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Zwölf Tage Arbeitslager

Zwölf Tage lang habe ich in einer Fabrik in der freien Produktionszone Las Mercedes in Managua gearbeitet. Obwohl mein Aufenthalt nur kurz war, im Vergleich zu dem von tausenden Männern und Frauen, hatte ich eine ebenso einmalige wie strapaziöse Gelegenheit, diese für Nicaragua charakteristische „Welt” kennen zu lernen.
Von Montag bis Mittwoch herrscht größtes Gedränge vor den Toren zur Produktionszone. Es sind viele, die Arbeit suchen, doch nur wenige haben das Glück ausgewählt zu werden. Ich wurde mit dreißig anderen angenommen. Obwohl ich eine Empfehlung hatte und mir sicher war, eine Stelle zu erhalten, steckte mich die allgemeine Nervosität an. Wir begaben uns vor die Fabrikhalle. Alles war dort eingezäunt und mit Stacheldraht abgesichert.
Um 7.05 Uhr befanden sich alle ArbeiterInnen auf ihren Posten und die Fabriktore wurden geschlossen. Wir mussten fünf Reihen bilden und wurden von einer jungen Frau instruiert, die in einer Art zu uns sprach, die an die Durchsagen auf einem Flughafen erinnerte. Sie war ständig in Bewegung, wiederholte sich permanent und wich jedem Blickkontakt aus.Sie informierte uns über die Arbeitszeit und ermahnte uns, pünktlich zu sein und immer unsere Karte abzustempeln: „Wenn die Stempelkarte verloren geht, ist das nicht das Problem des Unternehmens, sondern des/r Arbeiters/in. Wenn ihr arbeitet und nicht stempelt, wird der Arbeitstag nicht bezahlt. Stempelkarten werden nicht ersetzt. Mehrmals forderte sie, dass wir dem nicaraguanischen und dem taiwanesischen Aufseher absoluten Respekt zu zollen hätten.
In einer Reihe ging es dann unter den kritischen Blicken der anderen ArbeiterInnen in die Fabrik. Im zweiten Stock wurden wir in einen Raum mit alten Maschinen und Ventilatoren geführt, Schnittmuster und Übungsanleitungen zur Evaluation unserer Geschicklichkeit an der Wand. In leierndem Tonfall erzählte uns die Aufseherin nochmal dasselbe, was sie uns vor einigen Minuten schon gesagt hatte.
Untereinander sprachen die Verantwortlichen in normaler Lautstärke, uns dagegen schrien sie nur an und gaben uns so zu verstehen, dass wir ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren.

Erste Eindrücke

Doña Fidelina, die Personalchefin, ließ nach mir rufen und fragte mich nach meinem Sozialversicherungsausweis. „Ich habe keinen, da ich noch nie gearbeitet habe.“ „Da haben wir ein Problem“, sagte sie und erklärte dann: „Die einzige Möglichkeit besteht darin, deine Anstellung der Sozialversicherung nicht mitzuteilen mit der Verpflichtung deinerseits, dies niemandem zu erzählen und in der Fabrik und auf dem Weg hierhin vorsichtig zu sein. Denn falls dir was passiert, wird die Firma keinerlei Verantwortung tragen.“
Ich sollte in der Verpackungsabteilung arbeiten, der am wenigsten gefährlichen, laut Doña Fidelina. Ich unterschrieb meinen Arbeitsvertrag nach dem ich monatlich 960 Córdobas (rund 80 Euro) verdienen würde, plus Überstunden, zahlbar jeden 15. und 30. des Monats. Insgesamt wurden 28 der 34 BewerberInnen aus meiner Gruppe eingestellt. Es waren die jüngsten, die, die noch am wenigsten Erfahrung hatten. Die Mehrheit in meiner Abteilung war zwischen 17 und 18, die Älteste 25 und seit sechs oder sieben Jahren in der Fabrik. Fast alle müssen für ihre Familien aufkommen. Frauen, die mit 22 Jahren bereits drei oder vier Kinder haben sind keine Seltenheit.
Nun wurden wir an den jeweiligen Arbeitsstellen abgeliefert. Wir sechs der Packungsabteilung durchliefen die ganze Fabrik. Wir wurden Leoncio, dem nicaraguanischen Aufseher, vorgestellt, der uns erneut die Normen und Gebote herunterleierte. Für ihn war das Wichtigste, dass wir damit einverstanden wären, länger zu arbeiten. „In der Verpackungsabteilung arbeiten wir bis 19.15 Uhr (statt 17.15 Uhr) und manchmal auch länger. Das sind zwei Überstunden pro Tag, Samstag und Sonntagsarbeit werden auch wie Überstunden bezahlt.“
Laut Arbeitsgesetz sind maximal neun Überstunden pro Woche zulässig – in einer Woche haben wir 36 Überstunden angesammelt. Das Arbeitsministerium kennt die Verhältnisse und Gesetzesübertretungen in der Fabrik. Anstatt die Rechte der ArbeiterInnen zu garantieren, hat sich das Ministerium zum Verbündeten der Arbeitgeber gemacht. „Die Busfahrt vom Ministerium zurück in die Fabrik dauert länger als die Benachrichtigung vom Ministerium an die Arbeitgeber. Wenn Du dort hinfährst, erwarten sie Dich hinterher mit der Kündigung in der Hand.”

