«

»

Artikel drucken

Anders als eine Nähmaschine

Am 21. September 2011 entschied ein Ausschuss deutscher Bundestagsabgeordneter, dass die Bundesrepublik Deutschland weiterhin mit 1,3 Milliarden Euro für den Bau des brasilianischen Atomkraftwerks Angra 3 haftet (siehe LN 312 und449 ). Das Atomkraftwerk der alten Siemens/KWU-Technologie wurde bereits Anfang der achtziger Jahre nach Brasilien geliefert, seine Fertigstellung jedoch 1984 wegen Finanzierungsschwierigkeiten gestoppt. Seither lagern die Bauteile auf dem Gelände der bereits in Betrieb genommenen Reaktorblöcke Angra 1 (1982) und Angra 2 (2000) in der Nähe von Rio de Janeiro: seit 27 Jahren, im tropischen Klima, direkt am Meer, auf dem Sand des Strandes von Itaorna, was übersetzt „Fauler Stein“ bedeutet.
Ob sich Brasilien ein so veraltetes Atomkraftwerk leisten könne, wird Laércio Antonio Vinhas, Direktor für Reaktorsicherheit der staatlichen Atomkontrollbehörde CNEN, im Dokumentarfilm Brasiliens strahlende Zukunft? gefragt. Vinhas antwortet: „Ich vergleiche das immer mit einer Nähmaschine. Heutzutage ähneln die besten Maschinen sehr denen meiner Mutter und meiner Großmutter. Es ist so wie bei einem Fahrzeug. Es gibt eine Menge Verbesserungen, aber die mechanischen Teile sind im Wesentlichen die gleichen.“
Nicht nur wegen dieses Zitats sei allen verantwortlichen deutschen Parlamentarier_innen der von Ralph Weihermann und Susanne Friess produzierte Dokumentarfilm nachdrücklich empfohlen, bevor sie im Januar 2012 erneut über die Exportkreditbürgschaft für Angra 3 abstimmen. Der Film bietet einen guten Überblick über den Atomzyklus in Brasilien. Vom ohne Lizenz betriebenen Uranabbau, der eine ganze Region kontaminiert, über nicht gekennzeichnete Transporte des radioaktiven Yellowcakes, bis zu den beiden Atomkraftwerken Angra 1 und 2 in einem von Erdrutschen bedrohten Gebiet, letzteres wird seit zehn Jahren ohne Betriebsgenehmigung betrieben. Der Zyklus schließt sich mit, wiederum nicht genehmigten, Transporten von Atommüll aus einem Forschungsreaktor in São Paulo, der im Mai dieses Jahres mehr als 2.000 Menschen im Uranabbaugebiet Caetité im Bundesstaat Bahia auf die Straße trieb.
Die vom Uranabbau direkt betroffene Landbevölkerung Caetités kommt in dem Dokumentarfilm ausführlich zu Wort. Viele wurden von ihren Grundstücken vertrieben und erhielten minimale Entschädigungen. Diejenigen, die blieben, werden täglich mit den Folgen des Uranabbaus konfrontiert. Die Mine senkt den Grundwasserspiegel in der semi-ariden Region. Radioaktiver Staub legt sich auf alle Oberflächen und Gewässer. Die Krebsraten in der Region sind hoch, das weiß man, auch wenn sie vorsichtshalber nicht offiziell erfasst werden.
Überhaupt erscheint im Laufe des Films seltsam vertraut, wie Atomindustrie und Staat mit der atomaren Bedrohung umgehen: Das Gerede über die natürliche radioaktive Grundstrahlung, die noch keinem geschadet habe. Der Verzicht auf offizielle Strahlenmessungen in den für die Menschen Caetités wichtigen Wasserquellen. Oder – falls doch gemessen wird – die fehlende Weitergabe der Daten an die, die das Wasser für ihren Gemüsegarten nutzen. Und nicht zuletzt das Herunterspielen der Risiken einer Technologie, die letztlich doch etwas anders funktioniert als eine Nähmaschine.

Brasiliens strahlende Zukunft? // Ein Film von Ralph Weihermann und Susanne Friess // Deutschland/Brasilien 2011 // 30 Minuten // Kigali Films/Misereor // DVD zu beziehen über Misereor oder http://youtu.be/wzds-mKpTwM

Infokasten: Der Atomzyklus In Brasilien

Rund 30.000 Menschen in 80 Gemeinden sind von der radioaktiven Kontamination betroffen, die von Brasiliens einziger Uranmine in Caetité im Bundesstaat Bahia ausgeht. Im Mai 2011 kam es erstmals zu großen Demonstrationen der Bevölkerung, die tagelang die Durchfahrt von 12 Lastwagen mit radioaktivem Müll aus São Paulo blockierten (siehe LN 444). Letztlich waren die Proteste erfolgreich: die Lkw-Fracht wurde unter Aufsicht ausgeladen und darf nicht in Caetité gelagert werden. Die Gemeindeverwaltung richtete eine Kommission ein und es fanden mehrere öffentliche Anhörungen statt, in denen die halbstaatliche INB (Indústria Nuclear Brasil) Rechenschaft über den Transport ablegen musste.
Die Menschenrechtsorganisation Plataforma DhESCA veröffentlichte im August 2011 einen 134-seitigen Bericht über die Situation in Caetité unter dem Titel „Die Einschränkung der Menschenrechte im Atomzyklus“ (http://www.dhescbrasil.org.br). Am 26. November fand der Aktionstag „Gelber November“ in Caetité zu den sozialen und ökologischen Folgen des Uranabbaus und der Energiepolitik in Brasilien statt, an dem dieser Bericht der Bevölkerung von Caetité vorgestellt wurde. Auch anderenorts regt sich der Widerstand: Ende Oktober zog eine antinukleare Karavane durch den Sertão, die sich gegen den von der Regierung geplanten Bau eines Atomkraftwerks am Rio São Francisco richtet.
Bislang werden pro Jahr die 400 Tonnen Uran aus der Mine Lagoa Real/Caetité im Bundesstaat Bahia zu so genanntem „yellowcake“ verarbeitet. Dieser wird nach Kanada verschifft zur Weiterverarbeitung zu Uranhexafluorid durch die Firma Cameco. Von dort wird es zur Anreicherung und Verarbeitung zu Urandioxid nach Europa zur britisch-niederländisch-deutschen Urenco geschickt, bevor es dann in Brasilien, in den Reaktoren in Angra, zur Atomstromgewinnung eingesetzt wird (siehe LN 411/412).

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/anders-als-eine-naehmaschine/