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„Veränderung muss von unten wachsen“

Die erste Ausgabe der Lateinamerika Nachrichten, damals noch Chile-Nachrichten, entstand kurz vor dem Putsch gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Wie kamt ihr damals dazu?
Clarita: Ich war 1969 und 1972 in Chile und habe zu Sozialen Bewegungen und Bewusstseinsbildung in den Elendsvierteln und auf dem Land gearbeitet. Das waren extreme Verhältnisse. Ich habe gelernt, wie Hunger riecht. Als Allende kam, war ich begeistert. Wir fingen ja schon vor dem Putsch an zu berichten, als man merkte, der Klassenkampf spitzt sich zu.
Urs: Chile war unglaublich wichtig und in aller Munde. Es gab die Vorstellung, mit Wahlen eine soziale Gesellschaft schaffen zu können. Viele von uns waren dagewesen, es war klar, wir mussten irgendetwas machen. Denn hier gab es keine ordentliche Berichterstattung. Wir trafen uns mit etwa 15 Leuten im Mai 1973 auf einer hessichen Wiese. Ich glaube, es gab grüne Soße. Die Nummer 1 der Chile-Nachrichten erschien am 28. Juni 1973, sieben Seiten, 200 Exemplare. Hier war es vor allem die Solidarität mit Chile, die groß war. Auch wenn die Bewegung hierzulande gegen ähnliche Prozesse in der Region nicht so stark war, haben diese uns dazu bewogen, die Zeitschrift nach vier Jahren in Lateinamerika Nachrichten umzubenennen.
Clarita: Für mich war damals ein Grundmotiv, dass der Widerstand gegen den Faschismus in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs vom Ausland fallengelassen wurde wie eine heiße Kartoffel. Das war ein Trauma. Es gab vielfältigen Widerstand auf vielen Ebenen, aber anstatt sich mit ihm zusammenzuschließen und ihn stark zu machen, haben sie ihn wirklich fallengelassen. Und dann kam in einem Land, in dem viele Freunde Erfahrungen gesammelt hatten, eine blutige Diktatur. Da war klar: Jetzt zeigen wir, dass es auch anders geht.

Wie habt Ihr aus Lateinamerika berichtet? Mit Distanz oder konkreter Unterstützung der Bewegungen?
Clarita: Ich war damals am Puls, wie den am meisten Unterdrückten Emanzipation ermöglicht werden sollte. Ich kannte die Sicht von unten. Ich habe in einem Projekt mitgearbeitet, wo es um die Vorarbeit zu einer neuen Verfassung gehen sollte. Allende als Arzt hatte ein superduftes Programm für eine allgemeine Krankenversorgung. Die Bewegungen sind immer Menschen und natürlich hat man mit denen gefühlt. Das bedeutet aber nicht, dass wir bei den LN nicht sehr genau diskutiert hätten, dass es zwingend erforderlich ist, mit Distanz zu berichten. Mit kritischer Solidarität.

Wie waren die ersten Sitzungen?
Clarita: Es gab eine große Bandbreite an Leuten. Es waren Künstler, Wissenschaftler, Flüchtlinge. Am Tag des Putsches kam sogar Gaston Salvatore, der Neffe von Allende. Natürlich gab es sehr viele Widersprüche unter uns. Die einen waren Sympathisanten von der MIR (Bewegung der Revolutionären Linken, Anm. d Red.), die anderen von den Sozialisten und wieder andere von der Izquierda Cristiana. Das war kein Einheitsbrei. Aber wir haben gesagt: Leute, der Klassenkampf spitzt sich zu und deshalb werden wir uns bei Grundfragen vollkommen solidarisieren. Das war eine Strategie. Menschenrechte, völlig klar, da waren wir alle dafür. Und die wurden mit Füßen getreten.

Wie habt ihr Euch damals in Zeiten ohne Internet organisiert?
Urs: Die französische Tageszeitung Le Monde war zum Beispiel eine ganz wichtige Quelle, weil die viel mehr geschrieben haben als hier irgendjemand. El País gab es damals noch nicht. Aber die Hauptinformationen kamen aus Chile selber. Die Leute haben uns per Post Sachen geschickt. Das dauerte dann drei vier Tage, aber immerhin. Und es kamen immer Leute als Flüchtlinge hierher, die uns Informationen brachten. Von 200 Exemplaren bei der ersten Nummer sind wir nach dem Putsch auf 6.000 hochgegangen.

