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Zwei wenig grüne Dollar-Jahre

Dollarisierung bedeutet Krise. Anfang 2000 verabschiedete sich der Sucre mit einer fast 100-prozentigen Inflation als Währung von den internationalen Finanzmärkten. Die folgende Wirtschaftskrise riss Ecuador in die Armut. Damals sah sich die Regierung gezwungen, unter der Regie des Internationalen Währungsfonds IWF den US-Dollar als Landeswährung einzuführen. Die sofort eintretende Folge waren deutliche Preiserhöhungen bei allen Konsumprodukten vom einfachen Brot bis zum Treibstoff. Massenproteste, Krawalle und schließlich ein Umsturzversuch von Indigenas und Teilen des Militärs kostete den damaligen Präsidenten Jamil Mahuad sein Amt (siehe LN 308). Nachfolger Gustavo Noboa konnte gleichfalls nur noch auf denselben Zug aufspringen und die Einführung des Dollars allenfalls mit sanfteren Methoden umsetzen. Das hatte seinen Preis: Mit Kreditaufnahmen und Subventionshilfen musste der Staat die geringer ausgefallenen Preissteigerungen auffangen, um der sozialen Schieflage und weiteren Protesten entgegenzusteuern. So gingen zwei Jahre Dollarzirkulation mit Neuverschuldung, einer neurotischen Suche nach Investoren und einem steigenden Handelsdefizit einher.

Wachsende Schulden

Laut ecuadorianischer Zentralbank hatten sich Ende 2001 Auslandsschulden in Höhe von 14 Milliarden Dollar aufgetürmt. Ein Schuldenmoratorium gegenüber ausländischen Gläubigern hatte 1999 die ecuadorianische Kreditwürdigkeit international ruiniert, nachdem man Kredite nicht mehr zurückzahlen konnte. Die jetzt vorgelegten Zahlen zeigen, dass bisher ein Abbau der Schulden trotz Wirtschaftswachstums alles andere als realisierbar war. Zwar konnte für das Jahr 2000 ein Aufschwung von 2,3 und für das letzte Jahr 5,4 Prozent verzeichnet werden. Jedoch kompensierte man damit bisher nur die Rezession von 1999, die bei 7,3 Prozent lag.
Viele WirtschaftsexpertInnen sprechen wie der Präsident nach wie vor von einem positiven Effekt der Dollarisierung. Besonders Exporteure profitieren, da sie sich durch den festen Dollar nicht mehr mit schwankenden Kursen herumschlagen müssen und somit verlässlichere Berechnungen durchführen können. Zudem biete der Dollar einen Anreiz für ausländische InvestorInnen. Tatsächlich haben sich Investitionen im letzten Trimester 2001 mit 355 Millionen US-Dollar zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt.

Schieflage in der Handelsbilanz

Andere BeobachterInnen sehen jedoch in der wirtschaftlichen Entwicklung eine tickende Zeitbombe. So habe sich die Schieflage zwischen Import und Export weiter vergrößert. Mit der Einführung des Dollar verteuerten sich ecuadorianische Produkte, was den Absatz dramatisch einbrechen ließ. „Ein Hemd aus kolumbianischer Produktion kostet 12 US-Dollar, ein ecuadorianisches mittlerweile 40“, stellte die Wirtschaftszeitschrift Gestión heraus. So sei der Exportumfang im Jahre 2000 ohne Ölwirtschaft um knapp 17 Prozent gefallen, im letzten Jahr insgesamt um acht Prozent. Dagegen haben Importe in den letzten 24 Monaten stark zugenommen – im Jahr 2000 um 62 Prozent und 2001 um 45 Prozent.
Nur die Einnahmen aus der verstärkten Erdölförderung und seinen hohen letztjährigen Erlösen konnten diese wirtschaftliche Schieflage etwas mildern, genauso wie die in den letzten Jahren immer wichtigeren Überweisungen ecuadorianischer EmigrantInnen aus dem Ausland. Im Jahre 2001 verzeichnete das Land eine Geldeinführung durch Überweisungen von 1,4 Milliarden (sic!) US-Dollar – mehr als die Einnahmen aus dem Export von Bananen, Krabben, Kaffee und Kakao zusammen. Trotzdem musste das Land für das Jahr 2001 erstmals seit zehn Jahren ein Handelsdefizit von über 100 Millionen US-Dollar in Kauf nehmen.