Zwischen Chlorbleiche und Wasserdampf

Nach dem Mittagessen schickten sie uns in die Wäscherei. Wir mussten die angezeichneten schmutzigen Stellen der zurückgewiesenen Hemden waschen. Die weißen Hemden wurden mit Chlor und Aceton gebleicht. Nach zwei Tagen waren die Hände rissig und Pilze hatten sich um die Nägel eingenistet. Die Hitze neben den Dampfmaschinen und der Lärm waren für die 28 Frauen unerträglich. Wir wurden nach Produktion bezahlt und mussten täglich mindestens 700 Hemden waschen, um den Bonus zu erhalten. Hat man eine bestimmte Zahl gewaschen, wird die Nummer von einer Aufseherin notiert. Ein anscheinend gerechter Mechanismus, nur wird die Zahl abgerundet, falls die Aufseherin aus irgendeinem Grund schlecht auf einen zu sprechen ist, was nicht nur bei mir eindeutig der Fall war. Wenn es regnete, wurden wir klitschnass, da das Dach der Wäscherei nicht gedeckt war und so der Regen in Strömen eindrang.
Die Arbeitszeitvorgabe ist von 7.00 bis 17.15 Uhr, zusätzliche Arbeitszeit wird je nach Auftragslage der KundInnen aus dem Norden verlangt. Wir arbeiteten von 7 bis 19 Uhr in der Wäscherei und anschließend bis 22 Uhr in der Verpackung.
Diese Fünfzehnstundentage verschleißen den Körper der ArbeiterInnen im Nu. Nur insgesamt 40 Minuten werden für das Mittag- und Abendessen eingeräumt. Gegen Abend werden die Schmerzen immer schlimmer, die Klagen lauter. Der Kopf schmerzt und die aufgedunsenen Füße tragen kaum mehr den eigenen Körper. Es gab ArbeiterInnen die um ein Uhr morgens nach Hause kamen und um vier oder fünf Uhr wieder aufstanden. Um dies zu ertragen nehmen viele Schmerzmittel und Amphetamine.
In der Fabrik gibt es drei Gruppen: die Aufseher, darunter taiwanesische und nicaraguanische, und die ArbeiterInnen, unterteilt in alteingesessene und neu hinzugekommene. Konflikte entstehen hauptsächlich um Arbeitsangelegenheiten, oft aber auch wegen Liebesgeschichten. Viele Frauen beginnen in der Fabrik eine Beziehung und werden kurz darauf schwanger. Das Verhältnis zwischen den neuen und den alten Angestellten ist schwierig: die Ankömmlinge versuchen, sich einen Platz zu erkämpfen und die Alteingesessenen wollen ihren nicht abgeben.
Während der ersten Tage erklären einem die ArbeiterInnen die Aufgaben solange der Aufseher hinschaut. Dreht er einem aber den Rücken zu, wird man am Rand stehen gelassen. Will man etwas tun, sagen sie einem, man solle sich raushalten, um Fehler und somit Sanktionen zu vermeiden. Da man nichts tun kann, steht man blöd rum. Dann aber beginnen sie einem Angst zu machen: „Es ist nicht ratsam untätig rumzustehen, wenn der Aufseher dich so sieht wird er dich ganz schnell rauswerfen.“ Nicht alles was sie einem sagen ist wahr, aber die Angst schleicht sich ein.

