Der Erdölboom des Karibikstaats verleiht Guyana derzeit das stärkste Wirtschaftswachstum des Kontinents. Der Grund für das plötzliche Wachstum liegt an der Entdeckung riesiger Ölvorkommen an der Essequibo-Küste, auf die auch Venezuela Anspruch erhebt. Der plötzliche Reichtum belebt jedoch auch interne Spannungen wieder, die seit der Unabhängigkeit im Jahr 1966 bestehen.
Das Ende des ethnischen Zweiparteiensystems
Die tiefe Spaltung der Gesellschaft geht auf zwei große Parteien zurück: die Progressive Volkspartei (PPP) vertritt die indo-guyanische Bevölkerung, die Nationale Volkskongresspartei (PNC) repräsentiert die starke afro-guyanische Basis. Diese beiden Identitäten bestimmen nicht nur die Parteizugehörigkeit, sondern auch den Zugang zu Jobs im öffentlichen Sektor, die Verteilung von Ressourcen und letztendlich die territoriale Kontrolle. Bei den Wahlen im September verstärkte die aktuelle PPP-Regierung unter Irfaan Ali ihre Macht und gewann die Wahlen mit 55 Prozent der Stimmen – wohl unterstützt durch die Gewinne aus dem Ölgeschäft und die Abkommen mit ausländischen Konzernen wie ExxonMobil. Der Aufstieg von Mohamed Azzurdin, der mit der neu gegründeten Partei We Invest in Nationhood (WIN) zu den Wahlen antrat, sorgte für Unruhe. Trotz einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung in den USA, erreichte der junge indo-muslimische Bergbauunternehmer 25 Prozent der Stimmen und zog als zweitstärkste Kraft ins Parlament ein.
Azzurdin verkörpert die Unzufriedenheit einer neuen aufstrebenden Mittelschicht im Bergbaugebiet, die der Meinung ist, dass der Ölboom vor allem den städtischen Eliten von Georgetown zugutekommt. Dank seiner Kampagne für die Umverteilung der Öleinnahmen und für regionale Autonomie, gewann er viele Stimmen in Regionen, die normalerweise von ethnischer Spaltung geprägt sind.
Auch Venezuela erhebt seit dem 19. Jahrhundert Anspruch auf die Essequibo-Region. Der Ölfund hat den diplomatischen Konflikt zwischen beiden Ländern angefacht und den nationalistischen Diskurs der Regierung von Guyana verstärkt. Der Wirtschaftsboom macht wenige reich, während die strukturellen Ungleichheiten, die die Gesellschaft spalten, bestehen bleiben.
Die Spannungen im Wahlkampf führten zu einer besonderen diplomatischen Einmischung. Die US-Botschaft finanzierte die Ausbildung der guyanischen Polizei, um das Wahlergebnis zu beeinflussen. Das wurde von einigen als Unterstützung für die Regierung gedeutet, von anderen jedoch als Warnung vor möglichen Unruhen oder Anfechtungen der Legitimität gewertet.
Die nahe Zukunft Guyanas ist von einem Paradox geprägt. Das kleinste Land Südamerikas hat sich zu einem Riesen-Energieversorger entwickelt, doch sein gesellschaftlicher Zusammenhalt hängt weiterhin an einem dünnen Faden. Während das Erdöl die internationalen Märkte versorgt, vergrößern seine Gewinne im Inland die Kluft in der Gesellschaft.

