
Das Literaturfestival „Barrio“ hat dieses Jahr aufgrund fehlender finanzieller Förderung zwar in etwas reduziertem Umfang stattgefunden, dennoch konnte es dank der vielen Freiwilligen auf die Beine gestellt werden. „Das Interesse für lateinamerikanischen Autorinnen wurde früher wenig gesehen, aber wir wollten damit etwas machen“, so Timo Berger. Knapp 30 Veranstaltungen waren Teil des Festivals, das zwischen Lesungen, Podiumsdiskussionen, Open-Mic-Nachmittagen und Performances für jeden Geschmack etwas bot.
So holte beispielsweise der Nachmittag des „encuentro hispanopoético“ („spanisch-poetisches Treffen“) am bedeutungsträchtigen 12. Oktober rund 20 Menschen nach Neukölln. Dort lauschten die Teilnehmenden zum Thema „territorio“ nostalgischen Texten zur zurückgelassenen Heimat in Argentinien, Spanien oder Peru. „Territorio“ verwandelte sich bei den spanischsprachigen Nachwuchs-Poetinnen aber auch in Körper, zur kleinen Truhe, in der Erinnerungen liegen, oder in die geliebte Person, die zurückgelassen wurde. „Ich bin sehr dankbar für diesen Raum, um meine Poesie vorzutragen“, erzählt Yusa aus Argentinien. Sie möchte ihre Gedichte veröffentlichen und freut sich über jede Möglichkeit, sie auf die Bühne bringen zu können.
Das „encuentro hispanopoético“ bietet aber nicht nur im Rahmen des Barrio-Festivals Künstlerinnen eine Bühne. Die Schriftstellerin Alicia Morán hat das Event 2018 ins Leben gerufen und seitdem findet es etwa einmal im Monat statt. Morán verfasst ebenfalls Gedichte und wollte „Leuten, die einen Raum suchen, sie vorzutragen“ diesen bieten. Als „underground, alltäglich und entspannt“ beschreibt sie die Atmosphäre.
Auf dem Literaturfestival sind auch Künstlerinnen wie Samanta Schweblin dabei. Die argentinische Autorin stellte am 21. Oktober im Literarischen Colloquium ihr neues Buch Das gute Übel vor. Im Gespräch mit FAZ-Kulturredakteur Paul Ingendaay spricht Schweblin über die Geschichten ihres neuen Erzählbandes. Zwischen vier und sechs Monate hat sie für das Verfassen der einzelnen Geschichten gebraucht, dabei sind von den ursprünglichen Manuskripten nur durchschnittlich 13 Prozent übriggeblieben (ja, sie hat nachgerechnet). Weniger konkret, aber umso faszinierender ist das Gespräch über das Unheimliche, das sich als Motiv durch all ihre Geschichten zieht – und die Gratwanderung, sich nicht zu sehr von Alltagssituationen zu entfernen, sondern vielmehr das eigentliche, abgründige Wesen dieser Situationen zu erforschen. Die Geschichten des Unheimlichen sind keine Horrorstories, eher suchen sie das Übernatürliche in kleinen Verschiebungen in der realen Welt.
Aus der Geschichte „Das Auge in der Kehle“ wurde ein langer Abschnitt vorgelesen. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines anfangs zweijährigen Kindes erzählt, das eine Lithiumbatterie verschluckt. Da die Behandlung verzögert erfolgt, sind die Schäden derart schwerwiegend, dass das Kind auf ein Tracheostoma angewiesen ist, eine Öffnung der Luftröhre nach außen. Anstatt sprechen zu lernen wie andere Kinder in diesem Alter, lernt die Figur durch den Hals zu atmen. Schweblin erzählt begeistert von diesem Loch im Hals, das die Grenze zwischen innen und außen verschwimmen lässt.
Zwei Personen aus dem Publikum hingegen verließen die Lesung zeitweise, um die beklemmende Geschichte nicht erneut zu hören. Die Zuschauer*innen erfahren auch, dass Schweblin aus sehr praktischen Gründen nach Berlin gezogen ist – hier wird sie für die Workshops, die sie bereits in Buenos Aires gab, besser bezahlt. So hat sie außerdem nun mehr Zeit zum Schreiben. Ihr Publikum jedenfalls hat sie hier schon mal gefunden.
Berlin ist eine Bühne für Geschichten aus aller Welt. Kunst und Kultur – vor allem Multikultur – sind das, was die Stadt ausmacht. Umso verheerende ist die aktuelle Sparpolitik des Berliner Senats. 2025 wurde der Kulturhaushalt um 130 Millionen Euro gekürzt; 2026 soll er um weitere 110 Millionen abgespeckt werden – und Kulturstätten kämpfen um ihr Überleben.
Festivals wie „Barrio“, mit gefüllten Sälen und gespitzten Ohren, zeigen, dass die diverse Kulturszene nicht aufgegeben wird. Lateinamerika hat Stimmen – und Berlin schenkt ihnen Gehör.


