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Archivar des Schreckens

Es war am 22. Dezember 1992, als sich Martín Almada im Justizpalast der paraguayischen Hauptstadt Asunción meldete und Einsicht in seine Polizeiakte forderte. Der Dienst habende Richter fragte bei der Polizei nach, die daraufhin mitteilte, es gebe keine Akte über diesen Herrn. Doch der wusste mehr. Gemeinsam mit dem Richter und einem hinzugerufenen TV-Team fuhr er in den Vorort Lambaré und verschaffte sich Zugang zu einer kleinen Farm, auf der die Polizei ein wenig Landwirtschaft betrieb. Nach kurzem Suchen wurde man fündig. In einem nur mit einer Kette gesicherten Nebengelass lagerten fünf Tonnen Papier: detaillierte Berichte über Folterungen, Pässe von „verschwundenen“ RegimegegnerInnen aus verschiedenen Ländern Südamerikas, abgefangene Briefe. In einem trockenen Brunnenschacht fanden sich weitere Dokumente und auch ein paar Hitler-Bilder – aufbewahrt für eine Zeit, in der man die gesammelten Erkenntnisse gewiss wieder brauchen würde.
Das „Archiv des Schreckens“ darf heute im 8. Stock des Justizpalastes besichtigt werden, und Martín Almadas anfängliche Sorge, sein Fund könne „der Gleichgültigkeit, dem Erbe von Kollaboration, Angst und Unwissenheit“ Anheim fallen, hat sich als unbegründet erwiesen. MenschenrechtlerInnen und HistorikerInnen, aber auch StrafverfolgerInnen nutzen das Archiv rege. Dazu zählt auch der spanische Richter Baltasar Garzón, weltweit bekannt aus dem Verfahren gegen Chiles Ex-Diktator Pinochet. Die Funde hatten Garzóns Ermittlungen erst möglich gemacht.

Operation Condor bewiesen

In allen Prozessen gegen Regime-Größen aus Südamerika gehörten die von Almada aufgespürten Dokumente über die Kooperation der Diktaturen in der Operation Condor regelmäßig zu den wichtigsten Beweisen. „Für seinen außergewöhnlichen Mut und seine unablässigen Bemühungen, die Folterer zur Rechenschaft zu ziehen“, habe man Almada ehren wollen, erklärte nun die Alternative Nobelpreis-Jury. Gewürdigt wird damit ein Mann, der die Schrecken der Diktatur am eigenen Leibe erlebte. Von 1974 bis 1977 saß Almada im Gefängnis, weil seine Doktorarbeit zum Thema „Paraguay: Bildung und Abhängigkeit“ vom damaligen Präsidenten Alfredo Stroessner als „intellektueller Terrorismus“ empfunden wurde. Er wurde wiederholt misshandelt; seine Frau starb an einem Herzinfarkt, als die Diktaturschergen sie die Folterung ihres Mannes per Telefon mit anhören ließen. Freigekämpft durch eine Eilaktion von amnesty international, ging Almada ins Exil nach Frankreich. Er stieg bei der Unesco bis zum Direktor auf, veröffentlichte Gedichte aus seiner Haftzeit und sammelte Informationen über die Vorgänge in seiner Heimat.

Neue Dokumente

Als er nach dem Sturz Stroessners nach Paraguay zurückkehren konnte, gründete er dort eine Stiftung, die Frauen beim Aufbau von Genossenschaften unterstützt, und widmete sich weiter der Aufklärung der Diktaturverbrechen. Erst im April 2002 spürte er im 6. Polizeikommissariat der Hauptstadt neue Dokumente aus der Stroessner-Ära auf. Unermüdlich mahnt Martín Almada, wichtige Strukturen aus der Zeit der Diktatur bestünden noch immer fort. Wer ihm vor zehn Jahren den Tipp mit der Farm in Lambaré gab, hat er deshalb bis heute nicht preisgegeben.

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