
Über Cerro Pavón bei Soloy geht die Sonne auf. Die Luft ist klar und frisch. Über uns kreisen Habichte, ein Zeichen dafü, dass der Sommer Einzug hält. Neben mir steigt Wilfredo Mitre, genannt Willo, barfuß den Berg hinauf. Von hier oben scheint die Landschaft grenzenlos: Berge, Flüsse und dichter Urwald, soweit das Auge reicht. Ich bin im Januar 2025 in Soloy, um die Feria Etnoturística de Soloy zu besuchen. Das Festival verbindet Kultur, Kunst, Ökologie und Tourismus. Willo und seine Frau Karina De Gracia haben es ins Leben gerufen, um einen Ort zu schaffen, an dem die Ngäbe ihre Kultur zeigen und über ihre Zukunft sprechen können.
Soloy liegt im Indigenen Autonomiegebiet (in Panama comarca genannt) Ngäbe-Buglé, im Westen Panamas, nur 22 Kilometer von der Panamericana entfernt. In einer der historisch am stärksten benachteiligten Regionen des Landes setzen Willo und seine Frau Karina De Gracia auf eine andere Form der Entwicklung: gemeinschaftlichen und nachhaltigen Tourismus. Sie betreiben das Mrö Café und organisieren das jährlich stattfindende Festival von Soloy. Beides soll Einkommen schaffen, ohne die Menschen von ihrem Land und ihrer Umgebung zu entfremden.
Den Namen Cerro Pavón verdankt der Berg laut den Einheimischen einem goldenen Truthahn, der nachts den Jägern erschienen sein soll, erzählt Willo. Er trägt ein Tuch mit traditionellen Ngäbe-Mustern um den Kopf. Die bunten Dreiecke beziehen sich auf die Legende von Magatdä, der mythischen Schlange, die der Frau Mesi Kwira erschienen sein soll, um ihr die Schönheit der Landschaft zu zeigen.
Vom Gipfel aus zeigt Willo auf den Río Fonseca, der sich durch den Wald schlängelt, auf den Vulkan Barú und die kontinentale Wasserscheide. Im Süden liegt der Pazifische Ozean. Es geht hier aber nicht nur um eine beeindruckende Landschaft – welche die Lebensgrundlage der Menschen sein könnte, die hier leben. Es geht um die zentrale Frage hinter Willos Projekt: Wie lässt sich dieses Gebiet für Besuchende öffnen, ohne dass es aufhört, der Gemeinschaft zu gehören? „2014 haben wir angefangen, die ersten Entwürfe für das Mrö Café zu machen. Ende 2017 begannen wir mit dem Bau, und 2018 haben wir eröffnet“, erzählt er. Die Idee war, den Menschen, die im Tourismus tätig waren, einen Ort zu bieten, an den sie ihre Kundschaft bringen konnten. Doch anfangs sahen nicht alle das Projekt als Chance. Wo Arbeitsplätze rar sind, wird ein neues Projekt schnell als Konkurrenz wahrgenommen.


Wir verlassen Cerro Pavón und fahren zum Kiki-Wasserfall, der mit 113 Metern als der höchste Wasserfall Panamas gilt. Nach etwa 15 Minuten Fußweg erreichen wir den Aussichtspunkt. Kiki, auch „La Maestra“ genannt, ist für die Ngäbe mehr als ein Naturwunder: Nach ihrem Glauben sind Wasserfälle Tore, durch die man mit den Vorfahren in Verbindung treten kann.
Zum Mittagessen kehren wir ins Mrö Café in Boca de Soloy zurück. Reis, Rindfleisch oder Huhn mit Bohnen und heimisches Gemüse stehen auf dem Tisch. Willo und Karina stammen beide aus der Gegend. Er hat Philosophie studiert, sie Tourismusmanagement. „Wir haben diese beiden Bereiche miteinander verbunden, um Konzepte innerhalb der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft zu entwickeln“. Das Café war nur der Anfang. „Wir haben große Ideen, aber nur wenige Mittel. Trotzdem gehen wir Schritt für Schritt weiter“, sagt Willo.

Die Ngäbe bilden die größte Indigene Bevölkerungsgruppe Panamas und teilen sich die comarca mit den Buglé. Beide Indigenen Gemein- schaften haben eigene Sprachen, Traditionen und Lebensweisen. Die comarca Ngäbe-Buglé, die den Status einer Provinz hat, wurde 1997 nach jahrelangem Kampf der Indigenen Bevölkerung für ihre Rechte und den Schutz ihrer Ressourcen geschaffen. Rund 210.000 Menschen leben dort. Die Cordillera Central erschwert den Zugang, zugleich ist die Region bis heute von großer Armut und alltäglichem Mangel geprägt. Dabei ist sie reich an natürlichen Ressourcen: Zehn bedeutende Flussgebiete entspringen hier, in Cerro Colorado liegt eine der größten Kupferlagerstätten der Welt. Die bergige Landschaft und die hohen Niederschlagsmengen bieten zudem Potenzial für Wasserkraft. Projekte wie der Barro-Blanco-Staudamm am Río Tabasará sind aber umstritten (siehe LN 505/506).
