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Editorial Ausgabe 231/232 – September/Oktober 1993

Ich bin zwar gegen die Drei-Monats-Spritze, aber wenn ich sehe, wie die arme Landbevölkerung in Nicaragua die Wälder abholzt, weiß ich, daß etwas passieren muß.” -“Bevölkerungspolitik lehne ich prinzipiell ab. Niemand außer den Frauen selbst hat das Recht, über ihre Gebärfähigkeit zu entscheiden.” -“Okay, wir sind gegen staatliche Bevölkerungspolitik. Gleichzeitig fordern wir aber auch Sexualaufklärung, kostenlose Verhütung, die Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch und so weiter -kurz gesagt -tja, wie soll ich es ausdrücken? Familienplanung? ” -“Familienplanung?
Den Begriff finde ich reaktionär. Bloß fällt mir auch keine bessere Bezeichnung ein. ”
Bevölkerungspolitik -ein alter Hut aus der Mottenkiste feministischer Diskussionen? -Weit gefehlt: Als wir das Thema in der Redaktion ansprachen, wurde deutlich, da ß offenbar nach wie vor erheblicher Diskussionsbedarf besteht. Wenn jahrelang unausgesprochen ein Minimalkonsens vorausgesetzt wird, kann sich plötzlich herausstellen, da$ noch nicht einmal die Begrifflichkeiten klar definiert sind.
Bevölkerungspolitik -auch in den Massenmedien ein Thema. Es wird allerdings zumeist weniger zum Anlaß genommen, sich kritisch mit der weltweiten Ressourcenverteilung auseinanderzusetzen. Im Gegenteil: Bis ins linke Spektrum hinein finden sich Schuldzuweisungen gegenüber den Menschen der sogenannten Dritten Welt, die mit ihrem angeblich ungehemmten und verantwortungslosen Vermehrungsdrang nicht nur das eigene Elend zementieren, sondern auch den weltweiten ökologischen Kollaps beschleunigen sollen. Im Zentrum sowohl von rassistischer Polemik als auch von paternalistischen Rettungsversuchen stehen -wie sollte es auch anders sein -die Frauen der armen Länder. Das Stereotyp: die unter-drückte Analphabetin, früh geschwängert, unaufgeklärt und unmündig, das Opfer schlechthin.
Natürlich steht außer Frage, daß viele Frauen -sowohl in den nördlichen als auch den südlichen Ländern -ungewollt schwanger wer-den und, ganz gleich, wie sie sich entscheiden, ein Recht auf institutionelle Unterstützung, Beratung und Geburtenplanung haben. Die Frage ist nur, in welcher Form dies passiert: mittels von oben geplanter und an ökonomischem Kalkül orientierter Bevölkerungspolitik, oder durch Beratungsangebote, die Aufklärung und das Selbst-bestimmungsrecht von Frauen in den Fordergrund stellen.
Für uns war es in diesem Schwerpunkt-Heft besonders wichtig , lateinamerikanische Frauen nicht a s Objekte eurofeministischer Fürsorge zu behandeln, sondern mit ihren Positionen selbst zu Wort kommen zu lassen.
Einen guten Einstieg in das Thema gibt der Artikel von Ana Maria Portugal aus der Zeitschrift “fempress”, der den aktuellen Stand der Debatte innerhalb der lateinamerikanischen Frauenbewegung umreißt. Die Brasilianerin Fátima Vianna Mello geht anhand der Situation in ihrem Land auf den Zusammenhang zwischen sozialer Ungerechtigkeit, neoliberaler Wirtschaftspolitik und Tendenzen der Bevölkerungspolitik der Neunziger Jahre ein. Beiträge über bevölkerungspolitische Projekte in Lateinamerika sind in diesem Heft nicht zu finden, da diese bereits ausführlich an anderer Stelle existieren (siehe Literaturliste).
Dagegen war es uns wichtig, Stimmen zu Wort kommen zu lassen, die sich dem Thema auf einer grundsätzlicheren Ebene nähern. Teresita de Barbieri aus Mexico reflektiert über heutige Konzepte, die Kindererziehung nicht zu individualisieren, sondern als gesellschaftliche Herausforderung zu betrachten. Ein Leckerbissen ist die philosophisch-linguistische Polemik der Brasilianerin Ana Gomes do Reis, die sich mit dem Begriff “reproduktive Rechte” und den fatalen Folgen von dualen Denkweisen auseinandersetzt.
Nun zur Debatte hier in Europa: Um Geschichte und ideologischen Hintergrund verständlicher zu machen, faßt Simone Bröschke die Positionen von Robert Malthus aus dem letzten Jahr-hundert zusammen, auf den sich fatalerweise heute noch immer -oder schon wieder -viele Befürworterlnnen von Bevölkerungspolitik beziehen. Des weiteren erläutert sie anhand eines Glossars die wichtigsten Begriffe der Debatte.
Daß die Öffentliche Diskussion im Laufe der Jahre nicht differenzierter geworden, sondern nach wie vor durch Hetzpropaganda dumpfester Couleur bestimmt ist, zeigt Bettina Bremme anhand eines Artikels zur “Bevölkerungsbombe”, der kürzlich in einem Spiegel-Sonderheft erschienen ist.
Die Tatsache, daß -siehe Diskussion in unserer Redaktion -auch viele Ökologlnnen, Linke und Ferninistlnnen zunehmend dem “diskreten Charme der Bevölkerungspolitik” erliegen, nimmt Susanne Schultz kritisch unter die Lupe.
Die weltweite Entwicklung der Bevölkerung wird weiterhin ein Thema internationaler Politik bleiben -und sei es auch nur, um von den tatsächlichen ökonomischen Ungerechtigkeiten, von der Konsumwut des Nordens und der Verelendung des Südens abzulenken. Nach der UNCED-Konferenz der Vereinten Nationen letztes Jahr in Rio de Janeiro steht uns 1994 erneut ein weltweites “Wir -sitzen-alle-in-einem-Boot”-Spektakel ins Haus: Die nächste Weltbevölkerungskonferenz in Kairo. Erstmals sind hierzu -wie auch schon bei dem UNCED-Gipfel -Nichtregierungsorganisationen als Zaungäste zugelassen. Während vor Jahren noch unter Frauengruppen Einigkeit bestand, derartige Veranstaltungen zu ignorieren, gibt es mittlerweile Gruppen, die die Konferenz zumindest als Möglichkeit ansehen, politischen Druck auszuüben. Die Diskussionen dazu sind gerade angelaufen. Stoff genug für weitere Beiträge zum Thema in den “Lateinamerika Nachrichten” -mañana.

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