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Ich habe Hunger und öffne ein Buch

Die Lyriker José Kozer und Alberto Szpunberg stimmen in erstaunlich vielem überein. Sie wurden 1940 geboren – Kozer in Havanna, Szpunberg in Buenos Aires. Sie sind Kinder jüdischer EinwandererInnen aus Ostmitteleuropa – Kozers Eltern kamen aus Polen und der Tschechoslowakei, Szpunbergs Vorfahren aus der Ukraine und Bessarabien. Beide haben später selbst ihr Land verlassen – Kozer ging 1960, nach der Kubanischen Revolution, in die USA, Szpunberg floh 1977, verfolgt von den Schergen der Militärdiktatur, nach Spanien. Der eine wie der andere hat als Hochschullehrer für Literatur gearbeitet. Und beide sind – der eine im kubanisch-exilkubanischen Umfeld, der andere in der argentinischen Bücherwelt – bekannte und sehr produktive Lyriker, die soeben erstmals in zweisprachigen Auswahlbänden dem hiesigen Publikum vorgestellt werden.

Bei Kozer ist Schreiben eine Daseinsweise, die sich nicht im Ergebnis erfüllt, sondern im Prozess

Wer José Kozer einmal erlebt hat, vergisst ihn nie. Als er im Jahre 1995 bei dem schon legendären Treffen kubanischer Autoren und Autorinnen in Berlin las, faszinierte er mit seiner halb szenischen Vortragsweise, die die Worte sichtbar machte. Die „plissierten Reispapierjalousien“, durch die im Gedicht „Schattierung“ das Licht ins Zimmer dringt, wurden in seinen Gesten, in seinem zwischen Buch und Publikum wandernden Blick zu etwas Anwesendem, und sie gaben einen Dichter zu erkennen, der eins ist mit dem, was er schreibt. In Interviews hat José Kozer sich gern dazu bekannt, dass er im Schreiben lebt, dass er jeden Tag ein Gedicht verfassen muss, er aber am Nachmittag oft bereits wieder vergessen hat, wovon dasjenige handelte, das er am Morgen schrieb: Schreiben als Daseinsweise, die sich nicht im Ergebnis, also in abgeschlossenen Gedichtbänden erfüllt (weswegen es müßig wäre, den „vollständigen“ Kozer zu publizieren – das ist eine Herausforderung an unsere Gewohnheiten), sondern im Prozess.
Im erwähnten Gedicht „Schattierung“ haben diese Jalousien die Funktion, noch eine Weile zu verbergen, dass das einfache Zimmer kein „Kaisersaal“ ist, dass die Blumen aus Plastik und der Teint der Geliebten nur Schminke sind. Beim Sprechen schaut der Dichter, oder beim Schauen spricht er: Vielleicht ist dies, das betrachtende Selbstgespräch, Kozers Schreibprinzip. Er hat dafür mit der Zeit eine eigene Form entwickelt, die dicht bei der Prosa angesiedelt ist. Seine Strophen beginnen jeweils mit einer über die ganze Buchseite durchgeschriebenen Zeile, während die folgenden Zeilen links und rechts etwas eingerückt sind. Wie ein breitgezogenes „T“ verkörpern sie Gedankenphasen, die in Ruhe strömen können, bis der nächste Impuls die nächste Strophe beginnen lässt. Unterbrochen werden die Abschnitte nur gelegentlich durch Worte in Klammern, die mal einen Gedanken verstärken, mal einen Kommentar abgeben, Widerspruch anmelden oder einfach dem Klang nachlauschen.
José Kozer ist durch seine Biographie mit genügend Anregungen versehen worden, sich mit dem eigenen Platz in der Welt zu beschäftigen. In seiner Familie sei er die erste und zugleich die letzte Generation, die man als Kubaner bezeichnen könnte, hat er einmal gesagt; die Viersprachigkeit seiner Kindheit (Polnisch, Tschechisch/Slowakisch, Jiddisch, Spanisch) kommt hinzu. Kozer setzt noch eines obendrauf: als Enkel eines in der jüdischen Tradition lebenden Orthodoxen (der nebenbei bemerkt die erste aschkenasische Synagoge in Kuba gründete) und als Sohn eines atheistischen Vaters fand José Kozer selbst eine Heimat im Buddhismus. Und bekennt sich doch dazu, dass er, wenn er das „Höre, Israel“ betet, das Kerngebet des Judentums, viel tiefer, existenzieller berührt ist als bei Zen-Meditationen.
Kozer zu lesen ist ein Abenteuer auf der Reise durch das eigene Ich, ein Abenteuer, das spektakulär werden kann. Vor einigen Jahren wurde erstmals eine Gedichtauswahl Kozers in Kuba selbst publiziert, man lud den Dichter im Februar 2002 ein, das Buch vorzustellen – und bei dieser Gelegenheit das Haus seiner Kindheit zu besuchen. „… im Glasschrank im Esszimmer fand ich dieselben Teller, die Purim-Becher, den Elia-Becher (Pessach), Becher des Empfangs im Dämmerlicht des Speisezimmers, Teller und Becher des Empfangens. // Man ließ mich den Schrank öffnen, ich roch sein Dunkel, das Kind erschnupperte das Kind …“ Aber die Kindheit und ihr Ort ist verloren, mit ihr auch die Möglichkeit des unmittelbaren Empfangens; was bleibt, bleibt in der Erinnerung – ein altes Menschheitsthema, nicht nur für diejenigen, die den realen Ort ihrer Kindheit verlassen haben.
Auch in Alberto Szpunbergs Gedichten ist die Abwesenheit von der Heimat ein immer wiederkehrendes Thema. Dies gilt auch für den siebenteiligen Zyklus „Exil in El Masnou“, das auf das katalanische Küstenstädtchen anspielt, in dem Szpunberg seit Jahren lebt. In „Achillesferse“, dem ersten Gedicht des Zyklus, steht ein Mann am Meer, das doch das Meer der (griechischen) Götter ist. „… du weißt genau, daß diese, deine Götter, die starben, nicht aufstehen werden … / Du wirst mit nassen Schuhen nach Hause kommen, was soll‘s, / auf dem Weg kaufst du die Zeitung und suchst vergeblich die Nachricht, / als sei das alles ein Traum, eine Mauer, kurz vor dem Einsturz.“
„… das alles“, das ist die argentinische Militärdiktatur. Szpunberg, der schon 1963/64 dem guevaristischen Guerilla-Volksheer EGP nahestand, war in den siebziger Jahren in das Revolutionäre Volksheer ERP eingetreten. Wie viele andere Kulturschaffende auch stand er dann auf den Todeslisten der Militärs, nachdem diese im März 1976 die Macht übernommen hatten. Er und seine Familie konnten sich retten, aber den 30.000 Getöteten und „Verschwundenen“ gilt sein Erinnern, etwa im Gedicht XIV des Zyklus „Das Buch Judith“: „Jede Abwesenheit – 30.000 Abwesenheiten – ist Lüge: / Jeder Blick widerlegt sie, / jede Träne spiegelt sie wider, / jede Straße ist für ihre Schritte, / was die Wirklichkeit für das Wunder ist: / diese Wahrheit, / nie gesehen / und immer gegenwärtig.“

