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ZWISCHENHALT PRIMAVERA

Hin zu einer kollektiven Lösung: Beratungen über eine gemeinsame Strategie (Foto: Max Baum)

Reviktimisierung ist ein grausames Wort. Es ist der technische Ausdruck dafür, wenn Menschen, die Opfer von Gewalt wurden, ein weiteres Mal zu Gewaltopfern gemacht werden. Es ist auch das, was Martín Emilio Berrío beschreibt, während er an der Holzfassade des Gemeindehauses lehnt und auf die grünen Hügel des Aburrá-Tals schaut: „Du bist nichts wert für die Gesellschaft, weil du nichts hast. Die Türen bleiben dir versperrt. Du bist ein Niemand, weil du der Vertriebene bist“ sagt Don Martín frustriert im Anblick der Gefahr, ein weiteres Mal in seinem Leben vertrieben zu werden. Dann erzählt er von seiner ersten Vertreibung aus seinem Heimatdorf Anorí im kolumbianischen Bundesstaat Antioquia. Im Jahr 2000 verübten Paramilitärs dort ein Massaker, bei dem sie in einer Nacht acht Menschen umbrachten. „Sie töteten um zu töten. Um den Terror zu säen. Sie konnten machen was sie wollten“. Er flüchtete, um sein Leben zu retten.

Viele Menschen in La Primavera, Don Martíns neuer Heimat, haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Flucht trieb sie in die Nähe der Millionenstadt Medellín. Im Norden der Metropole, bei Barbosa, ließen sich vor 40 Jahren die ersten Vertriebenen links und rechts der Eisenbahnschienen nieder, da hier der Boden eben war. Damals fuhr noch die berüchtigte Eisenbahn Antioquias.

Nun werden die Schienen schon lange nicht mehr befahren, vielmehr dienen sie der Gemeinde als eine Art Hauptstraße, auf der Bewohner*innen zu Fuß oder auf dem Motorrad unterwegs sind. Hochspannungsnetze überqueren die Siedlung. Im Boden befindet sich die Pipeline von Ecopetrol und ein Leitungsnetz von Transmetano. Direkt darüber stehen die Häuser. Das mögliche Austreten von Brennstoffen und Propangas stellen ein permanentes Risiko dar. Die Schienen prägen die Struktur der Siedlung. Sie ist sehr lang und schmal. Auf der einen Seite wird sie durch den Río Medellín begrenzt, der bei starkem Regen nicht selten ein paar Häuser unter Wasser setzt, und auf der anderen Seite durch eine Schnellstraße.

Unter widrigen Bedingungen entstand eine neue Gemeinschaft, eine neue Heimat für Vertriebene. Nun sind es nicht mehr in erster Linie die Paramilitärs, die sie bedrohen, sondern die moderne Stadtentwicklungspolitik. Das weckt Erinnerungen bei Don Martín: „Die Vertreibung bedeutet den Tod aller sozialen Beziehungen, die man in seinem Leben aufgebaut hat. Der Vertriebene ist eine Person ohne Kurs. Er hat keinen Ort wo er ankommen kann. Er weiß nicht, wo er leben soll. Er lebt, aber er hat keine Wurzeln mehr“.

Dass die Schienen wieder in Betrieb genommen werden sollen, erfuhren die Bewohner*innen von La Primavera aus dem Fernsehen. Die Regierung Antioquias plant einen Nahverkehrszug, der das alte Schienennetz möglichst effektiv nutzen soll. Diesmal ist eine Sperrzone von mindestens 10 Metern auf jeder Seite geplant. La Primavera müsste weg. Bereits 2020 soll mit der Konstruktion des Projekts begonnen werden.

Die Bewohner*innen aus La Primavera kämpfen derzeit mit der Unsicherheit, nicht zu wissen, was passieren wird. Die Angst, übergangen zu werden, ist groß. Ein Problem: Ihre Siedlung ist formal nicht anerkannt, also illegalisiert. Damit sind sie von vielen legalen Richtlinien für die Umsiedlung und Konsultation von Betroffenen ausgeschlossen.

