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Aluminium hat einen matten Glanz

Ganz anders als die Umgesiedelten behandelt der staatliche Stromkonzern die transnationalen Aluminiumunternehmen. Die Eletronorte subventioniert den Strompreis der Aluminiumfabrik Alumar (Alumínio do Maranhão), die in São Luís im Bundesstaat Maranhão Erz aus Trombetas verhüttet. Allein im Jahr 1997 sparte die Alumar so 200 Millionen Dollar, auf Kosten des brasilianischen Staates.
Die Alumar, ein Gemeinschaftsprojekt transnationaler Konzerne, verbrauchte in den ersten Jahren ein Drittel des in Tucuruí produzierten Stroms. Nach der Fertigstellung aller Turbinen sank dieser Anteil auf ein Viertel. Das ist aber immer noch mehr als doppelt so viel Energie, wie im Bundesstaat Maranhão mit fünfeinhalb Millionen EinwohnerInnen konsumiert wird. Zusammen mit der Aluminiumindustrie von Barcarena im Bundesstaat Pará verbraucht dieser Industriezweig, der von zwei großen Konglomeraten dominiert wird, mehr als die Hälfte des in Tucuruí produzierten Stroms. Dieses Gewicht legten die Alumultis schonungslos in die Waagschale. Alumar bezahlt für die Megawattstunde durchschnittlich um die dreizehn Dollar, nur etwa die Hälfte des Energiepreises im Süden Brasiliens (in der Schweiz geht man davon aus, dass ein amortisiertes Wasserkraftwerk mit Produktionskosten von umgerechnet dreißig Dollar pro Megawattstunde konkurrenzfähig ist). Der Energiepreis der Alumar ist an den Aluminiumpreis der Londoner Metallbörse gekoppelt. Sinkt der Endverkaufspreis, bezahlt die Alumar weniger für den Strom. Wenn der Aluminiumpreis in London dagegen einen Höhenflug erlebt, dann kann die Alumar auf einen vertraglich festgesetzten Fixpreis zurückgreifen.
Der Vertrag mit der Eletronorte läuft im Jahr 2004 aus. Wirklich Sorgen bereitet der Chefetage der Alumar jedoch die geplante Privatisierung des staatlichen Stromkonzerns. Ein Käufer ließe sich bestimmt nicht so leicht unter Druck setzen, solche Begünstigungen weiter zu gewähren, zumal seit kurzem eine Hochspannungsleitung in den Süden Brasiliens besteht, wo der Strom wesentlich teurer verkauft werden kann. Für den Fall, dass sich die Alumar nicht gleich selbst an der Privatisierung von Tucuruí beteiligen kann, prüft das Unternehmen, einen Versicherungsvertrag abzuschließen, der einen bestimmten Höchstpreis garantiert, oder sich ganz vom Netz der Eletronorte abzuhängen und auf dem Firmengelände in São Luís ein Gaskraftwerk hinzustellen.
João Pedro Carvalho, Forstingenieur in der Umweltabteilung der Alumar, hat einen Verdacht: Der Journalist aus der Schweiz denke bestimmt, die Aluminiumfabrik sei hier, weitab in einem der ärmsten Bundesstaaten Brasiliens gebaut worden, um die Umweltstandards der Industrieländer zu unterlaufen. „Aber schau mal diese Bäume hier an, die liegen in der Windrichtung. Siehst du da etwa verdorrte Blätter?“, fragt Carvalho. Das Werk sei auf dem neuesten technischen Stand, und die Fluoremissionen erreichten nur ein Drittel des erlaubten Wertes.
Alumar ist die größte Aluminiumfabrik Brasiliens. Das Werksgelände umfasst 140 Quadratkilometer, mehr als die Hälfte der Industriezone von São Luís, der Hauptstadt des Bundesstaates Maranhão. Die Alumar-Fabrik liegt direkt am Meer, die meisten Alubarren gehen per Schiff Richtung Norden. Der Komplex beinhaltet beide Schritte der Bauxitverarbeitung, die Herstellung von Tonerde (Aluminiumoxid) und dessen Reduktion zu Aluminium. Die Mehrheit der Alumar gehört dem US-amerikanischen Konzern Alcoa, an der Tonerdeherstellung sind die drei Konzerne Abalco (Brasilien), Alcan (Kanada) und Billiton (England) beteiligt, an der Aluminiumproduktion partizipiert Billiton mit 46 Prozent.
Für jede Tonne Aluminium, die in der Alumar produziert wird, entstehen bei der Tonerdeherstellung 1,4 Tonnen giftiger Rotschlamm. Dieser Schlamm unterquert in Röhren die Autobahn, welche die Insel São Luís mit dem Festland verbindet, und wird in riesige, künstliche Teiche gepumpt. Deshalb ist das Werkgelände so groß, beim gegenwärtigen Produktionsrhythmus bleibt noch Platz für den Dreck der nächsten fünfzig Jahre. Die Teiche seien dicht, sagt João Pedro Carvalho, das giftige Ätznatron werde über ein Drainagesystem aufgefangen und in die Produktion zurückgeführt. Nach dem Austrocknen erhalten die aufgefüllten Teiche einen Deckel mit Sträuchern und Bäumen. Giftig bleiben die Rückstände trotzdem, und das Sickerwasser muss auf unbestimmte Zeit kontrolliert werden.
José Policarpo Costa Neto, Professor für Süßwasserökologie an der Universität von São Luís, warnt: Das Grundwasser des Alumar-Geländes befinde sich praktisch an der Oberfläche. „In den fünfzehn Betriebsjahren der Fabrik wurden zwei Lecks in den Teichen mit dem Rotschlamm bekannt. Die Behörden haben aber keine Kontrolle über die Kontamination des Grundwassers.“ Die Alumar selbst überwacht die Emissionen des Werks und liefert die Daten an die Umweltbehörde von Maranhão. Diese hat keine Mittel, um eigenständige Messungen durchzuführen.