Szpunberg konnte sich retten. Sein Erinnern gilt den 30.000 „Abwesenden“

In der Form sind Szpunbergs Verse auf ganz konventionelle Art frei. Auch wenn die eine oder andere an Erich Fried erinnernde Schlichtheit dazwischengerät, gelingen ihm eindrücklich schöne Szenen: etwa wie er am Meer die Sandburg findet, die seine Tochter morgens gebaut hatte und die noch nicht völlig vom Wasser zerstört ist.
Beeinträchtigt wird der Eindruck, den Szpunberg hinterlässt, allerdings durch die Wiedergabe im Deutschen. Bisweilen sind die Zeichenabstände und Wortzwischenräume – wohl um überhängende Zeilen zu vermeiden – so stark reduziert, dass es sich sehr schlecht liest. Es tauchen Fehler aller Art auf, die mit einem gründlichen Korrektorat hätten vermieden werden können. Vor allem aber leidet die Übersetzung selbst an Ungenauigkeiten und unsensiblen Lösungen. Wenn die Tochter an ihrer Sandburg gebaut hat und „en su costado“ noch die Spur der kleinen Hand erkennbar ist, dann befindet sich die Spur nicht „daneben“, sondern an der Seite der Burg, an ihrer Außenmauer. Schade auch die Übersetzung des schon angesprochenen Gedichts XIV, das bei Szpunberg so beginnt: „¿Qué uno entre todos / si no todos?“ Das im Verlauf häufig wiederholte „¿Qué …“ wird mit „Was für …“ übersetzt, also „Was für einer von allen, / wenn nicht alle?“. Das klingt holprig, geht aber im Notfall noch; was nicht mehr geht, ist die zweite Strophe: „¿Qué todos / si no uno y uno y uno…“ – „Was für alle / wenn nicht einer und einer und einer…“ Das „für alle“ gibt eine irritierende Zweideutigkeit im Deutschen, die im Spanischen nicht vorhanden ist. Und ein Notfall liegt nicht vor: es hätte einfach mit „Welche/r …“ übersetzt werden können.
Der Kozer-Band erfreut sich im Kontrast dazu einer Übersetzung, mit der Susanne Lange eine Meisterleistung ganz besonderer Art vollbracht hat. In großer Bescheidenheit sagt Kozer über Kozer: „Ein einziger ist sein Ehrgeiz: das gesamte Vokabular.“ Der Rausch der seltenen Wörter, der einen bei Kozer überkommt, ist bei Susanne Langes Version ohne weiteres nachzuerleben.
Am Ende überwiegen dann aber doch die Gemeinsamkeiten. Denn mit dem Zürcher teamart Verlag (François Bochud) und der Stuttgarter Edition Delta (Juana und Tobias Burghardt) präsentieren sich hier zwei risikofreudige und kompetente Kleinverlage, die mit einigen Bänden pro Jahr für die Nische der lateinamerikanischen (und iberischen) Lyrik Bewundernswertes leisten. Juan Gelman, Alejandra Pizarnik und Luisa Castro, Carlos Pellicer, Olga Orozco und Gloria Gervitz, Roberto Juarroz, Humberto Ak‘abal und José Hierro werden hier verlegt – nur lesen müssen wir, letzte Gemeinsamkeit, selbst.

José Kozer // Trazas / Spuren. Gedichte (zweisprachige Ausgabe) // Aus dem Spanischen von Susanne Lange // teamart Verlag // Zürich 2007 // 158 Seiten // 18,50 Euro // www.teamart.ch
Alberto Szpunberg // Der Wind ist manchmal wie alle. Gedichte (zweisprachige Ausgabe) // Aus dem Spanischen von Juana und Tobias Burghardt // Edition Delta // Stuttgart 2008 // 161 Seiten // 17,50 Euro // www.edition-delta.de

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