Das Gebiet öffnen, ohne es aus der Hand zu geben
Die Ngäbe und Buglé sehen sich immer wieder mit eingeschränkten Konsultationsverfahren, der Ausbeutung natürlicher Ressourcen und der Kriminalisierung sozialen Protests konfrontiert. Zwischen den gesetzlichen Schutzbestimmungen für Indigene Territorien und ihrer Umsetzung klafft eine Lücke (siehe LN 453). Vor diesem Hintergrund wird das, was Willo und Karina aufbauen, zu mehr als einem Tourismusprojekt. Es ist der Versuch, eine Alternative zu schaffen: Einkommen zu generieren, ohne die Verbindung zum Land zu zerstören; das Gebiet zu öffnen, ohne es aus der Hand zu geben; und die eigene Kultur selbst zu erzählen, statt sie von anderen erzählen zu lassen.
Der Anfang war schwierig, denn ein Teil der Bevölkerung fühlte sich durch das Mrö Café bedroht. Doch dann kam 2019 das von der katholischen Kirche organisierte weltweite Treffen der Indigenen Jugend nach Soloy, ein wichtiger Impuls für die weiteren Projekte. Im Jahr 2020 entwickelten Willo und Karina das Konzept für das Festival von Soloy. Sie wollten es von Anfang an gemeinsam mit der Gemeinschaft aufbauen: „Das Festival hat ein sehr schönes Konzept. Es ist ein Fenster, durch das wir unsere Kultur mit anderen teilen können“, sagt Willo.

Kaum hatten die beiden begonnen, brach die Pandemie aus. Die erste Ausgabe des Festivals fand 2021 virtuell statt, mitten im Lockdown. Für Willo war es beinahe verrückt, überhaupt daran zu glauben. Doch sie zeichneten Vorträge auf, bereiteten sie für YouTube auf und stellten die Inhalte nach und nach online. Seitdem findet das Festival jedes Jahr im Januar statt. Es hat sich zu einem wichtigen Bezugspunkt für gemeinschaftlichen Tourismus in der Region entwickelt und bietet zugleich Kunsthandwerker*innen eine Plattform. „Dieser Prozess bedeutet auch, dass wir uns mit unserer eigenen Kultur auseinandersetzen und sie dokumentieren“, erklärt mir Willo.
Im Mittelpunkt steht die Kakaozeremonie. Kakao ist bei den Ngäbe ein heiliges Getränk. „Wenn wir das Ritual durchführen, verbringen wir vier Tage und vier Nächte damit, miteinander zu sprechen, Kakao zu trinken und über die Probleme nachzudenken, die uns beschäftigen. So haben wir es auch gemacht, als wir über die Kupfermine von Donoso gesprochen haben (eine große, nach einer Protestwelle im Jahr 2023 geschlossene Mine des kanadischen Bergbauunternehmens First Quantum Minerals in der Provinz Colón – siehe LN 596 -, Anm. der Red.). Und genauso wird es gemacht, wenn ein geliebter Mensch stirbt.“
Mit dem leben, was geschaffen wurde
Während der letzten Nacht der Feria beginnt die traditionelle Musik zu spielen. Rund um die Bühne sind die Stände mit Kunsthandwerk noch geöffnet. Die letzten Besucher schlendern zwischen ihnen hindurch. Einige Paare tanzen, andere heben ihre totumas (traditionelle Schale aus der harten Schale der Frucht des Totumo-Baums, Anm. d. Red.) zum Trinkspruch mit chicha fuerte, einem fermentierten Maisgetränk. Die Kunsthandwerkerinnen kommen mit den Menschen ins Gespräch, die an ihren Tischen stehen bleiben.
