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Im Sand rennen

Die schöpferische Euphorie der Gründerjahre, die dem Friedensschluss von 1996 in Guatemala folgte, ließ zahlreiche kulturelle Projekte aus dem Boden sprießen: Die im Januar 1997 von Zwanzigjährigen gegründete Casa Bizarra, ein verlassenes Gebäude im Zentrum der Hauptstadt, entwickelte sich zum hippen Treffpunkt der künstlerischen Studentenschaft. Javier Payeras, Maurice Echeverría, Regina José Galindo oder Ronald Flores sorgten hier erstmalig mit performativen Lesungen des literarischen Salons für Aufsehen. Sie gehören einer urbanen Schriftstellergeneration an, die in den 1970er Jahren geboren wurde und daher den blutigen Krieg, der seinen gewaltsamen Höhepunkt Anfang der 1980er Jahre im ländlichen Hochland hatte, mit gerade einmal zehn Jahren erlebten. Im Februar 1998 gründete der damals 27-jährige Estuardo Prado den Verlag X. Er war von Anfang an als ein subversives Projekt der Gegenkultur konzipiert, das jungen LiteratInnen die Möglichkeit bieten sollte, ihre Erstlingswerke zu veröffentlichen, die vom offiziellen Kulturbetrieb verschmäht wurden. Die kafkaesken Texte handelten von der Liebe in dreckigen Straßenecken, dem Kampf gegen das tägliche Malochen, Protest gegen sterile Einkaufszentren, künstliche Bedürfnisse, Einsamkeit und Selbstmord. Prado selbst veröffentlichte mehrere Kurzgeschichten, in denen er durch ausführliche Schilderungen zahlreicher Drogen- und Gewaltexzesse, oft im Format eines Drehbuchs für Fernsehprogramme, provoziert. In den „Werbepausen“ bieten Sexsklaven, auf Mord und Vergewaltigung spezialisierte Fotoagenturen oder Bars für Kinderschänder ihre Dienste an. Seine ProtagonistInnen sind ausnahmslos gesellschaftliche AußenseiterInnen, wie Transvestiten, Drogenabhängige, SelbstmörderInnen, Monster, klebstoffabhängige Straßenkinder oder Prostituierte, die die verbliebenen Werte des nachkriegsgeschüttelten Guatemalas – den Glauben an Gott, Heterosexualität, Monogamie, Liebe, Gesundheit oder den Wert ideologischer Ansätze – in Frage stellen. Die seltsam winzig gestalteten Ausgaben des Verlags, die in jede Hosentasche passten, nannte er dennoch optimistisch „Nach dem Ende der Welt“. Es roch verheißungsvoll nach einem Neuanfang, doch die Ernüchterung stellte sich rasch ein: Die Casa Bizarra wurde ebenso schnell geschlossen, wie der ambitionierte Verlag pleite ging. Die Freude über eine Unterschrift „X“ unter Friedensverträge, die nicht umgesetzt werden, ist längst verpufft.
2006 wurden in Guatemala 5.885 Morde registriert. 6.055 Menschen wurden durch kriminelle Handlungen verwundet – Tendenz steigend. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sieht die Gewalt als das herausragende Problem des Landes an. Mafiöse Jugendbanden, die maras, kontrollieren den Drogen- und Waffenhandel und finanzieren sich durch Schutzgelderpressungen, Entführungen und Auftragsmorde. Das Vertrauen der Bevölkerung in Justiz und Exekutive des Landes ist durch schwerwiegende Korruptionsfälle, Straffreiheit und eine geringe Aufklärungsquote stark erschüttert; massive Vorfälle von Lynchjustiz oder Frauenmorden sind die Folge. Frieden ist eben mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg und muss nach mehr als drei Jahrzehnten Mord- und Totschlag erst wieder erkämpft werden.
An dieser Stelle wäre die Kunst gefragt, ihren Beitrag zu leisten, doch Guatemalas Literaturbetrieb hat sich im letzten Jahrzehnt wenig entwickelt: Junge SchriftstellerInnen müssen die sehr hohen Produktionskosten oft aus eigener Tasche zahlen, da die Nachfrage auf dem Binnenmarkt aufgrund einer fast 40-prozentigen Analphabetenrate, enormen Bücherpreisen und einer fehlenden Lesetradition sehr gering ausfällt. Hinzu kommt, dass der Staat nach wie vor wenig Unterstützung anbietet, um junge KünstlerInnen zu fördern, was wiederum potenzielle SponsorInnen, VerlegerInnen und LektorInnen davon abhält, sich auf ein nachhaltiges Engagement einzulassen.
