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Powells Liste

Seit dem 7. Oktober schlägt das Imperium zurück. Mehr als zwei Monate lang legten die USA einen Bombenteppich über weite Teile Afghanistans. Wie viele Menschen dabei getötet wurden, bleibt vorerst unbekannt. Die Taliban sprechen von zehntausend Opfern, und die UNICEF schätzt, dass während des Winters hunderttausend Kinder verhungern werden.

Kollateralschäden für die USA, so scheint es. Notwendige Übel auf dem langen Weg zu einer Welt ohne Terror. Die Taliban-Hochburg Kandahar war noch nicht gefallen, da wurde schon der Irak als nächstes Etappenziel angepeilt. Dort werden vermutlich Massenvernichtungswaffen hergestellt. Letzte Beweise dafür fehlen. Doch die US-Regierung schert es nicht, dass der Irak internationale Inspektionen akzeptieren will, wenn die gegen ihn verhängten Sanktionen aufgehoben werden. Sanktionen, an deren Folgen nach Angaben des ehemaligen UN-Irak-Beauftragten für humanitäre Fragen, Hans von Sponeck, bis Ende 2000 eine halbe Million Kinder gestorben sind.

Wer sich neben dem Irak im Fadenkreuz der USA befindet, geht aus einer Liste des State Departments hervor. Darauf steht schwarz auf weiß, welche Organisationen die USA als terroristisch einstufen. Die Hälfte, von Jihad, Hamas und der PFLP über die PKK bis hin zur Abu Sayyaf, stammen aus islamischen Ländern. Aufgeführt sind auch Staaten, die der Unterstützung des Terrorismus verdächtig sind, früher Schurkenstaaten geheißen.

Nicht auf der Liste Colin Powells stehen jene Länder, die sich im Kampf gegen den Terrorismus bereits Verdienste erworben haben. Dazu zählt die Türkei, die seit Jahren kurdische Dörfer bombardiert, in denen sich „Terroristen“ der PKK versteckt halten. Oder Russland, das ganze Städte im „terroristischen“ Tschetschenien von der Landkarte radiert hat. Der UsbekenGeneral Abdul Rashid Dostum fehlt ebenfalls auf der Liste. Seine Truppen stürzten 1992 die sowjetfreundliche Regierung Najibullah. Nebenbei vergewaltigten sie in Kabul systematisch Frauen und hinterließen Zehntausende von Leichen. Nun durfte Dostum den USA abermals zur Seite stehen: Binnen 24 Stunden nachdem seine Truppen die strategisch wichtige Stadt Masar i Sharif einnahmen, waren laut CNN um die 600 EinwohnerInnen massakriert.

In Lateinamerika sind die USA nicht minder wachsam als in der Welt des Islam: Die FARC, die ELN und die MRTA stehen auf der gleichen Terrorliste wie Al Qaida. Ebenfalls dabei ist der Sendero Luminoso, und nachträglich wurde noch die paramilitärische Mörderbande AUC aus Kolumbien hinzugefügt. Die gilt indes als weniger gefährlich, weil ihre Aktivitäten sich nicht gegen die USA richten. Das wiederum kann man von Kuba nicht sagen, das auf der Liste steht, weil es beschuldigt wird, Mitgliedern der ETA Unterschlupf zu gewähren. Dass die Ausreise von ETA-Mitgliedern nach Kuba auf einer Übereinkunft mit der spanischen Regierung beruht, spielt keine Rolle.

Es ist offensichtlich, wie sehr die Machtinteressen der USA bestimmen, wer auf die Liste aus Washington kommt und wer nicht. Die Konsequenzen können gerade auch für die Zivilbevölkerung lebensgefährlich sein. Zum Beispiel in Kolumbien, wo die USA mit ihrem „Plan Colombia“auf die Eskalation des Krieges statt auf Verhandlungen mit der Guerilla setzen.

In den 80er Jahren hätten sicherlich auch die FMLN, die guatemaltekische URNG und das sandinistische Nicaragua auf der Terrorliste gestanden. Aber nicht die salvadorianischen Todeschwadronen, das Guatemala des Massenmörders Rios Montt oder die von Honduras aus gegen die SandinistInnen operierende Contra, die allesamt von den USA gefördert wurden. Um El Salvador geht es im Schwerpunkt dieser Ausgabe. Denn genau vor zehn Jahren, im Januar 1992, trat dort ein Friedensabkommen in Kraft. Der Schlusspunkt eines Bürgerkrieges, in dem 80.000 SalvadorianerInnen starben. Nicht zuletzt, weil die gemeinsam mit den Todesschwadronen operierende Armee von den USA bis an die Zähne bewaffnet wurde. Ob 80er Jahre oder heute: Die USA sollten sich selbst auf ihre Liste setzen.

PS: Diese Ausgabe der Lateinamerika Nachrichten ist eine Gemeinschaftsproduktion mit dem Ökumenischen Büro für Frieden und Gerechtigkeit aus München.

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