An einem der Stände sitzt Luz Nicole. Sie dürfte kaum neun Jahre alt sein. Neben ihrer Großmutter Ángela ordnet sie mehrere naguas (das traditionelle, bunte Kleid der Ngäbe-Frauen, Anm. der Red.). Sie trägt selbst eine rote nagua bis zu den Knöcheln. Über ihrem Rücken hängt ein ausgestopfter Ozelot, fast so groß wie sie. Monatelang war das Tier vom Berg heruntergekommen und hatte Hühner gerissen, bis Hunde es töteten. Nun hängt es zwischen bestickten naguas und perlenbestickten Chaquira-Ketten. Luz Nicole erzählt seine Geschichte mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie die von ihrer Großmutter gewebten Kleider zeigt. Es ist eine kleine Szene, aber sie sagt viel über das Festival. Vor wenigen Jahren wäre eine solche Veranstaltung in Soloy kaum vorstellbar gewesen. Die Geschichten waren immer da. Was fehlte, war ein Ort, an dem sie erzählt werden konnten. Das Festival schafft diesen Ort – nicht nur für die Besucherinnen, sondern vor allem für die Menschen aus der Gemeinschaft selbst.
Kultur, Kunst, Ökologie und Tourismus bilden die vier Säulen des Festivals. Dahinter steht eine einfache, aber grundsätzliche Idee: Die Ngäbe sollen selbst bestimmen, wie ihre Kultur gesehen und vermittelt wird. „Unsere Kultur und unsere Kunst wurden viele Jahre lang an den Rand gedrängt. Man hat sie sowohl im Land als auch seitens des Staates mit Armut und Rückständigkeit verbunden“, so Willo. Auch beim Begriff von Reichtum unterscheiden sich die Perspektiven. „Wir leben mit dem, was da ist. Wir machen uns keine Sorgen darum, Dinge anzuhäufen. Die Ngäbe-Kultur bedeutet, mit dem zu leben, was geschaffen wurde, und selbst Teil dieser Schöpfung zu sein. Die Natur gibt die Ordnung vor. Es gibt keinen Überfluss und wenn es doch einmal mehr gibt, wird geteilt.“ Diese Haltung prägt auch den ökologischen Teil des Festivals. Es geht um Saatgut, Wiederaufforstung, den Schutz von Wasserquellen und den Klimawandel. Workshops und Gesprächsrunden vermitteln Wissen über die Zusammenhänge der Natur. Beim Festivalthema Tourismus wiederum soll nicht ein fertiges Angebot von außen entstehen. Jeder Mensch kann mit seinem Wissen, seinem Handwerk oder seinen Erfahrungen Teil davon werden. Zum Programm gehören Workshops zur Herstellung von Hüten aus Bijao-Palmblättern, traditionelle Musik und der Jegui-Tanz sowie regionale Spezialitäten. Kunsthandwerker*innen erhalten Beratung und können ihre Arbeit präsentieren.

Allmählich verändert sich dadurch auch die Rolle der Menschen im Dorf. „Die Menschen aus der Gemeinschaft, die an den Podiumsdiskussionen teilnahmen, hatten noch nie öffentlich gesprochen. Wenn sie zehn Worte sagten, war das schon viel. Nach fünf Jahren Festival kommen sie von selbst. Sie wollen sprechen. Und sie nehmen das Mikrofon selbst in die Hand“, erzählt Willo. Das Festival stärkt so nicht nur den gemeinschaftlichen Tourismus., sondern auch das Selbstbewusstsein der Menschen und ihr Interesse, die eigene Kultur zu bewahren. „In Zukunft wird vieles von diesem Wissen abhängen. Es ist wichtig, es weiterzugeben, damit wir überleben können“, sagt Willo.
Am Nachmittag lassen wir den Tag am Holztisch des Mrö Café ausklingen. In der Ferne überqueren Frauen die einfache Brücke über den Río Fonseca, während Kinder am Ufer spielen. Karina holt einen Topf mit Kakao hervor. Die Zeremonie beginnt. Willo bittet uns, an die reinsten Absichten in unseren Herzen zu denken, während wir die Kürbisschalen mit dem Kakao in Richtung der vier Himmelsrichtungen heben. Er lädt uns ein, an die Vorfahren zu denken, aber auch an die Zukunft, und an unsere Verantwortung, sie zu einem besseren Ort zu machen. Der Kakao geht von Hand zu Hand. Die Musik ist verstummt, die Stände schließen langsam. Über dem Dorf wird es dunkel. Ich nehme einen Schluck von dem heiligen Getränk und denke an Luz Nicole. An das Kind mit der roten nagua und dem Ozelot auf dem Rücken. Vielleicht liegt die Bedeutung dieses Festivals nicht darin, möglichst viele Menschen nach Soloy zu bringen, sondern darin, dass eine junge Ngäbe wie Luz Nicole aufwächst in dem Wissen, dass auch die Geschichten, die sie trägt, erzählt werden sollten.
Eine sanfte Sommerbrise zieht durch das Dorf und bewegt die Baumkronen und Hängematten. Ich schließe die Augen und sehe den Fluss vor mir, Magatdä, wie sie sich die Bergkette hinabbewegt und auf ihrem Weg alles mit Wasser und Licht erfüllt.