Risiko Devisenknappheit

Hinzu kommt die weiterhin bei 22 Prozent liegende Inflation, die höchste des Kontinents, die nur durch ein größeres Güterangebot oder staatliche Subventionen bekämpft werden kann. Denn das Mittel der Geldpolitik hat Quito mit der Dollareinführung an die US-Notenbank abgegeben, die wohl kaum auf die Bedürfnisse der SüdamerikanerInnen eingehen wird. Die Folgen sind weitere Verarmung in der Bevölkerung, da die Lohnsteigerungen nicht annähernd der Inflationsrate und somit den Preissteigerungen entsprechen. Bereits jetzt haben viele EcuadorianerInnen Schwierigkeiten, ihre Mieten zu zahlen. Zwar hat sich die offizielle Arbeitslosenrate bei zehn Prozent eingependelt. Doch laut der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik Cepal ist die Hälfte der EcuadorianerInnen nur noch in Teilzeit beschäftigt oder verdient sich seine wenigen Dollar beispielsweise im Verkauf von Werkzeugen oder Schokolade auf der Straße. „Die Konsumpreise steigen weitaus schneller als in den anderen lateinamerikanischen Ländern. Den EcuadorianerInnen geht langsam das Geld aus“, konstatiert Cepal.
Deshalb sind auch die Dollarisierungsverfechter einhellig der Meinung, dass in absehbarer Zeit das Risiko einer Devisenknappheit anstehen könnte. Die Regierung lanciert deshalb eine Finanzreform im Kongress, die öffentliche Ausgaben stärker kontrollieren soll, um Mittel zur Bildung eines Stabilitätsfonds für zukünftige Krisen zur Verfügung zu haben. Diese verspricht man sich aus erhöhten Einnahmen aus Erdölfeldern, welche die Regierung im Eiltempo anbohren lässt.

Proteste unerwünscht

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist nach wie vor die unzufriedene Bevölkerung. Das Ansehen Noboas lag Anfang des Jahres bei einem Rekordtief von 20 Prozent, nachdem er die Benzinpreise weiter erhöhen musste. Darauf folgende gewalttätige Proteste von StudentInnen haben bei Ökonomen Unsicherheit verbreitet. Was man jetzt am allerwenigsten brauche, so die Wirtschaftsmacher, sei politische Instabilität. Diese könnte das aufgebaute internationale Vertrauen und die davon abhängende wirtschaftliche Erholung wieder zunichte machen. In den letzten fünf Jahren regierten fünf verschiedene Präsidenten das Land. Der Politologe César Montúfar sieht das größte Risiko tatsächlich in einer anstehenden Periode von Regionalwahlen, die 2003 in die Präsidentschaftswahlen münden. Linke und Indigena-Parteien könnten dann Wahlerfolge einfahren, die unsoziale Gesetzeserlasse zum Wohle der Dollar-Wirtschaft blockieren könnten.
Ein anderer Wirtschaftsexperte einer ecuadorianischen Zeitung prophezeite dem Land eher wegen der fehlerhaften Wirtschaftsstrategie des Präsidenten Krisen voraus, die das Land dasselbe Schicksal wie Argentinien erleiden lassen könnten. Mit einem unfinanzierbaren Haushalt, der sich „Dank eines starken Dollars ausschließlich auf ausländische Investitionen konzentriert“, seien kaum schnelle Exportsteigerungen zu erwarten. So seien die jetzigen Wirtschaftsdaten ein „Spiegelbild der argentinischen Wirtschaft Anfang der neunziger Jahre”, als man den Peso eins zu eins an den Dollar koppelte.
Eine IWF-Delegation will Ende Januar mit der ecuadorianischen Regierung ihre Wirtschaftsstrategie beraten. Der ständige Repräsentant des IWF in Ecuador, Jeffrey Franks, sieht zwar noch keine Tango-Krise auf Quito zukommen, jedoch seien „Strukturreformen nötig“. Er sehe keine akuten Probleme für die kommenden zwei Jahre, doch danach könnten „einige Risiken“ auftreten. Zunächst soll die größte Bank Ecuadors, Filanbanco, aufgelöst werden. Sie musste bereits im Juli letzten Jahres wegen Liquiditätsschwierigkeiten ihre Türen schließen. Geplant ist ein weiterer 300 Millionen Dollar-Kredit des IWF, um die wirtschaftliche Schieflage aufzufangen. Als positiv hob Franks hervor, dass das Land erstmals seit 15 Jahren die Vereinbarungen mit dem IWF erfüllt habe. Das hat man nun davon.

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