Dabei lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen. Inzwischen wurden die JungschriftstellerInnen von ihren älteren KollegInnen wahrgenommen, ein Generationskonflikt tut sich auf. Marco Antonio Flores, mit Los compañeros Begründer des neuen guatemaltekischen Romans und ehemaliger Guerillero, beschwert sich öffentlich: „Sie reden nur von sich selbst, dem Einzigen das sie kennen. Es interessiert sie nur ihr Joint, ein guter Schluck, Party, ein paar Weiber und die Kumpels.“ Die vulgären Schilderungen des Nachwuchses von Bordellbesuchen oder suizidalen Drogentrips entsprechen nicht den Erwartungen ihrer älteren KollegInnen, die besonders in den 80er Jahren ihr Leben riskierten, um schreiben zu können. Das Schreiben zu Zeiten des Schweigens, in denen ein Buch unter dem Arm bereits lebensgefährlich sein konnte, hatte eine klare Aufgabe. Der Schriftsteller Luis Arango, vierzig Jahre älter als die ernüchterte Avantgarde, erklärte in einem 1988 veröffentlichten Interview: „Wir müssen jetzt sofort schreiben, was wir morgen vielleicht nicht mehr schreiben können.“
Guatemalas NachkriegsliteratInnen hingegen schweben nicht mehr in Lebensgefahr, nein, sie reisen auf Einladung internationaler Stiftungen und Kulturvereine durch die Welt, erhalten Fördermittel und Stipendien, beherrschen mehrere Sprachen und chatten, bloggen, posten, was das Zeug hält. Sie tragen ihre Bücher auch nicht mehr unter dem Arm, sondern laden sie aus dem Internet herunter.
Der 25-jährige Julio Serrano verkündete im April diesen Jahres die Gründung des Internetverlages libros mínimos, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Werke zeitgenössischer guatemaltekischer DichterInnen und SchriftstellerInnen der Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen – eine Herausforderung, der die einheimischen Printverlage bisher nicht gewachsen waren. Unter www.librosminimos.org finden sich vier Erzähl- und sechs Gedichtbände zum freien Download. Bisher haben 7.000 UserInnen Bücher heruntergeladen; Zahlen, die die regulären Verkaufszahlen in Guatemala um ein Vielfaches überragen. Hier veröffentlichen die inzwischen nicht mehr ganz so jungen NachkriegsautorInnen der „ernüchterten Generation“, wie die Presse sie zu nennen pflegt, was ihnen unter den Nägeln brennt. „Wir sind die Nachnachkriegsgeneration“, behauptet Francisco Alejandro Méndez, dessen Crónicas Suburbanas sich wie scharfe Anklagen gegen eine ewig stumme Außenwelt lesen: Vereinsamte Crackabhängige, die sich damit vergnügen, ihre Katzen Bier trinken zu lassen. Schuljungen einer Eliteschule, die sich bereits beim pubertären Jointrauchen auf der Schultoilette sicher sind, ohne viel Hinzutuns in wenigen Jahren die Fäden dieses Landes in den Händen zu halten – und Recht behalten. Gewaltsamer Beischlaf, MTV, Drogen jeglicher Couleur und immer wieder Langeweile. Anscheinend würde es ihm gefallen, eine Generation überspringen zu können, damit sein Werk nicht mit der Nachkriegszeit und ihren postideologisch zugespitzten Interessenkonflikten assoziiert wird. Auch Javier Payeras, der in libros mínimos seinen Erzählband (…) y once relatos breves publiziert, möchte mit Guerilla, Kommunismus und Massakern scheinbar nichts zu tun haben: Das Sinnieren über eine Benetton-Werbetafel, die einen aidskranken Todeskandidaten abbildet, reiht sich in seinen Kurztexten an die Szenerie ängstlicher Mütter, die fürchten, ihre spielzeuggeilen Söhne könnten sie beim Vater ankreiden. „Nachkriegsliteratur? Mir scheint, der Begriff wird etwas zu oft bemüht. Ich denke, dass der wirkliche Krieg in diesem Land noch gar nicht begonnen hat“, so Payeras in einem Interview. Der wirkliche Krieg, so könnte man vermuten, wird in den Schlachten um das Interpretationsrecht eines nationalen Gedächtnisses geschlagen. Geschichte wird gemacht, doch wer darf dabei mitmachen?
Dritte-Welt-Selbstmitleid, Exzesse, eine arrogante Prise von Ich-bin-längst-aus-diesem-Land-herausgewachsen, etwas übertriebene Coolness und immer wieder rohe Gewalt, die sich in vielen Fällen gegen den eigenen Körper richtet. Gäbe es hässlichere Bilder als diese, um uns die Enttäuschung und Leere fühlen zu lassen, die man empfindet, wenn alle Hoffnung gestorben ist? Bilder, die einen Kloß im Hals hinterlassen, der sich auch mit dem zweiten Glas nicht einfach hinunterspülen lässt. Julio Serrano sagt es auf ambivalent-guatemaltekische Weise: „Guatemala ist roh, ja, es ist das Land der forcierten Kontraste; deine Hände werden rauh, ob du willst oder nicht. Aber ohne Streicheleinheiten können wir nicht leben, der Schmerz zwingt uns zu mörderischen Parties, die alltägliche, fast natürliche Gewalt lässt uns zu schrecklich sensiblen und komplexen Wesen werden. Aber gut, es ist wie im Sand rennen – irgendwann gelangst du auf die Aschebahn und sprintest davon.“