So berücksichtigt der für die Stadtplanung grundlegende Basisplan zur Flächenregelung (PBOT) keine informellen Siedlungen. Trotzdem hätte der Bürgermeister von Barbosa, Edison García Restrepo, die Möglichkeit, Gelder für die Bereitstellung von Wohnungen zu mobilisieren und so eine kollektive Umsiedlung zu realisieren. Dafür gibt es nationale Geldtöpfe wie „VIVA Empresa de Vivienda de Antioquia“. Allerdings müsste dies auf Initiative des Bürgermeisters geschehen, doch der reagierte nicht auf die Forderungen aus La Primavera. Vor einigen Wochen wurde García Restrepo festgenommen. Man wirft ihm unter anderem illegale Bereicherung und Auftragsvergabe vor.

Die Menschen in La Primavera wissen, dass sie sich auf keine politische Unterstützung verlassen können. 40 Jahre lang hat die Regierung zugeschaut, wie sie sich selbst ein neues Zuhause aufgebaut haben. Sie hat sie gewähren lassen ohne sich einzumischen. Auch jetzt hören die Menschen nichts von den politisch Verantwortlichen.

„Der Vertriebene ist eine Person ohne Kurs. Er hat keinen Ort wo er ankommen kann. Er lebt, aber er hat keine Wurzeln mehr“

Stattdessen berichten Menschen aus Gemeinden, die ebenfalls von Infrastrukturprojekten bedroht waren, von ihren Erfahrungen. An diesem Tag ist Nini Johana Sáez Espinosa aus dem Viertel Nuevo Jerusalem aus Bello, einem weiteren Vorort von Medellín, zur Gemeindeversammlung in La Primavera gekommen. Sie erzählt, wie sie hochschwanger im Morgengrauen des 12. Januars 2017 aus ihrem Haus vertrieben wurde. Ein mobiler Aufstandsbekämpfungstrupp der Polizei (ESMAD) schoss mit Tränengas und Gummigeschossen auf die Bewohner*innen, die ihr Zuhause nicht verlassen wollten und riss die Häuser der 185 Familien nieder. Nach der Vertreibung boten ihnen die Verantwortlichen der Stadtverwaltungen Bellos und Medellíns zum Ausgleich die Bezahlung von drei Monatsmieten an: Die typische Entschädigung, die „informellen“ Bewohner*innen Medellíns und Bellos nach einer Räumung angeboten wird. Nini und ihre Gemeinde erreichten durch kollektive Kämpfe auf dem Papier deutlich bessere Bedingungen. Dennoch wurden nicht alle Vereinbarungen erfüllt. Eine finale Lösung der Wohnungsfrage ist noch heute nicht in Sicht. Die LN berichteten zuletzt von einem ähnlichen Fall im Viertel El Oasis (LN 521).

Eine weitere Strategie der Institutionen ist die sogenannte „compra de mejoras“. Da die Grundstücke der Bewohner*innen formell nicht in ihrem Besitz sind, entschädigen sie jeden individuell und zahlen den vermeintlichen Wert des Hauses. Menschen, die ihr Haus aus Holz und Plastik konstruiert haben, erhalten eine dementsprechend niedrige Entschädigung. Diese reicht kaum aus, um auf dem formellen Wohnungsmarkt eine Wohnung zu bezahlen. Gegen Ende der Gemeindeversammlung betont Nini noch einmal: „Das Wichtigste in diesem Prozess ist die Einheit der Gemeinschaft und der Zugang zu Informationen.“

In der Gemeindeversammlung ist man sich darüber bewusst, dass eine kollektive Lösung das Beste wäre. Eine junge Mutter sagt: „Wenn die Gemeinschaft nicht zusammenhält, dann wird es gar nichts geben“. Sie wissen, dass es dem zukünftigen Konzessionär des Nahverkehrszugs wesentlich leichter fallen würde, wenn dieser die Familien einzeln herauskaufen könnte. Sie kennen die gängigen Strategien und ihre Konsequenzen. Vor allem aber wissen sie, was eine Vertreibung impliziert. 111 der 160 Familien sind sogenannte „Vertriebene“ und werden daher in den meisten Fällen von staatlicher Seite als „Opfer“ des bewaffneten Konflikts anerkannt.