Von diesen Auflagen können wir heute nur träumen! Wurden die alle in Eurer Wohnung produziert?
Clarita: Bis zum Putsch wurden die Chile-Nachrichten in meinem Zimmer gemacht und dann im Keller bei einem Pfarrer vom Flüchtlingskomitee.
Urs: Wir hatten auch Büroräume am Berliner Savignyplatz. Als wir anfingen richtig zu drucken, haben wir uns eine Druckerei gesucht und schließlich sind wir zu Oktoberdruck, wo auch einer von unseren Leuten arbeitete. In den Mehringhof gingen wir erst 1978. Das war ein ideologischer Tick von den Leuten, dass man unbedingt in was Genossenschaftliches sollte. Es hatten sich auch sehr viele Materialien bei uns angesammelt. Wir hatten gute Leute in Chile, die uns immer Zeitungen geschickt haben. Dann gab es die glorreiche Idee, einen Verein zu gründen, der auch ein Archiv haben sollte. Mitte 1974 wurde also das Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile Lateinamerika (FDCL) gegründet.

Was waren Eure Konflikte in der Redaktion?
Urs: Es gab schon Situationen, in denen man sich angebrüllt hat. Zum Beispiel als Sendero Luminoso in Peru in seiner Hochzeit war, hat eine junge Frau geschrieben: ,Aber die machen wenigstens was.‘ Und da hatte ich gerade davon erfahren, dass Sendero Luminoso eine Führerin aus den Armenvierteln umgebracht hatte, weil sie diese als Konkurrenz empfanden. Da hab ich die angeschrien, wie sie so was schreiben könne. Da ist es mit mir völlig durchgegangen. Und die hat mir das dann als übles Macho-Gehabe angekreidet. Das musste ich mir gefallen lassen.
Clarita: Wir hatten Spontis und wir hatten andere. Es gab sehr unterschiedliche Einstellungen, was die Organisationsformen betraf. Das führte mitunter zu Tränen. Widersprüche gab es auch in den Überzeugungen. Bei Chile gab es aber immer wieder sehr gemeinsame Punkte. Colonia Dignidad, die Strauß-Reise nach Chile – das waren Momente, wo wir als deutsche Bundesbürger erschüttert waren, warum man nicht einschreitet.
Urs: Es gab auch Auseinandersetzungen über die Arbeitsteilung. Die Sekretärin der Studentengemeinde hat erst nur getippt. Und fand das irgendwie nicht gut. Und dann haben wir darüber gesprochen, sehr deutlich, und dann fanden wir das alle nicht so gut. Ich hatte mich rausgeredet, dass ich ja sehr viel geschrieben hatte und deshalb vielleicht nicht beim Teller abwaschen dabei sein müsste. Aber das musste sich dann ändern.
Clarita: Bezüglich der Hierarchien in der Gruppe waren wir eben auch radikal. Es durfte keine Spaltung zwischen intellektueller und manueller Arbeit geben. Alles musste rotativ sein. Das war zu Anfang sehr schwierig, weil die Informationen geballt bei einigen Wenigen waren. Aber das hat geklappt.

Was war früher anders bei den LN?
Urs: Die Artikel waren bis 1981 oder länger noch alle nicht gezeichnet. Wir haben auch Angst gehabt, dass einem was passieren konnte. Drei ganz wichtige Leute der chilenischen Opposition waren im Ausland von der Junta umgebracht worden.
Clarita: In unseren Redaktionsräumen am Savignyplatz wurde einmal eingebrochen, damals gab es eine Hatz auf die Opposition in Deutschland. Wir wurden auch abgehört, es knackte immerzu. Das war ganz komisch. Trotz Willy Brandt.
Urs: Es ist jetzt ein bisschen friedlicher hier. Erstaunlicherweise ist aber vieles gleich geblieben. Ihr habt noch diese Sitzung: „Was ist wichtig?“ Die haben wir erfunden damals. Und dann die Tafel mit den Rubriken. Das ist genau dasselbe wie vor dreißig Jahren. Das ist von Generation zu Generation weitergetragen worden.

