffenen” (Indios, KautschukzapferInnen, UmweltschützerInnen) in ein multinationales Entwicklungskonzept in der Praxis aus? Wie brauchbar für die Region Amazonien ist der scheinbar progressive Ansatz tatsächlich? Welche Probleme ergeben sich bei der Umsetzung? Wie verhalten sich ökologische und soziale NGOs, Indios, KautschukzapferInnen, Kleinbauern und -bäuerinnen, Gewerkschaften? Welche Chancen eröffnen sich für die brasilianische “Zivilgesellschaft”? -Über all diese Fragen schreibt Thomas W. Fatheuer in einer verhalten optimistisch gehaltenen Publikation “Hoffnung für den Regenwald?” umfassend und detailliert. Ausgehend von einem kurzen Abriß über die bisherige “Entwicklung” Amazoniens stellt er zunächst die Vorgeschichte, sowie die Ziele und Strukturen des Pilotprogramms dar. Das anschließende Kapitel über die sogenannten “Demonstrationsprojekte” und die Beteiligung der NGOs ist leider etwas trocken und formalistisch geraten, speziell die Vielzahl der durch Abkürzungen vertrete-nen Gruppen, Arbeitskreise und Kommissionen erfordert einige Mühe beim Lesen. Dafür entschädigt das anschließende zentrale Kapitel, in dem eine kritische Bilanz von zwei Jahren Pilotprogramm gezogen wird. Dazu bezieht sich Fatheuer auf ein Seminar der brasilianischen NGOs, das im Februar dieses Jahres in Belém stattfand und auf dem die verschiedenen Organisationen der zivilen Gesellschaft zusammen gekommen sind, um ihrerseits eine Einschätzung des Pilotprogramms vorzunehmen und gemeinsame künftige Vorgehensweisen zu diskutieren. Obwohl die Einschätzungen sehr unterschiedlich waren, gab es jedoch weder totale Zustimmung noch völlige Ablehnung des Pilotprogramms.
Laut Fatheuer haben sich sieben zentrale Kritikpunkte in der Diskussion heraus-kristallisiert:

* -Das Pilotprogramm sieht Arnazonien praktisch ausschließlich als Wald und reduziert damit einen komplexen sozialen Raum auf eine seiner Hauptkomponenten.
* -Das Pilotprogramm privilegiert die traditionellen ‘Völker des Waldes” (Indios, Kautschukzapfer) und vernachlässigt damit andere Teile der Bevölkerung (Kleinbauern, städtische Bevölkerung).
* -Es besteht für die beteiligten Gruppen die Gefahr einer zu großen Fixierung auf das Pilotprojekt.
* -Das Programm ist ohne Beziehung zu nationalen Entwicklungspolitiken, d.h. ohne Landwirtschafts-oder Energiekomponente.
* -Das Pilotprogramm ignoriert die durch das internationale Wirtschaftssystem auferlegten Zwänge (z.B. Strukturanpassungsprogramme des IWF)
* -Eine qualifizierte Beteiligung der Zivilgesellschaft an den strukturellen Programmen ist bisher nicht gewährleistet; diese findet lediglich in den Randbereichen (Demonstrationsprojekte)statt.
* -Es herrscht Unklarheit über die institutionelle Form der Beteiligung (Auswahl der VertreterInnen, Umfang des Mandats) der NGOs am Pilotprogramm.

Es wird klar, daß die idealisierte Sicht Amazoniens als großer Wald mit wenigen “guten” Indios und KuautschukzapferInnen zum Haupthindernis eines umfassenden partizipativen Entwicklungsmodells wird. Bei der Diskussion des Pilotprogramms darf allerdings nicht vergessen werden, daß der überwiegende Teil der strategischen Projekte (Straßenbau, landwirtschaftliche Großprojekte, Stau-dämme und Kraftwerke, Bergbau) im Rahmen der nationalen Entwicklungspolitik für Amazonien durchgeführt werden -ohne die partizipativen Ansätze des Pilotprogramms. Für diese auf vier Jahre angelegte Entwicklungsprojekte seien 11,6 Mrd. Dollar angesetzt, also ein Vielfaches des Volumens des internationalen Pilotprojekts für Amazonien, wurde auf dem Seminar in Belém herausgestellt. Das relativiert die Bedeutung des Pilotprojekts innerhalb des nationalen Rahmens.
Im abschließenden Kapitel, “Wer zerstört, wer rettet Amazonien?, nimmt Fatheuer noch einmal die Frage auf, wessen Wald Amazonien ist bzw. wessen Entwicklung das Pilotprogramm dienen soll. “Das Problem [aber] ist, daß Städte und Landwirtschaft in der Diskussion einer Lösung für den Regenwald/Amazonien überhaupt nicht auftauchen”, schreibt er und liefert im Anschluß einige, speziell für die internationale Diskussion wichtige Klarstellungen über die soziale Realität Amazoniens.
Die Stärke der Darstellung des Pilotprogramms der G-7 und der Amazonien-Problematik liegt speziell in der Tatsache, daß Fatheuer zum einen kenntnisreich die Diskussionen innerhalb der brasilianischen NGOs nachzeichnet, er aber andererseits als Außenstehender die Entwicklung des Pilotprogramms mit einer gewissen Distanz kritisch analysiert. So ist das Buch von einem “insider” geschrieben (Fatheuer arbeitet für den ded bei der brasilianischen Nichtregierungsorganisation FASE), aber ausgezeichnet für ein europäisches Publikum aufbereitet. Die ausführliche Aufschlüsselung der einzelnen Instrumente für die Umsetzung des Pilotprogramms, sowie die Betrachtung der jeweils damit verbundenen Implikationen für die soziale und ökologische Bewegung machen die Broschüre darüberhinaus interessant für andere Regionen, die ebenfalls multinationalen westlichen Entwicklungsprogrammen ausgesetzt sind, wie zum Beispiel Osteuropa.

Thomas W. Fatheuer: “Hoffnung für den Regenwald? Das Pilotprojekt der G-7 und Ansätze für eine neue Politik in Amazonien”‘, FASE, Rio de Janeiro 1993.

-Die Broschüre (70 Seiten) ist für 5,-DM in bar, gegen Scheck oder Briefmarken bei den LATEINAMERIKA NACHRICHTEN, Im Mehringhof, Gneisenaustr. 2, D-10961 Berlin zu bestellen.

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