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„Ich töte nur Hühner“

San José, ein beliebiges Dorf in Kolumbien. Die Orangen können geerntet werden. Für den pensionierten Lehrer Ismael ein willkommener Anlass, auf die Leiter zu steigen und seinen Blick genussvoll über die Gartenmauer zu der wohl geformten Geraldina wandern zu lassen. Diese pflegt sich nackt auf ihrer Terrasse zu sonnen, während ihr Mann Eusebio Almida seine sanften Lieder mit Gitarrenmusik untermalt und das Spiel der Kinder den lichtdurchfluteten Garten mit Leben erfüllt. Nur um dem ungeschriebenen männlichen Gesetz Genüge zu leisten, sein Revier zu markieren, stellt Eusebio Ismael zur Rede. Aber selbst Geraldina stören Ismaels Blicke nicht, sie gesellt sich unbedeckt und vergnügt zu den beiden und lässt sich von Ismael eine geschälte Orange reichen. „Dorf des Friedens“.
Ismaels innerer Monolog verrät jedoch von Anfang an, dass der paradiesische Schein trügt. Nach und nach werden die gewaltsamen Spuren deutlich, die der interne Krieg in fast jeder Familie des Dorfes hinterlassen hat. So lebt die zwölfjährige Gracielita bei Geraldina, ihre Eltern starben bei einem Anschlag auf die Dorfkirche. Hortensias Mann wurde verschleppt, ebenso die Bäckerin, und letztendlich weiß niemand so genau, ob Paramilitär, Guerilla, der staatliche Militärapparat oder Drogenbarone dafür verantwortlich waren. Dies ist aber irrelevant, denn deren „Gesichter sind alle gleich erbarmungslos“.
Die Dorfgemeinschaft zerfällt stetig, vor allem die jungen Leute ziehen weg. Aber auch an Ismael zeigt sich ein zunehmender Verfall, die Spuren einer Altersdemenz. Seine Frau Otilia stellt ihn zur Rede, weil sein harmloser, diskreter Voyeurismus in krankhaftes Hinterherspionieren ausartet. Er hat Schwierigkeiten, Namen zu erinnern oder er irrt sich im Weg.
Mit dem erneuten Aufflackern der in das Dorf hinein getragenen kriegerischen Auseinandersetzung kommt die Gewalt Ismael unaufhaltsam näher. Zuerst betrifft es „nur“ seine Nachbarn, Geraldinas Mann und Kinder werden verschleppt, dann stellt sich heraus, dass auch Otilia verschwundenen ist und Ismael beginnt, sie im Dorf zu suchen. Mögen sich auch die körperlichen und geistigen Symptome seiner Demenz unter den traumatischen Eindrücken der Gewalt verstärken, Otilia und dass er auf der Suche nach ihr ist, vergisst Ismael nie. Mit seiner Frau, die er ebenso wenig versteht wie ihre drei schwarzen Katzen oder ihre Fische im Teich, ist er in der eingespielten Gleichgültigkeit einer langjährigen Ehe verbunden. Wegen ihr rennt er nun verwirrt durch Kugelhagel und Detonationen, getrieben von einer für die Demenz oft typischen, unkontrollierbaren Anhänglichkeit. Aber anstatt Otilia wiederzufinden wird er Zeuge der perversen Gewalt gegen die zivile Dorfbevölkerung. Nach einem Aufeinandertreffen mit Bewaffneten bricht die ganze Hilflosigkeit in einer wutentbrannten Anklage wie irrsinnig aus ihm heraus: „Ich töte nur Hühner.“ Wie Ismael inmitten der Gewalt in hellen Augenblicken seine eigene emotionale Verrohung bewusst wird, geht unter die Haut.
Die Ereignisse der Handlung basieren auf wahren Begebenheiten, die Evelio Rosero auch anhand von Berichten Vertriebener recherchiert hat. Gelungen ist ihm dabei ein aufwühlender Roman, der die menschlichen Abgründe und Leiden inmitten der unberechenbaren Gewalt des internen Krieges in Kolumbien literarisch vermittelt.
Zu erwähnen bleibt die unglückliche Übersetzung der Anrede Ismaels als profesor mit einem antiquiert klingenden „Herr Lehrer“, wohingegen sancocho unübersetzt als „Sancocho“ auftaucht. Kursivdruck oder eine Erklärung, dass damit das für die Andenregion typische Gemeinschaftserlebnis von Teilen und Mitteilen beim Eintopfessen gemeint ist, wäre wünschenswert gewesen.

// Stella Bühler

Evelio Rosero // Zwischen den Fronten // Aus dem Spanischen von Matthias Strobel // Berlin Verlag // Berlin 2008 // 175 Seiten // 19,90 Euro

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