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„Alles, was ich tue, ist Teil eines einzigen Projekts des Widerstands“

Betritt man den Galerieraum der NGBK (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst) in Berlin-Kreuzberg, so ragt vor dem Besucher das knallbunte Mega-Werbeplakat einiger saftig-fleischiger, blutroter Tomaten auf, die sich um das Logo „DelMontte“ ranken. Dem Konsumenten von passierten Tomaten ist dies ein vertrauter Anblick aus den Regalen der Supermärkte, doch wie kommt es zu der Übertragung in den Raum der Kunst? Macht das Bombardement durch Werbebotschaften denn nicht einmal mehr vor der Galerietür halt? Doch auf den Wiedererkennungseffekt folgt die Irritation: Die Aufschrift „Pure Tomato“ hat Cuevas durch die Worte „Purer Mord“ ersetzt. Zwei Totenköpfe sind dem „DelMontte“-Logo hinterlegt, das mit dem Zusatz „Criminal“ versehen ist. Desweiteren sind die Schriftzüge CIA und UFCO in das Bild integriert. Eine Erklärungstafel versorgt den Besucher mit Hintergrundinformationen über die Zusammenhänge zwischen der Firma Del Monte, der United Fruit Company, der CIA und dem guatemaltekischen Ex-Diktator Rios Montt (siehe Kasten).
Die Arbeit „Del Montte“, die hier als gemaltes Wandbild im Galerieraum erscheint, ist nicht nur eine künstlerische Arbeit, sondern Teil einer umfassenden sozialen Kampagne, die das Ziel verfolgt, über die Machenschaften des Nahrungsmittelkonzerns Del Monte Fresh Produce/ United Fruit Company in Geschichte und Gegenwart aufzuklären. Cuevas’ künstlerische Arbeit ist direkt mit aktivistischen Interventionen im öffentlichen Raum verbunden. Galerie und Straße ergänzen sich. Über diese zwei unterschiedlichen Plattformen kann das größtmöglichste Publikum erreicht werden. Die verfügbaren kritischen Informationen gießt Minerva Cuevas in eine visuelle Form, die sich die Werbestrategien des Konzerns – hier das Logo – zunutze macht und dieselben Distributionskanäle verwendet, an die die KonsumentInnen gewöhnt sind. So wird das gefälschte Label auf die Ware am Obststand geklebt, die frisierte Konservenbüchse im Supermarktregal deponiert. „Kunst“ ist für Minerva Cuevas dementsprechend ein Werkzeug zur Aktivierung politischen Protests, da ihr „die Fähigkeit innewohnt, die Gesellschaft positiv zu beeinflussen, wobei es jedoch immer davon abhängt, was man betrachtet und was man damit beabsichtigt.“

Lebenshilfen für den Alltag

Die „Del Montte International Media Campaign“ ist im Zusammenhang zu sehen mit der 1998 von Cuevas gegründeten „Firma für besseres Leben“, die ihren Sitz im Wolkenkratzer Torre Latinoamericana in Mexiko-Stadt hat. Von dort aus vertreibt sie per Internet ihre kostenlosen „Produkte“, konkrete (Über)Lebenshilfen, die aus den Bedürfnissen des Alltags in der Millionenstadt erwachsen: U-Bahntickets, Barcode-Stickers, die auf die Lebensmittel aufgeklebt deren Preis im Supermarkt reduzieren, Lotterie-Lose, Tränengas zur Selbstverteidigung, Studentenausweise, die Ermäßigungen gewähren und sogar gefälschte Empfehlungsschreiben für Arbeitssuchende. Die Modifizierung und Umdeutung von Firmenlogos ist eine Praxis, die in den neunziger Jahren populär wurde und deren Ursprünge auf die Situationisten zurückgehen, die ab 1957 die Methode des Verdrehens und der Neudefinition von Bildern und Ereignissen entwickelten.
Diese Subversionsstrategien, die heute vor allem von links-aktivistischen Gruppen unter Begriffen wie „Culture Jamming“, „Adbusting“ oder „Markenhacken“ zur Anwendung kommen, sind jedoch für Minerva Cuevas oft nur ein Kratzen an der Oberfläche: „Die Mehrheit dieser Arbeiten reduziert ihre Aussage auf Parodie oder visuelle Assoziation. Im Unterschied dazu hat „Del Montte“ seinen Ursprung in einer sozialen Kampagne, die verschiedene Aktivitäten umfasst. Die visuelle Lösung ist ein sekundäres Element.“
Neben der „Del Montte“-Kampagne arbeitet Cuevas in vielen verschiedenen Projekten gleichzeitig, innerhalb und außerhalb künstlerischer Kontexte. Jedes spiegelt ihr Hauptanliegen wieder: Selbstbestimmung in Form des kollektiven Gebrauches von Ressourcen, Information und Technologie im Gegensatz zu deren Vereinnahmung und Kontrolle durch die hegemonialen, kapitalistischen Kräfte. Ihre Projekte beschäftigen sich mit offenem Radio, der Bewahrung der natürlichen Ressourcen, freier Software, kurz: „Aktionen, die eine soziale und gerechte Wirklichkeit fördern wollen“.

Mejor Vida Corp.: www.irational.org/mvc/ und Minerva Cuevas: http://www.irational.org/cgi-bin/cv/cv.pl?member=minerva

Kasten:
Die United Fruit Company
United Fruit Company (UFCO), Chiquita, Del Monte: Der multinational agierende Obstkonzern hat zwar im Laufe seines Bestehens des öfteren den Namen gewechselt und ein Netz von Tochtergesellschaften mit eigenen Firmennamen versehen, doch seine Methoden sind die gleichen geblieben: Miguel Asturias beschrieb 1954 in seinem Roman Der Grüne Papst die Entwicklung des Imperiums UFCO und den Rattenschwanz von Korruption, Spionage, politischem Druck, Verleumdung, Menschenrechtsverletzungen, Folter und Mord.
Im Volksmund „El pulpo“, die Krake, genannt, genoss die UFCO in Guatemala Steuerfreiheit, eroberte sich das Nutzungsrecht der Eisenbahn, erlangte das Monopol über das Post-, Telegraphen- und Telefonwesen und über die Stromversorgung des Landes, kontrollierte den gesamten Schiffsverkehr und war Eigentümer von über 300.000 Hektar Land. Das State Department in Washington bestimmte in Übereinstimmung mit dem amerikanischen Unternehmen die Politik Guatemalas. Der Höhepunkt dieses Einflusses zeigte sich im Sturz der demokratischen Regierung Arbenz 1954, nachdem diese sich erlaubt hatte, 250.000 Hektar brachliegendes Land der UFCO zu enteignen (gegen Entschädigungszahlungen) und im Zuge einer Landreform an landlose Bauern zu verteilen. Der damalige US-Außenminister Dulles, der gleichzeitig Anwalt und Aktionär der UFCO war, und sein Bruder, Chef der CIA und zuvor Präsident der UFCO, leiteten daraufhin eine militärische Intervention der US-Luftwaffe gegen Guatemalas frei gewählte Regierung ein und unterstützten einen Militärputsch, indem sie die Rebellen mit Waffen versorgten. Damit legten sie den Grundstein für 32 Jahre Diktatur und einen ebenso lange andauernden Bürgerkrieg in Guatemala, der mehr als 200.000 Menschen das Leben kostete.

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