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Himmel und Hölle im Chocó

Die katalanische Autorin Nuria Amat hat Mitte der siebziger Jahre, als 24-Jährige, in Kolumbien gelebt. Sie war mit dem aus der Provinz Chocó stammenden Schriftsteller Óscar Collazos verheiratet, bekam eine Tochter und sagt heute, sie selbst sei dort „zum zweiten Mal geboren“ worden.
Die Faszination, aber auch Verunsicherung, die die junge Frau damals empfunden haben muss, lässt sich in dem Roman „Königin von Amerika“ wiederfinden. Amat hat ihn mit autobiographischen Zügen ausgestattet, aber ungefähr ins Jahr 2000 verlagert. Nuria und Óscar heißen hier Montserrat (Mon) und Wilson, und sie geraten mitten ins Kreuzfeuer des kolumbianischen Bürgerkriegs, bei dem – anders als noch in den 1970ern – politische Ziele und moralische Glaubwürdigkeit der Kriegsparteien einander längst ähnlich geworden sind.
Wilson ist ein verfolgter Journalist, der sich im Regenwald an der pazifischen Küste zu verstecken versucht. Hierher ist ihm Mon gefolgt. Eine umkämpfte Gegend, verlaufen doch gerade hier die Transportrouten der Drogenhändler. Eine Gegend, in der auch die Natur voller bedrohlicher Gewalt steckt: die endlosen Regengüsse, der bedrohliche Urwald, in dem Schlangen herumliegen, die man erst bemerkt, wenn man kurz vor ihnen steht – und der Tod hat von Anbeginn an seine Hand im Spiel.
Die Liebe zwischen Mon und Wilson verläuft heftig, aber nicht harmonisch. In hart aneinandergefügten Sätzen, die sprunghaft zwischen Wilsons Trinkerei und seinem Schweigen, zwischen liebevoller Begeisterung und großer Angst wechseln, gelingt es der Autorin recht gut, die fragile Existenz dieser Mon zu gestalten. Halt findet sie bei den Frauen – bei dem, was man sich über eine kürzlich ermordete Lehrerin, die titelgebende „Königin von Amerika“, erzählt, aber auch und vor allem bei der ganz realen Aida, die schließlich zu ihrer Begleiterin wird. An ihrer Seite wohnt sie einem an die Walpurgisnacht erinnernden Tanz-, Prostitutions- und Koka-Stampf-Ritual bei, erlebt sie eine Verhandlungsrunde zwischen Guerilla und Drogenproduzenten mit, übersteht sie einen Bombenangriff. Die Flucht mit den anderen Frauen schließlich löst alle frisch entstandenen Vertrautheiten wieder auf.
Königin von Amerika ist ein schwieriger Roman, der trotz bisweilen hoher Spannung und vielen beeindruckenden Passagen auch Schwächen aufweist. Ein Teil mag auf die Kappe des Originals gehen. Autobiographisch fundierte Texte haben es – wie das reale Leben – so an sich, dass bisweilen die Pointe fehlt und manche Anspielung nur für die Autorin interessant ist. Die Hexereien und Totengespräche der Aida und Mons Frauensolidarisierung erinnern zudem etwas zu sehr an alternative Moden der siebziger Jahre. Das haltlos-sprunghafte Erzählen vom Beginn trägt schließlich nicht allzu weit, was auch für Nuria Amat ein Problem gewesen zu sein scheint, denn sie wechselt zunehmend zu linear erzählten Passagen. So bekommt der Stil insgesamt etwas Unentschiedenes.
Die vorliegende deutsche Fassung verstärkt diesen Eindruck des Unfertigen. Jan Weiz sind zwar viele schöne und klare Sätze zu verdanken – wie der: „Einen Himmel gab es nicht, und die Hölle war hier vollendete Tatsache.“ Die Besonderheit des Textes, seine Brüche, hat er durch harte Wechsel im Sprachniveau unterstrichen, und ungewöhnliche Formulierungen wie „Halt dich still!“ oder „einnachten“ passen gar nicht schlecht. Wenn dann aber zum x-ten Mal jemand „leer schluckt“ oder jemand etwas „in Händen hält“, ist das zu bieder für so einen verletzlichen Text, aus dem man sich noch einige weitere Stilmängel und Korrekturfehler herausgewünscht hätte.

Nuria Amat // Königin von Amerika // Aus dem Spanischen von Jan Weiz // Edition 8 // Zürich 2010 // 239 Seiten // 20,80 Euro

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