KASTEN:
Leserbrief – LN 408, Juni 2008, Guatemala: Wahrheit und Tod

Sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst haben wir uns gefreut, dass Sie auf den Mord an Bischof Gerardi vor 10 Jahren eingegangen sind und die Umstände und die ganzen Probleme bei der juristischen Aufarbeitung dargestellt haben.

Die Überschrift des Beitrages, wonach die Verantwortlichen noch immer auf freiem Fuß seien, ist allerdings zu relativieren und in dieser Form irreführend. Ihnen müsste bekannt sein, dass zwei Angehörige des Militärs und ein Priester seit einem Jahr rechtskräftig in diesem Fall verurteilt sind und im Gefängnis sitzen. Nach unserer Information ist das der einzige Fall, in dem in der Hierarchie höher gestellte Militärs wegen Mordes in einem politischen Fall verurteilt wurden. Das war schwierig und die Probleme, auf die in dem Beitrag verwiesen wurden sind alle zutreffend, aber wir sehen das trotzdem als wichtigen Schritt hin zur Überwindung der nach wie vor weit verbreiteten Straflosigkeit, gerade für Angehörige des Militärs.

Misereor hat das Menschenrechtsbüro ODHAG bei der juristischen Aufarbeitung des Falles unterstützt und tut dies auch weiterhin. Erst das engagierte Eintreten der Mitarbeiter dieser Organisation und das jahrelange Engagement als Nebenkläger vor Gericht haben zu dieser Verurteilung geführt. Darauf sind wir mit ODHAG stolz, während im Artikel dazu kein Wort kommt. Natürlich wissen wir auch, dass die drei Verurteilten wohl nicht alleine gehandelt haben und dass die Hierarchie des Militärs, einschließlich des erwähnten Generals Otto Pérez und des damaligen Präsidenten wahrscheinlich in den Mordplan involviert waren. Von daher soll auch versucht werden, weitere Verantwortliche des Mordes an Bischof Gerardi zu belangen. Aber immerhin sind drei der Komplizen nicht auf freiem Fuß und das finden wir sehr gut.

Eckhard Finsterer, Länderreferent, Bischöfliches Hilfswerk Misereor e.V.

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