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Alles nur eine Familienangelegenheit

Für einige FSLN-Kader war die Sache sofort klar: Nachdem im vergangenen Jahr mehrere Versuche, ihn zu ermorden, mißlungen waren, soll er nun mit einer Verschwörung zu Fall gebracht werden. Wie immer in solchen Fällen habe auch die CIA die Finger im Spiel. Die Rede ist von Daniel Ortega, nicaraguanischer Ex-Präsident und seit bald zwei Jahrzehnten an der Spitze der Sandinistischen Front der Nationalen Befreiung. Vor dem im Mai stattfindenden FSLN-Parteitag solle seine moralische Integrität zerstört und so seine Wiederwahl verhindert werden. Nutznießer der Demontage des charismatischen Führers der wichtigsten Oppositionspartei sei die rechte Regierung von Präsident Arnoldo Alemán. Schuld an allem habe Zoilamérica Narváez.
Ihr Vergehen: In einem offenen Brief hatte sie Anfang März schwere Vorwürfe gegen ihren Stiefvater Daniel Ortega erhoben: „Seit meinem elften Lebensjahr wurde ich, immer wieder und viele Jahre lang, sexuell mißbraucht durch jemanden, der trotz seiner Eigenschaft als Familienvater seine Macht mißbraucht und in mir (damals noch ein Kind) Ängste und Unsicherheiten gesät hat.“
Hatte es in den ersten Tagen noch so ausgesehen, als ob der Mißbrauchs-Vorwurf das Ende seiner politischen Karriere bedeuten könnte, muß sich Ortega mittlerweile keine Sorgen mehr machen, daß die Partei ihm die nötige Unterstützung verweigern könnte. Wer sich mit Zoilamérica Narváez solidarisierte, wurde seiner Ämter enthoben – wie der Vize-Chef der Departementsleitung von Managua, Henri Petri, oder William Rodríguez von der Sandinistischen Jugend. Die FSLN-Führung rief zugleich zur Geschlossenheit und zur Solidarität mit Ortega und seiner Familie auf. Die Vorwürfe seien rein politischer Natur, schließlich gehöre Narvaéz zu einer Gruppe innerhalb der FSLN, welche die Abwahl Ortegas betreibe. Bereits nach einer Woche erklärte Partei-Sprecher Silvio Mora den Fall für die FSLN für abgeschlossen.
Unterstützung erhielt Ortega auch von der Rechten. Virgilio Godoy, einer der schärfsten Widersacher des FSLN-Chefs und Anfang der 90er Jahre Vizepräsident Nicaraguas, sprach von „kaltblütiger Rache“ und charakterisierte Narváez als „krankhaft“, während Präsident Arnoldo Alemán die Abgeordneten seiner Partei anwies, gegen die Aufhebung von Ortegas Immunität zu stimmen, falls es zu einer formalen Anklage gegen ihn kommen sollte. Zahlreiche andere Männer (und auch einige Frauen), gleich ob politische Gegner oder Parteigänger Ortegas, sehen im Mißbrauchsvorwurf eine Familienangelegenheit, die auch innerhalb der Familie gelöst werden müsse.
Hier liegt – neben dem Skandal, daß augenscheinlich einmal mehr das Opfer zur Schuldigen gemacht wird – das eigentliche Problem: Durch die parteiübergreifende Männersolidarität mit Ortega soll eine gesellschaftliche Diskussion über das Problem des sexuellen Mißbrauchs verhindert werden. Abgesehen vom reaktionären Gesellschaftsbild, das die Position verrät, ein so schweres Verbrechen zur Privatangelegenheit zu erklären, haben viele ein persönliches Interesse, eine Auseinandersetzung über dieses Thema zu verhindern – schließlich ist Ortega längst nicht der Einzige, der etwas zu verbergen hat: Nach einer Studie, die im vorigen Jahr in León erstellt wurde, ist jede vierte Frau und jeder fünfte Mann in Kindheit und/oder Jugend sexuell mißbraucht worden – in der Familie.
Zumindest das Bündnis „Frauen gegen Gewalt“, dem über 170 Organisationen angehören, hat sich eindeutig hinter Zoilamérica Narváez gestellt. Ein Hoffnungsschimmer ist auch, daß sich zwischenzeitlich eine „Männergruppe gegen Gewalt“ zu Wort gemeldet und mit dem Opfer solidarisiert hat. Bleibt zu hoffen, daß diese Gruppen nicht mundtot gemacht werden. Einige derer, die Narváez unterstützen, haben nämlich bereits Drohungen erhalten – so zum Beispiel die Feministin und FSLN-Abgeordnete im Zentralamerikanischen Parlament, Xhantis Suárez, die Ortega aufgefordert hatte, auf den Parteivorsitz zu verzichten. Auch ihr Parteiausschluß wird mittlerweile betrieben – von einer Gruppe sandinistischer Frauen.

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