Wer bezahlt für die Rekordproduktion?

Die Alumar produziert jährlich an die 400 Millionen Tonnen Rohaluminium, mehr als zehn Mal so viel wie die Schweizer Gesamtproduktion im Walliser Werk Steg der Alusuisse. Neunzig Prozent werden exportiert, der größte Teil davon nach Europa, das von São Luís aus mit dem Schiff günstig zu erreichen ist. Wer das Aluminium aus Amazonien weiterverarbeitet, lässt sich nicht genau sagen, da Rohaluminium ein an der Börse gehandeltes Massenprodukt ist.
Die Alumar ist die produktivste Betriebsstätte in den weltweiten Aktivitäten der Alcoa. Den Grund dafür bekommt man bei der Werksbesichtigung allerdings nicht zu sehen. Obwohl der Besucher nach langem Insistieren Schutzkleidung erhalten hat, wird er doch immer nur im Auto um die gigantischen Fabrikhallen herumgefahren, aussteigen darf er nicht. Durch Tore und halb offene Fassadenteile ist kaum ein Blick auf den Produktionsprozess zu erhaschen.
Das Gespräch mit den Arbeitern der Alumar findet deshalb erst später in der Zentrale der Metallarbeitergewerkschaft Sindmetal im Zentrum von São Luís statt. Zé Maria Araujo sagt, dass auch ein Gang durch die Werkhallen nicht viel gebracht hätte: „Wohin die Besucher geführt werden, ist genau abgestimmt, den Arbeitsalltag zeigen sie nicht.“ Der größte Teil der Arbeiter, die direkt in der Produktion beschäftigt sind, werden beim Schmelzen der Tonerde zu Aluminium eingesetzt. Die Hitze ist unerträglich. Draußen brennt die Sonne des Äquators, und das Aluminium in den Öfen erreicht fast 1000 Grad. Die Arbeiter müssen die Öfen öffnen, um das flüssige Metall abzupumpen, wodurch sie Hitze, Staub und Gas abbekommen. Zu schaffen machen ihnen auch die Dimensionen der Maschinen, die für muskulöse, große US-Amerikaner konzipiert wurden. Die Menschen im Nordosten Brasiliens sind klein und zierlich. Rückenleiden sind in der Fabrik weit verbreitet. „Der Werksarzt hat dafür eine eigene Erklärung“, sagt Zé Maria „die Rückenprobleme kämen daher, weil die Arbeiter, wie viele Menschen im Nordosten Brasiliens, gerne in Hängematten schlafen.“ Die Aussage des Arztes ist typisch für den Umgang der Alumar mit Arbeitsunfällen und Krankheiten. Zum „totalen Qualitätsmanagement“ in der Alcoa gehören nämlich auch möglichst wenig Absenzen. Wer sich noch knapp auf den Beinen hält und nicht bis zum Hals eingegipst ist, muß weiter jeden Morgen antreten. Der Patient kann sich in der Krankenstation der Fabrik die Zeit vertreiben, so gilt er statistisch nicht als abwesend. Das erlaubt dem Management konzernintern und gegen außen das Werk ins beste Licht zu rücken. „Unfälle“ (accidentes) gibt es in der Alumar gar keine mehr, nur noch „Zwischenfälle“ (incidentes). „Die Firma spricht viel von Sicherheit“, sagt Zé Maria. „Sie meint damit aber lediglich die Sicherung der Produktionsmenge und der Qualität. Die Gesundheit der Menschen ist zweitrangig.“ Die Arbeiter ihrerseits tun alles daran gesund zu erscheinen, wer oft krank ist, rückt ganz nach oben auf der Abschussliste. Einen Hinweis auf die Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten bei der Alumar geben die anhängigen Klagen ehemaliger Arbeiter gegen die Firma: Sechs Fälle wegen schweren Rückenleiden, zwei Mal Erblindung, je ein Fall wegen des Verlustes von Fingern, einer Hand und des Geschmacksinns.
In den letzten Jahren nahmen Stress und Belastung am Arbeitsplatz kontinuierlich zu. Die Alumar beschäftigte in früheren Jahren einmal 3.500 Menschen, heute sind es noch 1.800. Gleichzeitig stieg die Aluminiumproduktion. Der Personalabbau wurde auch durch die 1.200 Arbeiter, welche für Drittfirmen auf dem Gelände der Alumar arbeiten, nicht kompensiert. Die Löhne betragen im Produktionsbereich durchschnittlich 800 Reais (gegenwärtig etwas weniger als 1000 D-Mark) je nach Qualifizierung und Dienstalter. Ein guter Lohn in einer Region, wo die meisten Menschen überhaupt keine Stelle finden, hinzu kommen überdurchschnittliche betriebseigene Sozialleistungen. Allerdings hat eine Beschäftigung im Produktionsbereich der Alumar immer mehr den Charakter eines Jobs auf Zeit. „In den letzten Jahren beobachten wir, dass kaum noch jemand länger als fünf Jahre angestellt bleibt“, sagt Julio Guterres, Funktionär der Sindmetal. Er vermutet, dass die Alumar so vor allem verhindern will, dass sich chronische Arbeitskrankheiten zeigen, solange die Arbeiter noch angestellt sind. Zudem lagert die Geschäftsleitung immer neue Bereiche an Drittfirmen aus. Diese zahlen durchschnittlich nur noch 250 D-Mark, ohne besondere Zusatzleistungen. Dabei machen die Schlechtergestellten oft genau die gleiche Arbeit wie die Alumar-MitarbeiterInnen. Seit kurzem sind sogar die Elektriker, eine zentrale Funktion in einem Aluminiumwerk, nicht mehr bei der Alumar angestellt.
Auch die Einstellung und Einarbeitung hat Alumar an eine andere Firma abgetreten. Diese bildet kontinuierlich Menschen für verschiedene Funktionen aus, die Absolventen dieser dreimonatigen Kurse wissen, dass sie kein Anrecht auf einen Arbeitsplatz haben, nur wenige werden am Ende genommen. Den Stammarbeitern der Alumar wird aber täglich vorgeführt, dass viele junge Angelernte nur darauf warten ihren Platz einzunehmen.
Die Gewerkschaftsaktivisten der Sindmetall sind nicht zu beneiden. Aktionen dürfen sie nur vor dem Werktor durchführen. Eine Fabrikskomission oder andere organisierte Aktivitäten am Arbeitsplatz gibt es nicht. Zwar arbeiten etwa zehn aktive Gewerkschaftsfunktionäre bei der Alumar, doch wenn diese zu aktiv werden, befördert das Unternehmen die Störenfriede auf Posten, wo sie kaum Kontakt mit Anderen haben. Über zu großen Zulauf können sich die Aktivisten nicht beklagen, das Risiko die Stelle zu verlieren ist vielen zu groß. Außer der Alumar gibt es kaum Industrie in Maranhhão, so daß selbst qualifizierte Arbeiter nur außerordentlich schwer einen ihren Fähigkeiten entsprechenden anderen Arbeitsplatz finden.