„Wenn die Gemeinschaft nicht zusammenhält, dann wird es gar nichts geben“

Der kolumbianische Staat verpflichtete sich im Rahmen der Friedensverhandlungen mit der FARC-EP, die Opfer des bewaffneten Konflikts zu entschädigen und die „Nicht-Wiederholung“ der Vertreibung und anderer viktimisierender Umstände zu garantieren. Im Juni 2018 erhielt die Gemeinschaft die enttäuschende Nachricht, dass Maßnahmen zur Entschädigung primär den vulnerabelsten „Opfern“, wie den über 74-Jährigen, zu Gute kommen würden. Dieser Schock zerstörte die Hoffnungen auf eine gerechte Entschädigung und produzierte damit abermals das Gefühl ignoriert zu werden.

In der Gemeinschaft organisiert man sich um die Rechte der „Vertriebenen“ und der „Opfer“ zu schützen und durchzusetzen. Die Asociación de Víctimas y Desplazados Los Meandros Nuevo Amanecer gründete sich im Jahr 2013. 90 Familien aus La Primavera sind Mitglieder der Organisation. Insbesondere die Frauen der Gemeinde engagieren sich. Auf einer Versammlung werden verschiedene Strategien besprochen, um das Recht auf Wohnen zu verteidigen. Eine etwas ältere Frau schlägt vor, einen großen Marsch mit Betroffenen von Megaprojekten aus der Metropolregion zu organisieren. Die Idee wird von den Kolleg*innen kopfnickend und aufmunternd entgegengenommen. Der bekannte Fall des indigenen Dorfes Tamaquito (LN 492) im Norden Kolumbiens wird zum Gesprächsthema. In Tamaquito haben es die Menschen geschafft, die Räumung ihres Dorfes kollektiv zu verhandeln – ein Vorbild für die Organisation. Eine junge Frau ergreift das Wort und sagt: „Wir müssen unser Problem öffentlich machen, dann wird die Regierung handeln müssen“.

Gefahr für das Megaprojekt lauert derweil auch von anderer Seite. Die finanziellen Turbulenzen des teils staatlichen Unternehmens EPM mit ihrem Projekt Hidroituango verzögern auch die Konstruktion des Nahverkehrszugs. Die Regierung Antioquias verhandelt nun mit der kanadischen Regierung über eine mögliche Finanzierung, um die entstandenen Lücken zu schließen.

Es besteht Hoffnung für die Bewohner*innen von La Primavera, die ihre Gemeinde schätzen. Die Beziehungen zu den Nachbar*innen, die Möglichkeit, etwas Gemüse anzubauen und der ländliche Charakter. Geruhsamkeit, die man trotz all der Probleme wieder für sich finden konnte, die nun jedoch erneut gefährdet wird. Was fehlt, und da sind sich alle einig, ist das Gefühl sich wirklich niederlassen zu können. An einem Ort, der vor Hochwasser und technologischen Bedrohungen geschützt ist. Denn sonst bleibt alles provisorisch und man lebt, ohne Wurzeln schlagen zu können. Doña Laura*, die Präsidentin der Vereinigung ist der Meinung, dass sie ein Territorium brauchen, das sie auch wirklich besitzen: „Uns fehlt das Grundlegende. Wir sollten Eigentümer*innen unserer Grundstücke sein. Wir bräuchten ein gemeinsames Territorium frei von lebensbe­drohlichen Gefahren. Wenn wir diese Sicherheit hätten, dann könnten wir unseren Frieden finden“.

*Name geändert

 

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