Das WC als Zufluchtsort

Die häufigen Zurechtweisungen haben unterschiedlichste Gründe: Arbeitsrückstand, zu spät kommen, sich vom Arbeitsplatz entfernen, mit einer Kollegin reden. Man wird angeschrien, damit es auch alle hören und Respekt und Furcht empfinden. Oft geht es bei den Ermahnungen nicht um eine Verbesserung der Arbeitsleistung sondern um Beleidigung und Erniedrigung der ArbeiterInnen.
Als letzter Rückzugsort bleibt oft nur die Toilette. Hier wird gegessen, geraucht oder auch nur eine Minute ausgeruht. Es ist ein kleines Asyl vor den allmächtigen AufseherInnen, trotz katastrophaler hygienischer Bedingungen. Rund um die Kloschüsseln, deren ursprüngliche Farbe unter einer dicken Schicht kaum mehr zu erkennen ist, türmen sich Klopapier, Binden und Stofffetzen. Der Ort ist feucht und scheint seit Jahren nicht mehr gestrichen worden zu sein, die Wände sind bekritzelt.
Einmal sah ich eine Frau bei der Toilettenreinigung. „Wer weiß, wer zu Besuch kommt“, meinte eine Arbeiterin dazu. Noch am selben Tag besuchte Gilberto Wong, Verantwortlicher für die freien Produktionszonen der Regierung die Fabrik, von den Fabrikbesitzern eifrig hofiert.
Eine Arbeiterin, die mit mir in der Verpackungsabteilung begann, wollte angesichts der Belastung nach einigen Tagen ihre Kündigung in der Personalabteilung vorlegen. Eine dortige Angestellte riet ihr, noch einige Tage auszuhalten, denn die Personalchefin suche eine Assistentin mit Bildungsniveau und sie war die Kandidatin.
Am kommenden Tag tauchte diese Frau nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz auf und wir gingen davon aus, dass sie gekündigt hatte. Erst am Mittag sahen wir sie mit der Firmenelite an dem für diese reservierten Tisch sitzen. Wir grüßten sie erfreut, sie jedoch lief nur mit eine trockenen ´Hallo´ an uns vorbei. „So schnell ist es ihr in den Kopf gestiegen“, kommentierten die Umstehenden.
Kurz danach konnte ich mir ihr sprechen: „Sie haben mir verboten mit euch Kontakt zu halten und mir eingebläut, dass ich nun etwas Besseres sei.“
Am frühen Abend ist die Morgenfrische aus den Gesichtern verschwunden, der Glanz in den Augen erloschen und die Gemüter vom Stress und den Auseinandersetzungen erhitzt. Viele hadern mit ihrem Schicksal. Andere träumen von solch einfachen wie unmöglichen Dingen wie: „nach Hause kommen, die Mahlzeit warm auf dem Tisch vorfinden und ein gemachtes Bett mit sauberen Decken.“ Andere haben höhere Ziele: „Könnte ich doch an die Universität und studieren.“

Maquilas als Sackgasse

Tatsächlich kommen viele in die Maquila mit der Idee aufzusteigen, aber dies ist unmöglich. Laut Eigenwerbung der Firma können die Leute mit einfacher Arbeit gutes Geld verdienen. Doch bald wird die Jagd nach Überstunden zwecks höheren Lohns zur Sucht. Danach, Jahre danach, verstehen viele, dass der Aufstieg unmöglich ist und düstere Routine und ein verschlissener Körper das Einzige sind, was bleibt.
Viele müssen um vier Uhr aufstehen, um Frühstück für sich und die Familie zu machen und nicht selten das Essen für den ganzen Tag vorzubereiten. Zwischen neun und zehn Uhr beginnt der Hunger im Magen zu bohren, aber es wird ohne Pause bis zum Mittagessen um zwölf Uhr durch gearbeitet. Um dies durchzustehen, nehmen die Leute Süßigkeiten mit. Sowohl der Konsum, als auch der Vertrieb erfordern Vorsicht und Geschick. Wird man erwischt, ist man seinen Job los.
Die AufseherInnen bestrafen den Handel, obwohl sie selbst darin verwickelt sind. Unser Aufseher verkaufte zum Beispiel Pflaster und eine Pomade gegen Kopfweh. So ist Handel in der Fabrik eine wichtige Form zwischenmenschlicher Beziehungen. Heimlich werden Kekse, Süßigkeiten, Schmuck, Kaugummis, Schmerztabletten oder auch Pflaster verkauft. Dieser Handel ist inoffiziell, da es eigentlich verboten ist, jedwede Artikel in die Fabrik mitzunehmen oder während der Arbeitszeit an den Kiosks zu kaufen.

Abtasten nach Feierabend

Um die Fabrik zu verlassen, muss nicht nur die Karte abgestempelt, sondern auch die Körperkontrolle passiert werden. Ein Wachmann tastet die Männer ab, eine Angestellte und eine Taiwanesin die Frauen. Am ersten Tag verließ ich die Fabrik um 17.15 Uhr, stempelte ab und lief in der Schlange weiter. Eine Taiwanesin, die mir allenfalls bis zur Schulter reichte, durchsuchte uns. Ausführlich tastete sie zwischen meinen Beinen herum. Ich fühlte Ekel und hatte den starken Drang, sie zu schlagen und loszuschreien.
Auch wenn die Durchsuchung für die ArbeiterInnen zur Routine gehört, konnte ich mich während meiner zwölf Arbeitstage daran nicht gewöhnen. Sobald ich die Glocke hörte begann mein Magen beim Gedanken an diese Prozedur zu schmerzen. Wirklich notwendig war die Abtasterei nicht, wie sollte ich auch unter meinen engen Jeans ein langärmliges Hemd verstecken können?
Die Kontrollen sind Teil eines Managementstils, der auf Erniedrigung aufbaut. Diese müssen Tausende NicaraguanerInnen in den mittlerweile über vierzig Weltmarktfabriken, die als Motor für den Fortschritt und die Entwicklung des Landes angepriesen werden, täglich durchstehen.

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