Kultur abhängig vom Aluminium

Das Schweigegebot zum Thema Alumar gilt nicht nur für vorsichtige Arbeiter. „Nicht einmal über tödliche Arbeitsunfälle berichten die Medien in São Luís“, sagt Julio Guterres. Kein Wunder, macht doch die Alumar eine aufwändige Imagepflege, die Zeitungen und Fernsehstationen einen großen Teil der Werbeeinnahmen garantiert. Dabei werden Kontakte gepflegt. Der lokale Ableger des brasilianischen Medien-Giganten TV Globo beispielsweise gehört dem brasilianischen Ex-Präsidenten José Sarney, heute Senator in der kleinen Kammer des Parlaments. Sarneys Sohn ist Umweltminister in Brasilia, seine Tochter Roseanna ist Gouverneurin von Maranhão und wird als aussichtsreiche Präsidentschaftskandidatin gehandelt. Auch Kleingeld wird verteilt; die ganze Kulturszene von São Luís ist abhängig von der Alumar, keine Kunstausstellung, keine CDs hoffnungsvoller Jungtalente ohne apoio cultural der Aluminiumfabrik. „Die Arbeiter sind manchmal ganz schön im Clinch“, sagt Zé Maria „sie haben Mühe ihren Familien klarzumachen, dass nicht alles so glänzt wie am Bildschirm.“

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