Aber wir sind jetzt bei twitter …
Clarita: Heute gibt es andere Möglichkeiten der Kommunikation. Deswegen kann man heute eigentlich noch radikaler denken. Es gab damals auch Leute, die waren sehr auf gutes Layout aus, das war schwierig, das habt Ihr heute hinter Euch wegen der Elektronik. Es war immer viel zu tun. Und ich erinnere mich, manchmal saßen Leute von uns im Kino, während wir hier arbeiteten. Aber ich habe dadurch gelernt, tolerant zu sein. Wir haben hier auch manchmal Nächte durchgearbeitet.

Das ist auch heute noch so. Hättet Ihr Euch denn damals vorstellen können, dass das so viele Jahre so weitergeht?
Urs: Ich hab immer gedacht, irgendwann wird das aufhören. Aber das ist sensationell. Bei der ersten Sitzung, wo wir dieses erste Nümmerchen gemacht haben, da hatten wir einen Altersdurchschnitt von 27 Jahren. Und wenn ich mich hier umgucke, habe ich das Gefühl, der liegt bei 26 Jahren oder vielleicht 29. Aber man muss bedenken, dass das 42 Jahre her ist.
Clarita: Ich finde es toll, dass die LN noch existieren. Vielleicht liegt das daran, dass sie selbstverwaltet sind. Das Gute an den LN und noch ein Grund, warum es sie noch gibt, ist, dass es so eine gewisse Grundsolidarität darüber gibt, dass man grenzübergreifend lernen muss. Man muss wissen, was los ist.

Urs, wie findest Du die heutige LN?
Urs: Man sieht den Unterschied in der Qualität des Papiers. Ist einfach gut.

Wir meinen eher inhaltlich …
Urs: Ist einfach gut. Also, Paul Singer (brasilianischer Experte für Solidarische Ökonomie, Anm. d. Red.) hat zum Beispiel mal gesagt, so einen guten Überblick wie in den LN kriege man in keiner brasilianischen Zeitung. Auch die Bewertung und so. Das ist prima. Das ist nicht jemand, der das einfach so daher sagt. Da könnt Ihr Euch schon was drauf einbilden. Franz Hinkelammert (Ökonom und Befreiungstheologe, Anm. d. Red.), der liest euch auch noch.

Damals gab es einen sehr kämpferischen Ton, einen ganz anderen politischen Impetus. Heute ist unsere Berichterstattung eher nüchterner, journalistischer. Wir machen keine Aufrufe für den Sieg der Arbeiterklasse mehr.
Urs: Ich finde, Ihr seid seriös. Ich neige eher zu der heutigen Form. Meine liebe Frau Clarita sieht das sicher anders.

Einige von uns haben das Gefühl, die gesamtgesellschaftliche Solidarität war früher eine andere und die großen politischen Zeiten sind hier vorbei.
Clarita: Aber überhaupt nicht.
Urs: Wenn ich sehe, was von jungen Leuten für die Flüchtlinge getan wird, unterscheidet sich das nicht viel von dem, was damals war. Die Solidarität mit den Chile-Flüchtlingen war automatisch politisch. Und das ist die mit den Syrien-Flüchtlingen auch.
Clarita: Der Kapitalismus ballt immer mehr Macht zusammen und ist dabei, die Natur zu zerstören. Deswegen ist die Solidarität sogar in unserem eigenen Interesse, heute mehr denn je. Das hat uns wahrscheinlich immer zusammengehalten, bei all den anderen Unterschieden. Und das Zusammenhalten, auch in einer gewissen praktischen Solidarität, ist ganz wichtig. Wie heute in der Redaktion, wenn es ein gemeinsames Essen gibt, wo jeder etwas mitbringt. Auch heute existiert immer noch der Klassenkampf – und wie! Der wird nur pressemäßig unheimlich runtergejubelt, aber der existiert manifest und ist so extrem, dass er einem schon fast den Mund verkleistert.
Ich hab damals gedacht, dass es möglich ist, etwas zu verändern, ich denke es heute auch noch. Ich habe aber nie daran geglaubt, dass sich etwas von oben ändert, sondern dass das von unten wachsen muss.

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